Rehe schützen – Luchse «regulieren»

Ein Forschungsprojekt mit Rehen im Kanton Bern endete desaströs. Im Parlament zeigten Grossräte gestern ein Herz für Rehe. Luchse wollen sie aber nicht schonen.

Grossräte möchten die Luchspopulation im Berner Oberland reduzieren. Auch wegen der Rehe.

Grossräte möchten die Luchspopulation im Berner Oberland reduzieren. Auch wegen der Rehe. Bild: Laurent Gillieron/Keystone

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«Das ist unprofessionell, unhaltbar, es ist Tierquälerei», sagte Grossrat Hans Schmid (SVP, Achseten) am Montag, als er den Verlauf des Rehprojekts im Kanton Bern geschildert hatte. 22 Rehkitze musste die bernische Wildhut im vergangenen September töten. Sie wurden abgeschossen, weil ihnen im Rahmen eines Forschungsprojekts fehlerhafte Peilsender angelegt worden waren.

Die Universität Zürich und das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hatten 143 Rehe, darunter 46 Rehkitze, im Simmental und Kandertal mit Peilsendern ausgestattet. Doch das Projekt endete desaströs. Die angebrachten Sender waren fehlerhaft. Deren Bänder erweiterten sich nicht. Die Tiere einzufangen, gelang nicht. Ein Reh war beim Versuch, es zu fangen, sogar gestorben. Um die wachsenden Rehkitze vor Leiden und dem Erstickungstod zu bewahren, wurden sie daher abgeschossen. Nach Intervention des bernischen Regierungsrats stoppte die Universität das Projekt schliesslich. Die Bilanz des Rehprojekts beschäftigte gestern noch einmal die Kantonsparlamentarier. Da die Vorkommnisse der Vergangenheit angehören und der Kanton Bern an der Forschung nicht beteiligt war, überwies das Parlament der Regierung keine Aufträge mehr. Grossrat Schmid hatte aber mehrere Vorstösse eingegeben. Und auch Hans Rösti (SVP) war in der Sache aktiv geworden. Die Art und Weise, wie das Projekt vonstattengegangen sei, verstosse gegen jede Ethik und Moral, sagte er im Rat. «Wo bleibt hier der Tierschutz?»

Die Universität Zürich hat schon früher grosses Bedauern am Ausgang des Projekts geäussert. Neue Rehe werden laut deren Mitteilung nicht mehr mit Sendern ausgerüstet. Die noch andauernde Forschungsarbeit beschränkt sich darauf, das Verhalten jener Tiere auszuwerten, welche von den Sendern nicht beeinträchtigt werden. Die Universität geht von einem Materialfehler bei den Sendern aus und hat angekündigt, diese bei der Empa überprüfen zu lassen. Doch die Forscher zeigten sich in ihrer veröffentlichten Stellungnahme auch erstaunt darüber, mit welcher Vehemenz Politiker seither gegen ihr Projekt vorgegangen sind. Die politischen Vorstösse stammten mehrheitlich von Grossräten, die selber Jäger seien. Das erstaune, «denn pro Jahr werden im Kanton Bern 6000 Rehe durch die Jagd getötet».

Luchse einfacher abschiessen

Das Rehprojekt hätte Aufschluss über die Bewegung und die Todesursachen der Rehe im Berner Oberland geben sollen. Die Forscher erhofften sich davon auch erstmals objektive Aussagen dazu, ob der Luchs für den Rehbestand tatsächlich gefährlich ist. Daher war es bemerkenswert, dass die Parlamentarier Rösti und Schmid gestern nur Minuten später für die Lockerung des Schutzes des Luchses eintraten. Für Rösti ist klar: «Der Luchs ist hauptsächlich verantwortlich dafür, dass es im Kanton Bern einen tiefen Rehbestand gibt.» Andere Argumente seien vorgeschoben. Laut Rösti sollte der Kanton darum Massnahmen treffen, um den Luchsbestand rasch zu regulieren. Das heisst: Luchse sollten einfacher abgeschossen werden können. Der entsprechende Vorstoss wurde auch von Oberländern aus Reihen der SVP, BDP, FDP und EDU unterstützt.

Sie hatten damit – vor Bekanntwerden der verhängnisvollen Fehler im Rehprojekt – auf den Fall der Luchsin Luna reagiert. Diese riss im Sommer 2013 mehrere Schafe. Sie soll ihre ungewöhnliche Beutevorliebe in einer Luchsstation erlernt haben, wo sie in Nachbarschaft von Schafen aufgezogen wurde. Auch der bernische Jagdinspektor Peter Juesi sprach im «Bund» daraufhin davon, dass Jungluchse nicht mehr aufgepäppelt werden sollten. Vor allem deshalb, weil zu verhindern sei, dass die Jäger zur Selbstjustiz greifen und Luchse gewildert würden. Die Berner Regierung will die Regeln für den Abschuss von Luchsen aber nicht über den Haufen werfen. Wie Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (SP) gestern erklärte, werde man aber prüfen, ob es Massnahmen im Kanton brauche, wenn das nationalen Luchskonzept voraussichtlich 2015 überarbeitet worden sei. (Der Bund)

Erstellt: 28.01.2014, 08:26 Uhr

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