Sancar zahlt mehr Steuern als Fuchs

Thomas Fuchs (SVP) hat Hasim Sancar (Grüne) im Grossratsplenum vorgehalten, er befürworte höhere Steuern, zahle selber aber keine – «Einkommen null, Vermögen null». Einziges Problem: Es stimmt nicht.

Besitzen beide Liegenschaften: Die Berner Grossräte Thomas Fuchs (links) und Hasim Sancar (rechts).

Besitzen beide Liegenschaften: Die Berner Grossräte Thomas Fuchs (links) und Hasim Sancar (rechts).

(Bild: Keystone)

Dölf Barben@DoelfBarben

Gleich am Tag nach dem Vorfall ruft Grossrat Hasim Sancar (Grüne) an. Er habe die Papiere beisammen. Kurz darauf erscheint er auf der Redaktion und legt sie auf den Tisch. Das war am Mittwochabend.

Am Dienstag hatte er im Grossen Rat eine heikle Situation zu überstehen: Grossratskollege Thomas Fuchs (SVP), ebenfalls ein Stadtberner, deckte ihn im Plenum mit einem happigen Vorwurf ein: Es sei widersprüchlich, sagte Fuchs sinngemäss, wenn sich Sancar stets für Steuergerechtigkeit einsetze, mitunter behaupte, er zahle gern Steuern, dabei aber gar keine bezahle. Denn Sancar versteuere «null Einkommen und null Vermögen». Der Angegriffene trat umgehend ans Rednerpult, wies den Vorwurf zurück und forderte von Fuchs eine öffentliche Entschuldigung. Am Ende stand aber doch Aussage gegen Aussage.

50'000 Franken pro Jahr

Sancars Steuerausweise der Jahre 2003 bis 2010 zeigen es überdeutlich: Er und seine Frau, die langjährige Berner Stadträtin Annemarie Sancar-Flückiger, die 2002 den Rat präsidierte, liefern dem Staat jedes Jahr eine rechte Stange Geld ab. Im Durchschnitt sind es rund 50'000 Franken (Gemeinde-, Kantons- und Bundessteuern). Sie weisen ein mehr oder weniger konstantes Einkommen aus und ein Vermögen, das kontinuierlich gewachsen ist. Mit einer Ausnahme: 2005 enthält der Steuerausweis tatsächlich zwei Nullen.

Sancars besitzen ein Mehrfamilienhaus. Dieses haben sie damals renoviert. Hier liege der Grund für die Nullen, sagt Sancar. Moritz Jäggi, Leiter der Stadtberner Steuerverwaltung, bestätigt die Angaben. Sancar hat ihm erlaubt, dem «Bund» «offen und umfänglich» Auskunft zu erteilen. Jäggi legt die gleichen Papiere auf den Tisch, die Sancar bereits gezeigt hat. «Es ist alles ganz normal und gesetzeskonform», sagt er. Das gelte auch für das Steuerjahr, in welchem die Renovationskosten angefallen sind. «Sancars hatten viel Geld investiert. Es ist steuerrechtlich alles korrekt abgelaufen – das würde bei jemand anderem genau gleich aussehen», sagt er.

Ehepaar mit guten Einkommen

Sancars Steuerdaten lassen nur einen Schluss zu: Das Ehepaar gehört in der Stadt Bern zweifellos zu den guten Steuerzahlern. Ihr steuerbares Einkommen deutet auf regelmässige und gute Verdienste hin – was auch nicht verwundert: Sancar ist diplomierter Sozialarbeiter und leitet eine Beratungsstelle, seine Frau ist Ethnologin mit Doktortitel und arbeitet beim Bund. Dazu kommen Mieteinnahmen. Für Sancar ist die Sache mit der Bestätigung der Steuerverwaltung nicht erledigt. Er erwarte nun die Entschuldigung, sagt er.

Mit den Fakten konfrontiert, erklärt Thomas Fuchs, eine Entschuldigung sei für ihn «kein Thema». Er nehme «höchstens erfreut zur Kenntnis», dass Sancar beträchtlich Steuern bezahle. Das aber ändere nichts an der Tatsache, dass von Sancar ein Steuerausweis vorliege, der zwei Nullen enthalte – jener, auf den Fuchs bereits am Dienstag hingewiesen hat. Im Jahr 2007 hatte er bei der Steuerverwaltung die Ausweise von rund 60 Berner Stadträten bezogen – darunter jenen von Sancar aus dem Jahr 2005.

«Ich habe nichts Falsches gesagt»

Fuchs, der bei einer Grossbank arbeitet – Teilzeit, wie er sagt – und Geschäftsführer des Bunds der Steuerzahler ist, sieht kein Problem darin, dass er einen einzelnen Ausweis nicht als Momentaufnahme begriffen und seine Vorwürfe nicht abgestützt hat. Der Ausweis mit den Nullen existiere, «ich habe nichts Falsches gesagt».

Bereits 2010 hat er in einer Rede vor den kantonalen SVP-Delegierten Sancars «persönliche Einkommenszahlen» bekannt gegeben: «Einkommen null, Vermögen null». Und auch in der Zeitschrift «Bern aktuell» hat er sie veröffentlicht. Ein Grund, warum er seine Aussagen nicht überprüfte, liege auch darin, sagt er nun, dass ein Vermögen in der Regel nicht von Jahr zu Jahr stark schwanke.

Fuchs’ Werte: Wie Sinuskurven

Dieses Argument ist interessant: Denn der «Bund» hat beim Besuch auf der Steuerverwaltung die Gelegenheit genutzt, die fünf letzten Steuerausweise von Fuchs zu erstehen (2006 bis 2010). Und siehe da: Während Sancars Zahlen für Stabilität und stetes Wachstum stehen, erinnern jene von Fuchs an Sinuskurven. Sowohl sein steuerbares Vermögen als auch sein Einkommen unterliegen grossen Schwankungen. Vor allem: Auch Fuchs weist beim Vermögen einmal eine Null und – ein Jahr davor – beim Einkommen eine «Beinahe-Null» aus.

Seine Erklärung erinnert irgendwie an jene von Sancar: Er habe an Häusern Sanierungsarbeiten vornehmen lassen – Fuchs besitzt Liegenschaften im Wert von zuletzt nahezu zwei Millionen Franken. Weiter habe er Angehörige unterstützt und einen sechsstelligen Betrag für den Nationalratswahlkampf ausgegeben, sagt er. Zudem spende er seit Jahren ein Drittel seines Einkommens an soziale Institutionen. Wie auch immer: Sancars zahlen Jahr für Jahr mehr Steuern als Fuchs. Und zwar ordentlich mehr.

Der Bund

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