«Schnegg-Effekt» zeigt Stadt-Land-Graben

Die Stimmenanteile für SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg in den 340 Gemeinden sind ein Indikator für den Stadt-Land-Graben im Kanton Bern.

SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg wurde zwar am Wochenende in seinem Amt bestätigt, jedoch nur als siebter und letzter.

SVP-Regierungsrat Pierre Alain Schnegg wurde zwar am Wochenende in seinem Amt bestätigt, jedoch nur als siebter und letzter.

(Bild: Adrian Moser)

Rudolf Burger

Pierre Alain Schnegg, der Sozial- und Fürsorgedirektor, war der umstrittenste Kandidat der Berner Regierungsratswahlen. In den ländlichen Gegenden war er für seine Sparpolitik und seinen Reformeifer populär, in städtischen Gegenden genau deswegen angefeindet. So kam es, dass – was im Kanton Bern eher selten vorkommt – mit Christophe Gagnebin (SP) und Maurane Riesen (PSA) gleich zwei linke Kandidaten explizit deswegen antraten, um die Wiederwahl Schneggs zu verhindern.

Einen ersten Hinweis auf den Stadt-Land-Gegensatz, messbar an der Kandidatur Schneggs, brachten schon die Resultate am Wahlabend: Vor Bekanntwerden der Zahlen im Verwaltungskreis Bern-Mittelland belegte Schnegg hinter Beatrice Simon und Christoph Neuhaus Rang drei. Stadt und Agglomeration Bern eingerechnet, fiel er auf den siebten Rang zurück.

Stimmenanteil misst Popularität

Mit den detaillierten Resultaten aus den 340 Gemeinden lässt sich der Graben zwischen Stadt und Land noch deutlicher belegen: Die Grafik zeigt in der Vertikalen den prozentualen Anteil der Stimmen für Pierre Alain Schnegg an allen gültigen Stimmen, die in einer Gemeinde für die insgesamt 16 Regierungsratskandidaten abgegeben wurden. Je höher dieser Prozentsatz, desto populärer war der SVP-Regierungsrat in dieser Gemeinde. In der Horizontalen sind die Gemeinden nach der Zahl ihrer Einwohner aufgereiht. Die Verteilung der 340 Punkte macht deutlich: Je kleiner eine Gemeinde, desto höher war tendenziell der Stimmenanteil für Regierungsrat Schnegg.

«Stadtregion» fast geschlossen

Die roten Punkte in der Grafik stehen für die zwölf Gemeinden, die nach Definition des Vereins «Bern neu gründen» für die «Stadtregion Bern» stehen. Den absolut geringsten Prozentsatz der Stimmen gab es für Schnegg nicht ganz unerwartet in der Stadt Bern (4,6 Prozent), etwas besser schnitt er in Köniz ab (7,3 %), der zweitgrössten Stadt dieser «Stadtregion». Von den zwölf Gemeinden liegen elf unter dem kantonalen Durchschnitt von 10,0 Prozent, nur in Frauenkappelen schnitt Schnegg mit 11,5 Prozent besser ab.

Höchstwerte im Berner Jura

Es ist nicht überraschend, dass Regierungsrat Schnegg die besten Resultate in seinen Stammlanden erzielte. Die höchsten Anteile für ihn gab es in Champoz (26,2 %), Roches (23,5 %), Corcelles (23,4 %) und Court (23,2 %). Angesichts der noch nicht definitiv geklärten Zukunft mag es erstaunen, dass der berntreue Schnegg auch in Moutier, der grössten Stadt des Berner Juras, recht gut abschnitt (13,0 % Stimmenanteil). Völlig aus dem Trend fällt hingegen das deutschsprachige Schelten, wo mit bloss 5,3 Prozent Stimmenanteil für Schnegg der nach Bern geringste Wert resultierte.

Sonderfall Zweisimmen

In den beiden Oberland-Verwaltungskreisen Frutigen-Niedersimmental und Obersimmental-Saanen hat Pierre Alain Schnegg die nach dem Berner Jura besten Ergebnisse erzielt. So kam er etwa in Adelboden – einem Hort der Freikirchen – auf einen Stimmenanteil von 17,7, in Frutigen auf 15,4 und in Saanen auf 15,2 Prozent. Überall in diesen beiden Verwaltungskreisen hat Schnegg überdurchschnittlich viele Stimmen geholt – mit zwei Ausnahmen: In Spiez, der mit Abstand grössten Stadt in dieser Region, kam er bloss auf 9,2 Prozent und in Zweisimmen sogar nur auf 8,8 Prozent. «Wahltag ist Zahltag» ist wohl die Erklärung für dieses magere Ergebnis: Dass Schnegg den Spitalstandort Zweisimmen infrage stellt, hat ihn daselbst mit Sicherheit viele Stimmen gekostet.

Im dritten Oberland-Verwaltungskreis, in Interlaken-Oberhasli, liegen die Stimmenanteile für Schnegg in der grossen Mehrheit über dem kantonalen Durchschnitt von 10,0 Prozent, so gab es etwa in Habkern mit 19,0 Prozent den höchsten Wert im Oberland überhaupt. Allerdings fällt auf, dass die Stimmenanteile für Schnegg in vielen etwas grösseren Gemeinden, so etwa in Unterseen (9,1 %), Interlaken (9,4 %), Meiringen (9,7 %), unter dem Durchschnitt liegen.

Stadt-Land-Graben existiert

Die Abstimmungen über Sozialhilfe für Asylsuchende, der Entscheid zum Tram Ostermundigen und nun auch die Bestätigungswahl für Pierre Alain Schnegg dokumentieren, dass das Stadt-Land-Problem im Kanton Bern nicht herbeigeredet wird, sondern tatsächlich existiert. Es wird zu den schwierigeren Aufgaben der neuen Regierung und des neuen Parlaments gehören, dafür zu sorgen, dass sich dieser Graben zwischen den – häufig links-grün dominierten – städtischen Gebieten und den ländlichen Regionen – häufig unter Vorherrschaft der SVP – nicht weiter vertieft.

Der Bund

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