«Rebellentum ist ja nichts Schlechtes»

Samstagsinterview

Nick Hayek erklärt, warum aus seinem Bürofenster eine Piratenfahne hängt, weshalb er einen Technik-Campus in Biel unterstützt und wie ihm George Clooney bei der Entwicklung eines ökologischen Motors hilft.

«Ein Pirat hat kein Dogma, er teilt nicht in Gut und Schlecht ein» Nick Hayek.

«Ein Pirat hat kein Dogma, er teilt nicht in Gut und Schlecht ein» Nick Hayek.

(Bild: Adrian Moser)

Herr Hayek, Sie stehen immer noch für ein gewisses Rebellentum: Aus Ihrem Bürofenster hängt eine Piratenfahne, und Ihr Auftritt ist für den Chef eines Milliardenkonzerns doch recht unkonventionell.
Rebellentum ist ja nichts Schlechtes. Ich nenne das positive Provokation, das gehört zu Swatch und damit zur Swatch-Gruppe.

Doch Sie vertreten – etwa an der Basler Uhrenmesse – Luxusuhrenmarken wie Breguet, Blancpain und Omega gegenüber reichen Kunden. Das ist nicht sehr rebellisch.
Wissen Sie, was für Uhren drei Unia-Gewerkschafter trugen, die kürzlich bei mir im Büro waren? Jeder eine Omega. Es sind nicht nur sogenannt reiche Leute, die sich eine teure Uhr wünschen und kaufen.

Eine Omega gibts ab 3000 Franken. Aber es ist doch ein Widerspruch, sich rebellisch zu geben und gleichzeitig Uhren für 50'000 oder 100'000 Franken zu verkaufen.
Ich sehe keinen Widerspruch. Die Piratenfahne ist ein Symbol der Unabhängigkeit und der Freiheit, sich nicht auf Teufel komm raus anzupassen. Viele grosse Unternehmer, mein Vater inklusive, haben nur so viel erreicht, weil sie den Mut hatten oder haben, unabhängig zu denken und zu handeln.

Aber wenn Scheichs oder Oligarchen Ihre Uhren im Dutzend kaufen, müssen Sie auch mit Ihnen zu Mittag essen.
Zeit zum Essen mit den Herren – die übrigens auch Swatch-Uhren kaufen – habe ich leider nicht. Sehen Sie: Ein Pirat hat kein Dogma, er teilt nicht in Gut und Schlecht ein. Ich mache keine Gesinnungskontrolle bei unseren Kunden. Und wenn jemand über Geld verfügt, heisst das nicht automatisch, dass er schlecht ist. Es gibt viele Reiche, die viel Positives tun, wie es auch Arme gibt, die sehr «bünzlig» sind, und umgekehrt. Ich beurteile einen Menschen nicht nach dem, was er hat. Ich lege keinen Wert auf Oberflächlichkeiten.

Dieses Gespräch kam auch zustande, weil sich der Stadtpräsident davon Unterstützung für den Campus Technik in Biel erhofft. Warum engagiert sich der Chef des weltgrössten Uhrenkonzerns als lokalpolitischer Lobbyist?
Ich bin kein Lobbyist! Die Swatch Group ist eine der grössten Arbeitgeberinnen in den Kantonen Bern, Solothurn und Neuenburg. Wir produzieren nicht nur hier, sondern betreiben auch viel Forschung und Entwicklung und brauchen sehr viele Fachkräfte. Darum kann es mich nicht kaltlassen, wenn der Kanton Bern über einen Campus Technik der Fachhochschule nachdenkt.

