Rousseaus Garten Eden

Der streitbare Philosoph verbrachte kaum sechs Wochen auf der Petersinsel – und löste einen europaweiten Pilgerstrom an den Bielersee aus. Heute noch wollen «Fans» im Rousseau-Zimmer nächtigen.

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Von Romantik keine Spur: Dank einer Sonderbewilligung fahren wir mit dem Auto über den staubigen Heideweg die fast vier Kilometer von Erlach zum Hotel St. Petersinsel. Lieferwagen verstellen den Eingang zum einstigen Cluniazenserkloster. Die Handwerker beheben noch letzte Winterschäden und bringen das Gasthaus für die anstehende Saisoneröffnung auf Vordermann.

Für die frühen Rousseau-Pilger hingegen war die Anreise seinerzeit bereits ein Erlebnis. Nach einer aufregenden Fahrt von Basel durch die engen Klusen des Juras und auf der alten Römerstrasse über den Pierre Pertuis bestiegen sie in Nidau ein Boot und liessen sich von Einheimischen zum Zufluchtsort ihres Idols hinüberrudern. Geprägt durch unzählige literarische Beschreibungen, Stiche und Gemälde erwarteten sie ungeduldig die Ankunft im Garten Eden.

Ganz so verklärt wie die Verehrer des Genfer Philosophen im 18. und 19. Jahrhundert sind heutige Kulturreisende nicht mehr. Und doch: Es gibt sie immer noch, jene Verehrer von Jean-Jacques Rousseau, die unbedingt im einstigen Zimmer ihres Vorbilds nächtigen wollen. In den letzten zwei Wochen habe er sicher 20 Anfragen erhalten, erzählt der neue Gastgeber Peter Sperner, der von der Rigi an den Bielersee gewechselt hat. Er musste allen absagen.

Das Rousseau-Zimmer kann immerhin besichtigt werden und es ist seit 1765 weitgehend unverändert geblieben. Damals musste Rousseau aus Môtiers im Val de Travers fliehen und fand auf der Petersinsel Zuflucht. Der Aufklärer und Vordenker der Französischen Revolution hatte zwar viele glühende Anhänger, aber auch mächtige Feinde. In Frankreich und Genf waren seine Schriften verboten, gelesen wurden sie dennoch eifrig. Auch den Herren von Bern war Rousseau nicht gerade willkommen, sie liessen Inselschaffner Gabriel Engel, der das Gut des Burgerspitals bewirtschaftete, jedoch vorerst freie Hand.

Europa entdeckt die Insel

«Schon mehrfach habe ich an bezaubernden Orten gewohnt, aber keinem verdanke ich so wahrhaft glückliche Stunden und keinem trauere ich so innig nach wie der Petersinsel», schrieb Rousseau später über seine knapp sechs Wochen am Bielersee. Andres Moser, Kulturhistoriker und einer der besten Inselkenner, hält die überschwänglichen Beschreibungen in den «Rêveries du promeneur solitaire» und den «Confessions» zwar für eine verklärte Rückschau. Die Bedeutung der Schwärmereien für die Region dürfe aber dennoch nicht unterschätzt werden, sagt der rüstige Rentner. Sie seien für den Beginn des Tourismus im Seeland verantwortlich.

Rousseau selbst erwähnt in seinen Schriften, dass die Insel vorher in keinem Reiseführer erwähnt war. Nach seinem Aufenthalt änderte dies schlagartig. Die Petersinsel wurde zum festen Bestandteil der aufkommenden Bildungsreisen. Zeitweise soll die Insel mehr Pilger angelockt haben als das italienische Loreto. Wie im Oberland waren die ersten Gäste auch hier vorwiegend Engländer, später folgten die französischen Romantiker und andere. Unterdessen liest sich die Gästeliste wie ein Who is Who der Kulturgeschichte. Goethe war ebenso auf der Petersinsel wie Hölderlin, Dumas oder Balzac. Für besondere Aufregung sorgte der Besuch der Exkaiserin Joséphine Bonaparte im Jahre 1810. «Keiner zrings um den See blieb daheim», berichtete ein Twanner. Später sonnte sich dann unter anderem Pascal Couchepin während seiner Medienspaziergänge im Ruhme Rousseaus.

