Rohe Sennen, abartige Touristen

Wem gehören die Berge? Mehr Touristen ist nicht immer besser: Wie sich im Gantrischgebiet Städter und Einheimische vor hundert Jahren in die Haare gerieten.

Rücksichtslose Wanderer drangen nachts in Sennhütten ein und legten sich in die «Käselagertröge».

Rücksichtslose Wanderer drangen nachts in Sennhütten ein und legten sich in die «Käselagertröge». Bild: ETH-Bibliothek (Photoglob AG)

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Im Gantrischgebiet will man derzeit den Tourismus mit neuen Ideen ankurbeln. Das ist lobenswert, denn die Gastronomie hat in der Region schon lange einen schweren Stand. Die einst stolzen Kurhäuser zerfallen. Das mächtige Gurnigelbad wurde schon 1946 abgerissen. Im Berghaus Gurnigel plant nun der Investor Hans-Ulrich Müller ein Zentrum mit Restaurant, Hotel und Schaukäserei. Mehr Wertschöpfung heisst die Devise. Möglichst viele Touristen sollen anbeissen – aber bitte auch die richtigen!

Vor hundert Jahren ist trotz Erstem Weltkrieg und grosser Teuerung dort oben einiges los. Den Einheimischen wird es zu bunt, wie «Bund»-Artikel aus dem Sommer 1918 belegen. Unter der Überschrift «Schier unglaubliche Rohheit» wird beschrieben, wie eine zwanzigköpfige Wandergruppe bei der unteren Gantrischhütte Unterschlupf erbittet, aber abgewiesen wird. Die Gruppe will eine Bergtour auf den Ochsen unternehmen. Plötzlich, so berichtet ein Mitglied der Gruppe, stürzen Sennen aus der Hütte heraus mit «armsdicken Stecken» bewaffnet und prügeln «blindlings in dem Dunkel der Nacht» auf die Wanderer ein. Es gibt mehrere Verletzte.

Eines der Opfer weist eine klaffende Kopfwunde auf, das andere ist am Fuss verletzt worden und kann nicht mehr gehen. Der im Schwefelbergbad geholte Kurarzt leistet Erste Hilfe. Aus Rüschegg wird telefonisch der Landjäger herbeizitiert. Und «gegen die fehlbaren rohen Sennen wird Strafanzeige erfolgen», heisst es in dem Artikel vom 19. Juli. Die Schlussfolgerung ist ein eigentliches Menetekel: «Touristen, die ihr die untere Gantrischhütte berührt, seid auf eurer Hut.»

Der Gewaltexzess der Sennen wird durch eine Zusendung, die zehn Tage später im «Bund» abgedruckt wurde, besser nachvollziehbar. Ein gewisser O. K. schreibt, er wolle «das Strafgericht nicht vorbehaltlos verteidigen». Doch er äussert viel Verständnis, habe er doch Gelegenheit gehabt, «einige Abarten des Gantrischtouristen» beobachten zu können, als er sich Ende Juni in der oberen Gantrischhütte aufgehalten habe. Um 9 Uhr abends seien die ersten Gruppen angerückt. Sie «nahmen sogleich die geschützten Winkel in Beschlag». Als «Mieter» sei er bestenfalls noch geduldet gewesen.

In der Nacht sei es dann rund um die Hütte immer lebendiger geworden, sogar die Türe zum Stall habe man eingedrückt. Dann klopft es auch bei ihm. Man begehrt Einlass, obwohl neben ihm schon sechs Personen «in den kleinen Kämmerlein» untergebracht waren. Rund zwanzig Personen lassen sich daraufhin im Vorraum nieder, klettern in der Hütte herum und stöbern in allen Räumen, «um endlich in die Käselagertröge zu liegen». Ein eher unbequemes Nachtlager.

Am Morgen findet O. K. eine Spur der Verwüstung vor: Überreste des Frühstücks lagen auf den Tischen und auf den umgedrehten Melkkübeln, dazu Kerzenwachs und Spirituslachen, denn die Touristen wärmten ihre Speisen mit Kochern auf. Der Boden ist mit Papierfetzen und leeren Konservenbüchsen übersät. In nicht einmal 50 Zentimeter Abstand zur Holzwand hatten die Erholungssuchenden ein Feuer entfacht. Der Brunnen, aus dem das Vieh trank, ist voll mit «Seifenlauge». Morgentoilette? Offenbar gibt es noch weitere unangenehme Hinterlassenschaften. «Auch für das Riechorgan war in und um der Hütte ausgiebig gesorgt worden.»

Dann holt O. K. noch einmal weit aus, indem er alle Touristen, und nicht nur einzelne Vandalen kritisiert. Der Umstand, dass die Alpen wegen des Viehs eingezäunt werden müssten? «Das rührt den Städter wenig.» Gatter würden offen gelassen, Zäune niedergedrückt oder sogar eingerissen. «Wenn der Bergsteiger dann noch liebenswürdige Behandlung durch die gequälten Sennen fordert, ist die Grenze der Bescheidenheit erreicht.» Damit schliesst O. K. seinen Bericht. Bei den Wandergruppen dürfte es sich eher um Unterländer aus ärmeren Schichten gehandelt haben. Generell war man in der Region auf «weniger bemittelte Familien» nicht gut zu sprechen. In Schwarzenburg drohte man mit Selbsthilfe, weil Heerscharen von Menschen die Wälder nach Heidelbeeren und anderen wild wachsenden Früchten durchkämmten, um sich so in Kriegszeiten «eine nicht zu unterschätzende Einnahmequelle zu verschaffen». Die Beerenpflücker hielten sich beim Sammeln nicht an das ortsübliche Mass. Die Einheimischen verspürten deshalb «Unwillen», «teilweise sogar eine tief greifende Erbitterung».

Des ungeachtet vergnügten sich vermögliche Touristen in den prunkvollen Hotelkästen. Auch wenn der grösste Ansturm der Belle Epoque vorbei war, hatten die Häuser doch noch Zulauf. Es waren nicht nur die Kurorte im Berner Oberland wie Wengen oder Mürren, die im «Bund» Werbung schalteten, sondern auch das Schwefelbergbad. Dieses machte sich anheischig, für einen Pensionspreis ab Franken 7.50 pro Tag eine «prima Küche» anzubieten. Das Gurnigelbad, das damals repräsentativste Etablissement in der Region, warb mit 400 Betten und Badekuren.

Zudem hatte das Hotel, von dem heute nur noch Nebengebäude stehen, eigens «den bekannten Schweizer Sportmanager und Trainer» Hildebrand angestellt, welchem die Gäste gemäss dem «Bund» manchen angenehmen Abend verdankten. Zudem organisierte Hildebrand im August ein Tennisturnier. Auch ein Kabarettabend wurde von den mehreren Hundert Gästen mit warmem Applaus bedacht – ob dabei auch die denkwürdigen Vorkommnisse bei den Sennhütten aufs Korn genommen wurden, ist nicht bekannt. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2018, 07:21 Uhr

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