Umstritten ist vor allem die Standortfrage. Entweder die technischen Ausbildungen werden in Biel, Burgdorf oder Bern konzentriert, oder es bleibt alles so verzettelt wie heute.
Mir geht es nicht um Biel gegen Burgdorf oder Bern. Die Uhrenindustrie ist nicht nur eine der konkurrenzfähigsten Branchen der Schweiz, sondern weltweit – selbst jetzt mit dem starken Franken. Wir haben in der Schweiz allen Grund, stolz zu sein auf die Uhrenindustrie und ihre Führungsrolle in der Mikrotechnologie. Biel ist nun einmal ein Zentrum der Uhrenindustrie. Tatsache ist aber auch, dass in Neuenburg sehr viel mehr für die Ausbildung der Fachkräfte in diesem Bereich getan wird. Dort ist die Entwicklung sehr dynamisch, auch dank unserer direkten Mitwirkung.

Das heisst, ein Campus Technik gehört aus Ihrer Sicht nach Biel?
Ja, das macht tatsächlich mehr Sinn für uns als zum Beispiel eine Fachhochschule für Architektur oder Philosophie. Für unser Unternehmen wäre ein Campus Technik in Biel sicher positiv und eine Bereicherung.

Wäre es eine Chance, den Fachkräftemangel zu mindern?
Wenn man vor Ort eine Hochschule hat, geht es viel einfacher und schneller, Studenten bereits in praktische Projekte einzubinden. Mit einem Campus Technik in Biel gäbe es viele Synergien. Die Swatch Group bekommt aber sicher keine Probleme, wenn der Campus nicht in Biel gebaut wird, denn wir haben mit Neuenburg schon jetzt eine gute Alternative.

Müsste man nicht viel weiter denken und zum Beispiel am Jurabogen ein gemeinsames Technologieinstitut gründen?
Ich bin kein Freund des Zentralismus. Die Swatch-Gruppe selber führt kein grosses zentrales Forschungslaboratorium. Wir haben in fast jedem Unternehmen eine eigene Forschung und Entwicklung. Damit nehmen wir gewisse Doppelspurigkeiten in Kauf. Wir wollen aber, dass die Forschung und Entwicklung möglichst nahe an der Produktion bleibt. Für die Schulen gilt das Gleiche. Sie brauchen starke Angebote in den Regionen. Das Angebot muss aber koordiniert sein und man muss sich ohne partei- oder lokalpolitische Scheuklappen fragen, wo welches Angebot am meisten Sinn macht.

Auf Bundesebene wird das Projekt von nationalen Innovationsparks verfolgt . . .
Viel wichtiger wäre es, die kleineren und mittleren Unternehmen zu stützen. Dort passiert sehr viel Innovation. Man kann Forschung und Entwicklung nicht von der Produktion trennen. Anstatt über Innovationsparks zu reden, könnten wir beispielsweise über einen mit einer Milliarde Franken dotierten Innovationsfonds die Forschung und Entwicklung in den Unternehmen fördern und diese dann auch verpflichten, in der Schweiz zu produzieren. Wenn wir nur noch Forschung und Entwicklung in der Schweiz haben und diese nicht mit der Produktion verbinden, kann sich die Schweiz als Industriestandort verabschieden. Das wäre fatal für die ganze Schweiz.

Wie könnte ein solcher Fonds finanziert werden?
Das wäre doch eine gute Frage für die Economiesuisse . . . Auf jeden Fall nicht durch den Staat. Hier könnten doch die Banken etwas Gutes tun!

Sie sagen, Sie seien kein Lobbyist. Haben Sie dennoch Kontakt zum Beispiel zum Regierungsrat?
Natürlich haben wir Kontakt miteinander – wir sind schliesslich einer der grössten Arbeitgeber des Kantons. Zum Glück sind viele Schweizer Politiker noch nicht «reine» Berufspolitiker, und so kann man mit ihnen fast ganz normal diskutieren.

Der frühere Stadtpräsident Hans Stöckli und Ihr Vater haben jeweils gemeinsam für Biel als Standort geworben. Tun Sie das mit dem neuen Stadtpräsidenten auch?
Herr Stöckli hat sich immer sehr für Biel eingesetzt. Er bezeichnete sich als einen Roten, der gerne schwarze Zahlen hat. Und er ist sehr dynamisch. Er wollte aber nicht verstehen, dass Biel nicht das einzige Zentrum der Uhrenindustrie ist. Mein Vater und ich haben immer die positiven Seiten von Biel betont, wir haben uns aber vor allem für die Uhrenindustrie in der ganzen Schweiz eingesetzt und nicht speziell nur für eine Stadt oder Region.