Die frühen Touristen begannen ihren «Inseltag» oft mit einem üppigen Mal im Rousseau-Zimmer. Viele verewigten sich daraufhin an den Wänden und in den Deckenbalken der bescheidenen Stube. Viele Initialen sind heute noch zu sehen. «Graffiti von Touristen», nennt Moser die Kritzeleien und Schnitzereien. Leicht belustigt erzählt er auch von der Begeisterung der Reisenden für eine einfache Holzklappe im Boden des Zimmers. Durch diese soll der Genfer jeweils geflohen sein, wenn ihn ungebetene Gäste in seinem Refugium aufgespürt hatten. Ein alter Stich zeigt die Szene und machte die Klappe in ganz Europa berühmt. Noch heute ist sie im Original zu sehen. Die Möbel in Rousseaus Stube seien aber weitgehend «Bschiss», sagt Moser.

Donald M. Hess’ Gesamtausgabe

Nach einem Blick auf die 30-bändige Rousseau-Gesamtausgabe aus dem 18. Jahrhundert – wahrscheinlich gehört sie Donald M. Hess, dessen Firma das Hotel gepachtet hat – verlassen wir die alten Gemäuer und steigen den steilen Weg zwischen den Reben zum Pavillon hinauf. Fensterläden und Türen des schindelverkleideten Cabinet de danse sind verriegelt. Heute wird das ehemalige Tanzhaus, von dem der Blick gegen Norden bis zur schneebedeckten Chasseral-Krete und im Süden bis zu den Berner Alpen reicht, kaum noch genutzt. Bis ins 19. Jahrhundert hätten hier Rebbauern, Landvolk und höhere Stände gemeinsam die Herbstsonntagsfeste gefeiert, erzählt Lokalhistoriker Moser. Diese Tradition lebt heute in den Rebdörfern um den Bielersee noch fort. Rousseaus Sache waren solche Menschenansammlungen jedoch nicht. Er suchte auf der Insel die Stille und fand sie hier oben beim Pavillon, wo er sich seinen Träumereien hingab oder in der Umgebung die Pflanzen der Insel erforschte.

An den Besuch des Philosophen erinnert das Rousseau-Denkmal von 1904 an der Südländte der Insel. «Er wird hier als antiker Philosoph dargestellt», sagt Moser zum späten Zeugen der einst herrschenden «Denkmalwut». Selbst Zeitgenossen reagierten teilweise kritisch: «Schlimmer könnte man Rousseaus naturschwärmerisches Empfindungsleben nicht verleugnen als durch ein Skulpturwerk», schrieb damals etwa «Bund»-Redaktor Joseph Victor Widmann. Das Skulpturwerk wurde dennoch aufgestellt. Davor blüht heute einsam ein Schneeglöcklein. Der Platz auf der Südseite der Insel liegt heute im Abseits. Die Schiffe landen an der Nordseite, viele Besucher kommen zu Fuss oder mit dem Velo über die Landverbindung, die durch die Absenkung des Seepegels mit der Juragewässerkorrektion entstanden ist. Das Denkmal stehe aber schon am richtigen Ort, betont Moser. Früher seien praktisch alle Schiffe hier angekommen, und alle Besucher mussten unter Rousseaus Augen durch.

Der Philosoph und die «Chüngeli»

Auf dem Rückweg passieren wir die «Chüngeliinsel» – ein steil aufragender Molasse-Hügel, der vor der Seeabsenkung eine eigene kleine Insel war. Zu ihr war Rousseau gerne hinübergerudert, um dort seinen Robinson-Fantasien nachzuhängen. Ihren Namen trägt die Insel von einem Experiment des zoologisch und botanisch Interessierten. Von Neuenburg her liess er sich Kaninchen bringen und setzte sie auf der Insel aus. Sie hätten sich später enorm vermehrt, erzählt Moser. Später habe sie eine Krankheit aber praktisch ausgerottet.

Der damals 53-jährige Rousseau wollte seinen Lebensabend auf der Insel verbringen. Nachdem die Berner ihn knapp sechs Wochen geduldet hatten, gewannen jedoch die Konservativen die Oberhand und verbannten den umstrittensten Philosophen der Aufklärung am 25. Oktober 1765 von der Insel. Der Landvogt von Nidau, ein von Graffenried, soll den Entscheid nur ungern umgesetzt haben. Im Rückblick schrieb Rousseau: «Ich halte diese zwei Monate für die glücklichste Zeit meines Lebens.» Jedem Touristiker würde ob solcher Testimoniale das Herz schneller schlagen – im Seeland bleibt man aber auch im Rousseau-Jahr bescheiden. Die Gemeinde Twann-Tüscherz hat zwar ein Jubiläumsprogramm zusammengestellt, ausländische Kulturreisende wird man damit aber kaum anziehen. Und auch der neue Inselwirt denkt nicht an eine spektakuläre Vermarktung. Vielleicht ändert das 2015: Dann jährt sich Rousseaus Besuch zum 250. Mal. (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2012, 13:17 Uhr

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