Neue und andersartige Risse im AKW Mühleberg entdeckt

Ensi fordert neues Reparaturkonzept, AKW-Gegner die vorläufige Abschaltung.

Trotz der neu entdeckten Risse erlaubte die Atomaufsicht, dass Mühleberg wieder ans Netz geht.

Trotz der neu entdeckten Risse erlaubte die Atomaufsicht, dass Mühleberg wieder ans Netz geht.

(Bild: Adrian Moser)

Simon Thönen@SimonThoenen

Seit Sonntag läuft das Atomkraftwerk Mühleberg nach der vierwöchigen Sommerrevision wieder auf Volllast. Gestern nun teilte die BKW mit, dass während der Revision acht neue Risse im Kernmantel des AKW entdeckt wurden. Risse im Kernmantel sind nichts Neues. Sie wurden erstmals 1990 entdeckt und wuchsen seither. Für AKW-Gegner ist dies ein Sicherheitsrisiko. Die BKW verweist jeweils darauf, dass sie 1996 vier Zuganker montiert hat, die den Kernmantel stabilisieren.

Neu ist nun aber die Art der entdeckten Risse. Der Kernmantel, der unter anderem wichtige Sicherheitseinrichtungen hält, besteht aus zusammengeschweissten Stahlzylindern. Bisher befanden sich die Risse horizontal auf den Schweissnähten. Die acht neuen Risse verlaufen vertikal von oben nach unten. Mit einer Ausnahme gehen sie zwar von einer Schweissnaht aus, sie reichen aber in den Stahl der Zylinder hinein. Die Risse sind bis zu 10 Zentimeter lang.

«Beunruhigend» sind die neu entdeckten Risse für Jürg Aerni von der Organisation Fokus Anti-Atom. «Erstmals handelt es sich nicht mehr nur um horizontale Risse, sondern auch um Risse senkrecht zu den Schweissnähten. Zudem gehen sie über die Schweissnaht hinaus in das Stahlblech des Kernmantels hinein. Auch dies ist neu.»

Problematisch sei vor allem, dass die vier Zuganker, mit denen die BKW den rissigen Kernmantel bisher stabilisiert, «gegen senkrechte Risse nicht oder kaum stabilisierend wirken». Für Aerni braucht die BKW «wegen der neuen Risse auch ein neues Reparaturkonzept für den Kernmantel». Er fordert: «Bis dieses definiert und umgesetzt ist, muss das AKW abgeschaltet werden.»

Ensi: «Kein Risiko»

Für die Betreiberin BKW hingegen haben die «neu entdeckten Anrisse keine sicherheitstechnische Relevanz», wie sie auf Anfrage mitteilt. Sie habe «die Integrität des Kernmantels mit einer hohen Sicherheitsmarge nachweisen» können. Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) gab bereits letzte Woche bekannt, dass es die Inbetriebnahme von Mühleberg nach der Revision erlaubt hat – ohne in der damaligen Medienmitteilung die neu entdeckten Risse zu erwähnen.

«Für den kommenden Betriebszyklus stellen die neuen Risse sicherheitstechnisch kein Risiko dar», sagte gestern 
Ensi-Sprecher Anton Treier gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Diese Aussage bezieht sich allerdings nur auf ein Jahr, so lange dauert ein Zyklus.

Die Forderungen des Ensi zum rissigen Kernmantel haben sich mehrmals geändert. Ursprünglich forderte es über die vier Zuganker hinaus eine zusätzliche Stabilisierung. Als die BKW bekannt gab, dass sie das AKW 2019 abschalte, liess das Ensi diese Forderung fallen. Stattdessen verlangte das Ensi den Nachweis, dass in der restlichen Laufzeit auch ohne weitere Stabilisierung «ein ausreichender Sicherheitsgewinn» erzielt werde.

Am 30. Juni, also vor der Sommerrevision, reichte die BKW dem Ensi ein entsprechendes «Instandhaltungskonzept für den Kernmantel» ein. Laut Auskunft der BKW sieht dieses «Sonderprüfungen bei neuen Erkenntnissen» vor. «Diese liegen nun vor», teilt BKW-Sprecherin Murielle Clerc auf Anfrage mit. «Deshalb fordert nun das Ensi auch eine Präzisierung der weiteren Massnahmen hinsichtlich der neuen Befunde.» Das Ensi fordert also Nachbesserungen am Konzept. Die BKW wird diese laut Clerc bis Ende Oktober einreichen.

Nicht bekannt ist, ob und wie stark die schon früher entdeckten Risse weitergewachsen sind. Die entsprechende Prüfung mit Ultraschall findet nur alle zwei Jahre statt, das nächste Mal 2015.

DerBund.ch/Newsnet

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