Wie beurteilen Sie die Arbeit des neuen Stadtpräsidenten Erich Fehr?
Herr Fehr hat wahrscheinlich weniger politische Ambitionen über Biel hinaus als sein Vorgänger, was für Biel sicher kein Nachteil ist. Er will Biel attraktiver machen und vorwärtsgehen und macht dabei etwas weniger auf Show. Jeder hat seinen Stil. Herr Fehr ist auf jeden Fall sehr pragmatisch.

Vor gut drei Jahren hat die Swatch Group angekündigt, in Biel neue Hauptsitze der Marken Omega und Swatch zu bauen. Seither hat man nicht mehr viel gehört.
Swatch und Omega werden je einen separaten Bau mit einer eigenen Identität erhalten, beide Teile sind aber miteinander verbunden. Sie werden von uns Kreativität und Originalität mit viel Holz sehen. Das konkrete Bauprojekt werden wir am 20. Februar vorstellen. Im Frühling wollen wir mit dem Bau beginnen.

Zuerst muss aber noch das ganze Baubewilligungsverfahren abgeschlossen sein.
Das ist richtig – und wir arbeiten hier in Biel konstruktiv mit den Behörden zusammen.

Sie haben früher gesagt, die Swatch-Gruppe investiere 100 Millionen Franken in Biel und schaffe mehrere Hundert neue Arbeitsplätze.
Das ganze Bauprojekt wird sicher mehr als 100 Millionen kosten. Neue Arbeitsplätze wird es sicher auch in Biel geben. Allein im letzten Jahr hat die Swatch-Gruppe insgesamt über 2800 neue Stellen geschaffen.

Mehrere Hundert neue Arbeitsplätze wird es in Biel aber in nächster Zeit nicht geben?
Es ist schwierig, dies zu beziffern, aber ich würde zum jetzigen Zeitpunkt nichts ausschliessen.

Biel träumt schon lange von einem grossen Uhrenmuseum. Was ist da geplant?
Es wird sogar drei Museen geben – für Swatch, Omega und das Swatchmobil – und eine Art begehbare Produktion für Omega!

Dass Sie das Publikum bei der Produktion zusehen lassen wollen, ist in der verschwiegenen Uhrenbranche ein Novum.
Viele Marken in der Uhrenindustrie wollen der Öffentlichkeit nicht zeigen, was sie machen, weil sie in Wahrheit gar nichts selber herstellen. Sie kaufen nur Teile bei uns ein und setzen sie zusammen.

. . . nicht mehr lange, zumindest was die Uhrwerke Ihres Tochterunternehmens ETA betrifft. Bekanntlich wollen Sie ja die Liefermengen an die Konkurrenz senken.
Ja, die Wettbewerbskommission leitete auf unsere Initiative hin eine Untersuchung ein, um zu sehen, wie wir dies realisieren könnten. Das Ziel ist, dass die Swatch-Gruppe von anderen Herstellern nicht mehr als Supermarkt für Uhrwerke missbraucht wird.

Ihre Konzernzentrale befindet sich hier in Biel. Doch auf dem Papier hat die Swatch-Gruppe ihren Sitz immer noch in Neuenburg – möchten Sie dies nicht ändern?
Ich sehe keinen Grund dafür. Kommen Sie mir nicht mit dem Kantönligeist. Die Swatch-Gruppe hat über 150 Produktionsstätten in der ganzen Schweiz – also lassen Sie doch jeden Kanton etwas haben von uns.

