Sarah C. kommt endlich frei – Anwalt kritisiert Kesb-Gegner

Gericht verhängt hohe Strafe gegen Mutter wegen Entführung des eigenen Kindes.

Die Angeklagte hat ihr Kind entführt. (Symbolbild/Archiv)

Die Angeklagte hat ihr Kind entführt. (Symbolbild/Archiv) Bild: Franziska Scheidegger

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Sarah C. konnte ihre Emotionen kaum noch zurückhalten. Nach über acht Monaten Untersuchungs- und Sicherheitshaft kann die 36-jährige Mutter das Gefängnis nun endlich verlassen. Unmittelbar nach dem Urteilsspruch des Regionalgerichts in Biel kam sie am Freitagmittag frei. Ihr Vergehen: Im Herbst 2015 flüchtete sie mit ihrer Tochter ins Ausland, anstatt sie ins Kinderheim zurückzubringen. Dass sie nach ihrer Festnahme so lange hinter Gittern sass, hat auch mit der nationalen Debatte um die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) zu tun.

Für Kesb-Gegner illustriert der Fall Sarah C. das Versagen der Behörde. Die Bürgervereinigung Kesv ist zum Beispiel der Ansicht, die Mutter sei sehr wohl in der Lage, für ihr Kind zu sorgen und der Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts sei unverhältnismässig gewesen. SVP-Nationalrat Pirmin Schwander, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, «Kesb-Opfern» zu helfen, hat ihr gar 7000 Franken zukommen lassen, damit sie sich einen Rechtsbeistand leisten konnte.

Die lange Geschichte des Falls ist aber auch geprägt von einer engagierten Lösungssuche der Kesb und einer fehlenden Kooperationsbereitschaft der Mutter. Unterdessen wurde in einem gegen den Widerstand von Sarah C. erstellten Gutachten eine deutliche Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Die Situation eskalierte am 30. Oktober 2015. Wie schon oft zuvor, verbrachte die Mutter den Nachmittag mit ihrer damals gut einjährigen Tochter, brachte sie am Abend jedoch nicht mehr ins Bieler Kinderheim zurück. Die Polizei suchte sie daraufhin vergeblich, bald wurde sie international zur Fahndung ausgeschrieben. Erst acht Monate später konnte sie in Marseille angehalten werden. Mutter und Tochter waren wohlauf. Ihre Flucht hatte sie durch Spanien, Italien und Frankreich geführt.

Verfahren gegen SVP-Nationalrat

Die Flucht trug der Mutter eine Anklage wegen Kindsentführung ein. Sie war von Anfang an geständig. Das Verfahren verkomplizierte sich jedoch, weil es auf verschiedene Helfer ausgedehnt werden musste. Noch immer laufen Strafuntersuchungen gegen Schwander und Tim Walker, den damaligen Anwalt von Sarah C. Solange der Mutter nicht der Prozess gemacht werden konnte, musste sie jedoch wegen Fluchtgefahr im Gefängnis bleiben. Das Obergericht hatte zwei Haftentlassungsgesuche abgelehnt.

Erst als das Verfahren von Sarah C. von jenem gegen ihre Helfer abgetrennt werden konnte und die Strafverteidigung mit der Staatsanwaltschaft einen Deal ausgehandelt hatte, ging es vorwärts. In einem abgekürzten Verfahren bestätigte das Gericht am Freitag das Abkommen: Sarah C. bekennt sich der Kindsentführung für schuldig und bekommt eine Freiheitsstrafe von 30 Monaten, 22 davon bedingt. Zudem muss sie Verfahrenskosten von 68'000 Franken bezahlen. Zufälligerweise entsprechen die acht Monate unbedingt gerade der bereits abgesessenen Haft. «Die Mutter hatte aus ihrer Sicht zwar gute Gründe. Sie war sich ihres unrechtmässigen Handelns aber bewusst», begründete Staatsanwalt Urs Fuhrer die Strafe.

Angesichts der Tatsache, dass die Mindeststrafe für Kindsentführung ein Jahr beträgt, bezeichnete Pflichtverteidiger Philipp Kunz das Urteil als «massvoll». Ob es allerdings gerecht sei, sei eine andere Frage. Kunz sparte auch nicht mit Kritik an jenen, die Sarah C. zur Seite gestanden waren: «Die Mutter wurde nicht restlos kompetent beraten.» Er sei der Überzeugung, dass ihr Helfernetz Schuld an der langen Flucht sei. «Sie wurde für eine politische Kampagne missbraucht», so Kunz. Offenbar war Sarah C. versprochen worden, dass sie mit einer bedingten Strafe davonkomme, falls sie geschnappt werde.

Angesprochen war damit unter anderen Tim Walker, der Sarah C. damals beraten hatte und am Freitag als Zuhörer in Biel war. Das Bundesgericht habe eine «schwankende Praxis», mal würden solche Fälle als Kindsentführung mal lediglich als Entziehung von Minderjährigen beurteilt, rechtfertigte sich der Anwalt. «Ich habe nie erwartet, dass Sarah C. wegen Kindsentführung verurteilt wird.» Er vermute, dass die Mutter dem Deal nur zugestimmt habe, um endlich aus dem Gefängnis zu kommen. (Der Bund)

Erstellt: 03.03.2017, 10:14 Uhr

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