Schwulst oder multireligiös?

Fritz Arthur Scheurer aus Wohlen ist einer von vielen, die den Schweizerpsalm neu dichteten. Doch ist der alte Text wirklich so schlecht?

Melodie von einem Katholiken, der Text von einem Reformierten: Der Schweizerpsalm.

Melodie von einem Katholiken, der Text von einem Reformierten: Der Schweizerpsalm. Bild: Keystone

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Vor einem Jahr hat der «Bund» fünf Alternativ-Texte zum Schweizerpsalm veröffentlicht. Diese waren zum Teil im Zusammenhang mit der Motion der Bolliger Nationalrätin Margret Kiener Nellen entstanden: Sie verlangte 2004 vom Bundesrat, er solle für eine neue, zeitgemässe Landeshymne sorgen.

Der Vorstoss scheiterte, das «Problem» blieb bestehen: Offenbar haben viele Schweizerinnen und Schweizer Mühe mit dem Text, der laut Kiener Nellen «den Schwulst und das Pathos des 19. Jahrhunderts» zum Ausdruck bringt, «ein patriarchales, nationales Gottesbild» vermittelt und «ausschliesslich die Männer anspricht».

Wechsel «wenig gründlich überlegt»

Nach der Publikation der Texte meldete sich Fritz Arthur Scheurer mittels Zuschrift. Das Thema beschäftigt den 89-jährigen ehemaligen Gemeindeschreiber und Zivilstandsbeamten aus Wohlen bereits seit seiner Kindheit. «Schon als Knabe» habe er es «als irgendwie abwertend empfunden», dass die Schweiz keine eigene Hymne habe, schreibt er. Damals sangen die Schweizerinnen und Schweizer ihr Lied «Rufst du mein Vaterland» nach der Melodie der Königshymne «God Save the Queen».

Den Wechsel zum Schweizerpsalm vor 51 Jahren bezeichnet Scheurer, der als Blasmusikdirigent und militärischer Spielführer eine Ahnung von Komposition hat, «als zu wenig gründlich überlegt. Man spürte es: Etwas passt da nicht zusammen.» Auch der «einfache Mensch» ahne, dass es bei diesem «schönen Lied im Grunde um etwas Religiöses und nicht um etwas Weltliches, Hymnisches geht». Zudem habe sich beim Absingen in den drei Schlussakkorden immer wieder Unsicherheit zwischen Gesang und Begleitung ergeben, «wenn nicht genau ausdirigiert werden konnte».

Viertel «d» wird zu zwei Achteln

Scheurer selber ist nicht untätig geblieben: Zunächst überlegte er sich, einen neuen Text zu einer anderen Melodie zu dichten. Dazu wollte er die Melodie des Volksliedes «Le vieux chalet» verwenden. Doch diese ist noch während längerer Zeit geschützt, wie er sagt. Somit bleibt sein Entwurf, der Texte in den vier Landessprachen enthält, in der Schublade.

Schliesslich hat Scheurer das getan, was andere Dichter auch schon taten: Er kleidete den Schweizerpsalm gewissermassen mit neuen Worten ein (siehe Box). Die Melodie übernahm er dabei eins zu eins vom Schweizerpsalm – «einzig in Takt 14 wird der Viertel ‹d› zu zwei Achteln». Zudem hat Scheurer in Takt 11 die drei Viertel der Mittelstimmen zur Melodie «aufgewertet» – «was für die Textübersetzung sehr wertvoll ist».

Seinen Text hat Scheurer «in historischer Reihenfolge viergeteilt». Die ersten acht Takte handeln von den alten Eidgenossen, die nächsten acht vom Bundesstaat. Dann mündet der Text in die «Moderne». Nebst Arbeit seien heute auch Sport und Spiel wichtig, sagt der Autor. Die Landeshymnen kämen besonders bei internationalen Wettkämpfen zur Geltung. «Der Sport steht zu den Hymnen; diese sollten daher auch zum Sport halten.» Im letzten Viertel schliesslich bitte die Schweiz für die ganze Welt um Frieden «und für sich um Gottes Segen», sagt Scheurer.

Schweizerpsalm «froh singen»

In nächster Zeit sieht es nicht danach aus, also ob die Schweiz eine neue Landeshymne erhielte. Der Bundesrat hat den Schweizerpsalm in seiner Antwort auf die Motion von Margret Kiener Nellen «trotz gewisser Mängel» als «würdig» bezeichnet – dies sei er insbesondere dank seiner Bekanntheit.

Zudem gibt es auch Stimmen, die den Text des Schweizerpsalms verteidigen. Die Monatszeitung «reformiert.» setzt in ihrer jüngsten Ausgabe gleich zur Ehrenrettung an: Die Hymne sei besser als ihr Ruf. Sie stehe für Konfessionsfrieden und tauge für die multireligiöse Schweiz, heisst es da. Die Zeitung stützt sich auf eine Arbeit des «theologisch interessierten» deutschen Meteorologen Tobias Grimbacher und führt mehrere Gründe an, warum es heute durchaus opportun sei, den Schweizerpsalm «froh zu singen».

So sei er etwa, im Unterschied zu einigen anderen Hymnen, kein Schlachtruf. Er sei «absolut frei von Gewaltfantasien», sei gar ein frühes Zeugnis ökumenischer Zusammenarbeit: Während die Melodie von einem Katholiken stammt (Alberik Zwyssig), entsprang der Text der Feder eines Reformierten (Leonhard Widmer). Ausserdem sei der Schweizerpsalm interreligiös: Die verwendeten Gottesbegriffe seien uralt und universal – sämtliche Bezeichnungen fänden sich auch in den «99 schönsten Namen Allahs». «Der Schweizerpsalm kann passagenweise selbst von grossmütigen Atheisten gesungen werden.» (Der Bund)

Erstellt: 31.07.2012, 13:23 Uhr

Der alternative Text von Fritz A. Scheurer aus Wohlen zum Mitsingen am 1. August:

Freiheit ist das höchste Gut / Lehrt der Eidgenossen Mut / Selber Herr und Richter sein, war ihr Schwur // Sechsundzwanzig Stände stehen heute zum Eid / Demokratisch, viersprachig, in alle Zeit // Bei der Arbeit, Sport und Spiel / Gut Gelingen ist das Ziel // Gott gibt Frieden aller Welt und segne unser schönes Schweizer Land.

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