Ihr Vater gründete die Belenos Clean Power AG, mit dem Ziel, das Autofahren umweltfreundlicher zu machen. Wie weit sind Sie hier schon?
Wir arbeiten unter anderem an der Entwicklung einer Brennstoffzelle – zusammen mit dem Paul-Scherrer-Institut. Wir forschen auch an einer leistungsfähigen und billigeren Batterie. Das Ziel ist, diese Komponenten später in der Schweiz industriell herzustellen. Wir wollen aber im Gegensatz zum damaligen Swatchmobil-Projekt kein ganzes Auto herstellen.

Geht es Ihnen darum, mit neuen Technologien Profit zu machen, oder geht es um Umweltschutz?
Beides. Das Ziel ist natürlich nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern auch, dass wir die Produkte in der Schweiz herstellen und erfolgreich und somit mit Gewinn verkaufen können.

Das verlangt nach enormen Anstrengungen.
Natürlich. Und es wird auch noch einige Zeit dauern, wir haben noch einige Hindernisse zu überwinden, trotz des grossen Know-hows sowohl innerhalb der Swatch-Gruppe wie auch der externen Partner. Trotzdem haben uns einige Politiker bereits Bauland für die Fabrik angeboten. Doch wir wissen noch gar nicht, ob wir die Brennstoffzelle in der gewünschten Form werden herstellen können. Immerhin haben wir aber bereits eine Testfahrt gemacht.

Das Geld, das Sie einschiessen, ist also Risikokapital . . .
Ja, kurzfristig gesehen schon. Im Moment gibt es keine Rendite auf dem investierten Geld – ausser der zahlreichen Patente. Aber als umweltbewusste Unternehmer gehen wir dieses kalkulierte Risiko gerne ein – es geht schliesslich auch um unsere Umwelt. Und wenn ich sage wir, dann sind dies alle am Aktienkapital beteiligten Partner: die Swatch-Gruppe, die Firma Hayek Engineering, die Deutsche Bank, die Elektrizitätsgesellschaft Groupe E, die ETH, die Ammann Group sowie George Clooney.

Was kann der Schauspieler, der im Belenos-Verwaltungsrat sitzt, zum Unternehmen beitragen?
Herr Clooney ist sehr engagiert und umweltbewusst. Seit 20 Jahren besitzt er elektrische Automobile. Wenn er in Europa ist, nimmt er an den Verwaltungsratssitzungen teil. Er ist eben einer dieser Querdenker, die wir auch in unserem Verwaltungsrat brauchen. Mit seinen kreativen Ideen leistet er einen grossen Beitrag.

Im Handelsregister haben Sie die Hayek Film AG eingetragen. Sind Sie noch als Filmemacher aktiv?
Die Firma hält noch die Rechte meiner früheren Filme. Spielfilme mache ich heute keine mehr, aber wenn Werbespots für unsere Uhrenmarken produziert werden, dann rede ich mit. Zudem haben wir einen längeren Dokumentarfilm über die Entwicklung des Swatchmobils (Vorläufer des Smart, Anm. d. Red.) gemacht, den wir jedoch noch unter Verschluss halten.

Warum?
Es gibt keinen besonderen Grund. Wir sind in Diskussion mit verschiedenen Fernsehstationen.

Am 28. Juni, dem zweiten Todestag Ihres Vaters, wird in Biel der Nicolas-G.-Hayek-Park eingeweiht. Was bedeutet Ihnen das?
Es ist schön zu sehen, dass mein Vater hier eine solche Anerkennung erfährt. Er hätte sich sicher sehr darüber gefreut. Von seinem Büro hier im Konzernsitz hatte er immer gerne über diesen Park am See geblickt. In seinem Sinne soll der Hayek-Park ein offener Ort werden, wo Familien hingehen, wo Hunde herumrennen, wo sich die Leute treffen.

Die Familie Hayek stiftet ein Kunstwerk für den Park. Um was handelt es sich?
Es handelt sich um eine Skulptur, ähnlich jener, die bei meinen Eltern im Garten steht und die mein Vater jeweils immer sehr bewundert hat.

Der Bund

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