Schöne neue Schulwelt

Schulbuch, Kreide, Wandtafel? Das war einmal. Heute arbeiten Berner Primarklassen mit iPads, bald werden alle Schulzimmer mit modernstem Multimedia-Gerät aufgerüstet. Das birgt Chancen und Risiken für Schüler, Lehrer, Eltern und Gemeinden.

Die Berner Primarschulen entdecken die Technik.

Die Berner Primarschulen entdecken die Technik.

In den Berner Klassenzimmern ist eine leise, aber stetige Revolution in Gange: Berner Schulzimmer werden massiv mit Multimedia aufgerüstet. Seit Anfang Dezember schlummert ein entsprechender Grossauftrag der Stadt Bern in der Datenbank des öffentlichen Beschaffungswesens Simap: Alle 372 Schulzimmer der Stadt sollen mit modernsten Beamern ausgerüstet werden. Kostenpunkt: 2,9 Millionen Franken, fast 7800 Franken pro Schulzimmer. Wird da eine Luxus-Lösung installiert? Irene Hänsenberger, die Leiterin des Schulamts Bern, verneint: Nebst Beamern enthielten die Ausgaben auch die technische Verkabelung, Lautsprecher, Leinwände und sogenannte Visualizer.

Das Klassenzimmer wird digital

Die flächendeckende Ausrüstung mit Beamern wirft ein Schlaglicht auf einen Trend, der das Bildungswesen auf den Kopf stellen dürfte. Die neuen Möglichkeiten von iPads, Lern-Apps, Cloud-Diensten, digitalen Whiteboards (elektronische «Kreidetafeln») und 3-D-Druckern könnten die Wissensvermittlung grundlegend verändern. Dies stellt nicht nur die Schüler, sondern auch Lehrer, Eltern und Gemeinden vor grosse Herausforderungen. Etienne Bütikofer, Dozent für Medienpädagogik an der PH Bern, sagt: «Wenn man sieht, wie lange man mit der Wandtafel arbeitete, fand in den letzten Jahren eine wahnsinnige Beschleunigung statt: vom Prokischreiber zu Beamer und Visualizer.»

Bereits in der Unterstufe sollen Berner Schülern künftig Beamer zur Verfügung stehen. Ab der dritten Klasse, wenn Frühfranzösisch auf dem Stundenplan steht, brauche es eine entsprechende Infrastruktur, sagt Schulamtsleiterin Hänsenberger. Die neuen Frühsprachen-Lehrmittel arbeiteten stark mit audiovisuellen Techniken und bezögen CDs, DVDs und das Internet mit ein: «Die Entwicklungen der Technologie sind nicht mehr abzuwenden», sagt sie. Muss die Stadt Bern also wegen der Lehrmittel des Kantons massenhaft Beamer einkaufen?

«Kein Muss, aber praktisch»

Erwin Sommer von der kantonalen Erziehungsdirektion schränkt ein: «Man kann nicht ausschliesslich die Frühfremdsprachen für den Ausbau bei der Infrastruktur verantwortlich machen.» Selbst mit minimalster Ausrüstung könne man mit diesen Lehrmitteln arbeiten. «Beamer sind kein Muss. Aber sie sind sehr praktisch», fügt er an. PH-Dozent Bütikofer sieht den Beamer als logischen nächsten Schritt nach dem Prokischreiber.

An der pädagogischen Hochschule lehren er und sein Team die Studierenden, wie sie modernste digitale Geräte im Unterricht einsetzen können. Die PH Bern besitzt sogar fünf 3-D-Drucker, welche den Studierenden vorgestellt werden. Ob diese aber je in Schulzimmern stehen werden, sei eine offene Frage, so Bütikofer. Zweifellos haben die Schulen nicht erst seit heute aus dem digitalen Steinzeitalter herausgefunden. Schon jetzt stehen in jedem Stadtberner Schulzimmer mindestens vier Notebooks. Damit erfüllt die Stadt die Empfehlungen der Erziehungsdirektion. Andrerseits steht die Frage im Raum, ob der Computer überhaupt noch das angemessene Arbeitsinstrument ist.

