Schöner Wohnen in der Steuerverwaltung

Stadtpräsident Alexander Tschäppät würde sich über den Rückzug des Regierungsrats aus der Altstadt freuen. Es brauche zusätzlichen Wohnraum.

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Simon Wälti

Geschliffenes Parkett, poliertes Täfer, gekachelte Öfen: Viele Büros der kantonalen Verwaltung in den historischen Gebäuden der Berner Altstadt sind repräsentativ – und sie sind noch immer sehr zahlreich, obwohl der Kanton in den letzten zehn Jahren verschiedene Häuser verkauft oder «desinvestiert» hat. So ist zum Beispiel die Steuerverwaltung aus der Altstadt nach Bümpliz gezogen. Die Häuser an der Junkerngasse 63 und an der Münstergasse 1/3 wurden für die Wohnnutzung frei.

Grundsätzlich verfolgt der Regierungsrat weiter das Ziel, die «Kantonsverwaltung langfristig und in den geeigneten Fällen aus der Altstadt auszulagern und in einem oder mehreren Verwaltungsgebäuden unterzubringen». So steht es in der Antwort auf eine Motion von Grossrat Samuel Leuenberger (BDP, Trubschachen), die in der Junisession vom Kantonsparlament mit grosser Mehrheit angenommen worden ist.

Aktuell wird für die Denkmalpflege, die an der Münstergasse 32 untergebracht ist, ein neues Objekt gesucht. Der Regierungsrat will sich aber nicht drängen lassen. Stichworte sind Daueraufgabe und ein Verkauf in Etappen. Den Vorstoss nahm der Regierungsrat nur als Richtlinienmotion an, weil die Liegenschafts­strategie in seine Zuständigkeit falle. Ein Verwaltungsneubau ausserhalb des Zentrums ist derzeit nicht geplant, wie das Amt für Grundstücke und Gebäude auf eine Anfrage schreibt.

Arbeitsort von Regierungsräten

Die Liste der Kantonsobjekte im Unesco-Weltkulturerbe ist lang: Der Sitz der Volkswirtschaftsdirektion von Andreas Rickenbacher (SP) ist das frühere Stiftsgebäude am Münsterplatz. Ebenfalls am Münsterplatz ist die Finanzdirektion von Beatrice Simon (BDP) untergebracht. Weiter befindet sich die Justiz-, Gemeinde und Kirchendirektion von Christoph Neuhaus (SVP) an der Münstergasse. Polizeidirektor Hansjürg Käsers (FDP) Amtssitz ist an der Kramgasse angesiedelt, jener von Gesundheits- und Fürsorgedirektor Philippe Perrenoud (SP) an der Rathausgasse.

Für Samuel Leuenberger lässt der Kanton die Sache zu schleppend angehen. «Der Regierungsrat hat schon die Absicht, den Auftrag umzusetzen, aber besonders ernst scheint es ihm damit nicht zu sein.» Leuenberger vermutet, die Regierung wolle das Anliegen auf die lange Bank schieben und tue sich schwer damit, «aus den wunderschönen Räumlichkeiten auszuziehen». Publikumswirksame Verwaltungszweige könnten in der Altstadt verbleiben, so Leuenberger, die anderen Büros sollten in erster Linie für Wohnungen umgenutzt werden. «Der Kanton besetzt wertvollen Raum und trägt dazu bei, dass die Altstadt am Abend und an den Wochenenden entvölkert wirkt.» Die Kantonsverwaltung solle stattdessen ausserhalb des Stadtzentrums konzentriert werden, wie dies die Bundesverwaltung oder Post und Swisscom vorgemacht hätten.

Über eine verstärkte Umnutzung würde sich auch Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) freuen. Es handle sich um klassische Wohnhäuser, die schleichend in Büros umgewandelt worden seien. «Eine Umnutzung wäre sehr attraktiv und brächte eine willkommene Belebung der unteren Altstadt.» Es wäre aber nicht nur ein Gewinn für das Quartier, sagt Tschäppät, sondern dank zusätzlicher Steuereinnahmen durch neue Bewohnerinnen und Bewohner auch ein Gewinn für die Stadtkasse.

Allerdings sei ein Verkauf oder eine Privatisierung wegen der historischen und städtebaulichen Bedeutung nicht bei allen Liegenschaften angezeigt. Auch die Stadt sei gefordert: «Wir müssen uns überlegen, welche Gebäude in der Altstadt wir noch brauchen.» Der Erlacherhof, der Sitz des Stadtpräsidenten, steht nicht zur Disposition: Der symbolische und repräsentative Gehalt des Stadtpalais ist zu hoch. «Wir nutzen den Erlacherhof aber vermehrt auch öffentlich, etwa für Empfänge oder als Stimmbüro», erklärt Tschäppät.

Perlen und Liebhaberobjekte

Wohnraum in der Unteren Altstadt ist sehr begehrt, wie Alex Bangerter, Leiter der Von Graffenried AG Liegenschaftsvermittlungen bestätigt. «Die Nachfrage ist sehr gross, dabei wird auch eine tiefere Anfangsrendite in Kauf genommen, gerade bei Liebhaberobjekten.» Eine Umnutzung von Büroraum kostet ziemlich viel Geld. Zudem kommen meistens auch denkmalpflegerische Belange ins Spiel. «Altstadthäuser werden häufig von privat gehaltenen Immobi­lien­gesell­schaften mit lokalem Bezug gekauft», erklärt Bangerter. Institutionelle Anleger wie Pensionskassen oder Versicherungen könnten eine Investition dagegen nur schwer mit der geforderten Rendite in Einklang bringen.

Für Richard Auf der Maur, Inhaber von Bern Immobilien AG, handelt es sich um eigentliche Perlen, die zu einem sehr hohen Preis verkauft werden könnten. Zum Teil sei es für den Kanton aber sinnvoller, die Liegenschaften zwar umzunutzen, aber Eigentümer zu bleiben.

Der Bund

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