Schuss vor den Bug der BKW

Die Atomaufsicht Ensi nimmt den Vorwurf nicht zurück, die BKW-Spitze kümmere sich zu wenig um AKW-Sicherheit.

Das Ensi hält die Kritik an der BKW-Spitze aufrecht: Sie kümmere sich zu wenig um die AKW-Sicherheit.

Das Ensi hält die Kritik an der BKW-Spitze aufrecht: Sie kümmere sich zu wenig um die AKW-Sicherheit. Bild: Adrian Moser (Archiv)

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Kurz vor Weihnachten hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) einen harten Vorwurf gegen die BKW erhoben: «Der Verwaltungsrat der BKW nimmt seine Verpflichtung nicht genügend wahr, auf systematische Weise die Sicherheit des Kernkraftwerks Mühleberg zu bewerten, um vorausschauend die nötigen Verbesserungen einzuleiten.» BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche reagierte erstaunt und empört.

Vergangene Woche fand nun eine Aussprache zwischen Gasche und Ensi-Direktor Hans Wanner statt. Ergebnis: Gasche akzeptiert die Kritik, wenn auch mit Vorbehalten. Das Ensi seinerseits gibt «keine Auskunft» zum Ergebnis der Aussprache, wie Sprecher Sebastian Hueber auf Anfrage mitteilt. Seine Kritik an der BKW-Spitze erhält das Ensi aber aufrecht. Von seinem Bericht zur Sicherheitsprüfung von Mühleberg, in welchem der Vorwurf an die BKW-Spitze steht, rückt das Ensi nicht ab. Hueber: «Er gilt so, wie wir ihn publiziert haben.» Wie schon im Ensi-Bericht untermauert Hueber diese Aussage damit, Inspektoren der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) seien zum selben Schluss wie das Ensi gekommen.

Kader im AKW zu wenig präsent

Die Inspektoren hatten die Betriebsabläufe im AKW Mühleberg im Oktober 2012 im Rahmen der sogenannten Osart-Mission geprüft. Auch die IAEA-Experten kritisierten, die Vorkehrungen der BKW seien «nicht robust genug, um dem obersten Werksverantwortlichen eine fortlaufende Überprüfung der Sicherheitsleistung des Kernkraftwerks zu ermöglichen». Den Kern des Sicherheitsproblems sahen die Experten ebenfalls in Führungsfehlern der BKW: «Die Manager verbringen nicht genügend Zeit vor Ort, um Arbeitsplätze und den Zustand der Anlage zu beaufsichtigen, die Reaktormannschaft zu betreuen und die Erwartungen des Managements mitzuteilen und durchzusetzen.»

Sichtbar werde das Versäumnis etwa darin, dass die AKW-Mannschaft «kleine Probleme bei der Ausrüstung und Beinahe-Vorfälle» nur mangelhaft melde. Beides wäre in einem alternden AKW aber wichtig, um mögliche Verschleisserscheinungen frühzeitig zu erkennen. Pikant: Die Abteilung Elektrotechnik, die früher der heutige Kraftwerksdirektor Martin Saxer leitete, lieferte 2012 (bis zur Inspektion) keinen einzigen Bericht über ungeplante Abweichungen ab. Zudem dauerte es laut den Experten sehr lange, bis Korrekturen beschlossen und umgesetzt waren: nahezu drei Jahre. Die IAEA-Inspektoren konstatierten auch Fehler im AKW-Betrieb.

Schichtwechsel ohne Checklisten

So führten Reaktoroperateure Schichtwechsel durch, ohne vorgeschriebene Checklisten zu verwenden. Auf Schichten fehlten ausgebildete Feuerwehrleute. Ausgerechnet für den Alarmfall ist das Handbuch zu wenig detailliert verfasst. Es habe Vorfälle gegeben, bei denen «unangebrachte Massnahmen» zu unnötiger Verstrahlung führten. Die Vorbereitung auf schwere Unfälle genüge nicht, so sei der Notstandsbunker Susan nicht über längere Zeit bewohnbar. Auch die «industrielle Arbeitssicherheit genügt guten Industriestandards nicht».

AKW-Gegner Jürg Joss ist beruflich Techniker und liefert und installiert unter anderem Messgeräte für die Pharmaindustrie. Seine Schlussfolgerung ist kategorisch: «Wäre das AKW Mühleberg ein Pharmabetrieb, dann müsste seine Produktion wegen mangelhafter Qualität sofort eingestellt werden.» Die BKW habe seit der Inspektion sämtliche Anregungen umgesetzt, sagt BKW-Präsident Gasche im Interview. Man habe die Kritikpunkte «offen und konstruktiv aufgenommen». Joss ist skeptisch. Schon 2001 hatten IAEA-Inspektoren ähnliche Mängel in Mühleberg festgestellt. «Ich bezweifle, dass die BKW nun in einem Jahr das geschafft hat, was ihr zuvor in über einem Jahrzehnt nicht gelang.» Genauer wird man es erst nach der kantonalen Volksabstimmung vom 18. Mai über die Initiative «Mühleberg vom Netz» wissen: Im Juni will die BKW die Umsetzung durch IAEA-Experten prüfen lassen. (Der Bund)

Erstellt: 08.03.2014, 09:05 Uhr

Vorarlberg bleibt skeptisch


Das österreichische Bundesland Vorarlberg will alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, die zur vorzeitigen Schliessung des AKW Mühleberg führen könnten, wie Landeshauptmann Markus Wallner gestern im ORF sagte. Zuvor hatte er zusammen mit Oppositionsvertretern Gespräche mit Ensi-Chef Hans Wanner geführt. Wallner bezeichnete die Ensi-Strategie als «bedenklich» – vor allem die Vorgehensweise, ohne fixen Ausstiegszeitpunkt immer wieder nachzurüsten und zu investieren. (sda)

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