Die ganze Klasse am iPad

Dies zeigt ein neuer Pilotversuch der Stadt Bern: Seit dem laufenden Schuljahr wird in drei Klassen der Schulen Elfenau, Schwabgut sowie in einer Klasse an der Pestalozzi-Schule ausgelotet, wie sich iPads in den Unterricht einbinden lassen. Die Stadt Bern stattete die Schüler der dritten bis siebten Klasse dafür mit einem persönlichen iPad Mini aus.

Eines der Ziele des Projekts ist, herauszufinden, wie sich die Anwendung der Tablets verändert, wenn sie persönliche Lernbegleiter der Schüler sind. Das heisst: Jedes Kind lernt auf seinem eigenen iPad – nicht nur in der Schule, sondern auch zu Hause.

Online-Hilfe bei Rechtschreibung

Für Christian Dietz, Verantwortlicher der Stadt Bern für den Pilotversuch, sind die Vorteile der Tablet-Computer im Unterricht klar: «Wenn ein Kind nicht weiss, wie etwas geschrieben wird oder wie ein Wort auf Französisch ausgesprochen wird, kann es das rasch nachschauen. Wir Erwachsenen machen das schon lange so.» Auch PH-Dozent Bütikofer findet solche Pilotversuche wichtig: «Man sollte solche Techniken in einzelnen Klassen ausprobieren und kritisch schauen, ob sie sich im Unterricht bewähren.»

Doch mit der neuen Technik kommen auch Probleme: Besonders die Eltern sind gefordert, wenn die Elektronik aus dem Schulzimmer mit nach Hause gebracht wird. Die Stadt gibt dazu Empfehlungen an die Eltern ab, wie intensiv das iPad in der Freizeit genutzt werden sollte: Für Kinder unter zehn Jahren sind es 30 Minuten täglich, bei über 13-Jährigen schon 90 Minuten.

Auch Gemeinden und Lehrer stehen vor grossen Herausforderungen. Die Gemeinden darum, weil sie es sind, welche die teure Infrastruktur schlussendlich finanzieren müssen. Franziska Schwab vom Berufsverband Lehrerinnen und Lehrern Bern (Lebe) sagt: «Manchmal hapert es bei Gemeinden beim Finanziellen: Nicht alle können sich einen Klassensatz von Tablets oder ein effizientes WLAN leisten.»

Auch die Lehrer müssen lernen

Die Lehrer wiederum müssen sich – konfrontiert mit den digitalen Neuerungen – ständig weiterbilden, den Umgang mit der neuen Technik erlernen, ihren Unterricht anpassen und nicht zuletzt die Kinder auf Gefahren des Internets hinweisen. Dennoch sagt Franziska Schwab von Lebe: «Diese Entwicklung ist eine Tatsache, es macht keinen Sinn, sie zu verteufeln.»

Für den Medienpädagogik-Dozenten Etienne Bütikofer gibt es aber durchaus Grund zur Skepsis: «Die neuen Technologien sind verlockend, aber wo sind die Grenzen? Weil alles schneller geht, weiss man nie genau, ob dieses Tempo im Unterricht auch vertretbar ist.» Die teilweise technische Überforderung von Schülern und Lehrpersonen könnten sogar zu einer Neubelebung der Handschrift führen: «Es könnte auch ein Flashback geben», glaubt Bütikofer.

Franziska Schwab wagt eine andere Prognose: «Ich kann mir gut vorstellen, dass in Zukunft alle Kinder bereits im Kindergarten mit Tablets ausgerüstet werden.» Christian Dietz vom Stadtberner iPad-Pilotprojekt will sich nicht zu weit auf die Äste hinauslassen: «Es liegt viel in der Luft. Tablets gibt es auch erst seit 2010. In vier Jahren kann sich alles ändern.»

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt