«Papa, es wäre schade, wenn du mehr arbeiten würdest»

Der Ökonom Richard Leu arbeitet Teilzeit, um seine Kinder zu betreuen. Ob er den Karriereknick später ausbügeln kann, weiss er nicht. Glücklich ist er trotzdem.

Richard Leu räumt das Kinderzimmer nicht nur für den Fototermin auf.

Richard Leu räumt das Kinderzimmer nicht nur für den Fototermin auf.

(Bild: Adrian Moser)

Naomi Jones

Heute Vormittag ist die grosse Dreizimmerwohnung der Familie Leu aufgeräumt und ruhig. Charlotte (1¾) ist mit der Tante auf dem Spielplatz, Valentin (4½) ist im Kindergarten und Felix (6½) in der Schule. Aber schon bald sind alle wieder daheim. Dazu kommen zwei Buben der Nachbarin, die Richard Leu (42) regelmässig hütet. Doch jetzt mahlt er erst einmal die Kaffeebohnen und bereitet mit der Kolbenmaschine den Kaffee zu. Am Küchentisch, der nach frischem Leinöl riecht, erzählt er von seinem Leben als Vater, der Teilzeit arbeitet. Und zwar in einem wesentlich tieferen Pensum als seine Frau Janine Junker. Das ist auch 2018 ungewöhnlich.

Richard Leu machte eine Banklehre und bald als Börsenhändler Karriere. Um aus dem Strudel der Börsenhektik auszubrechen, studierte er Betriebswirtschaft und arbeitete danach auf Mandatsbasis. Als seine Frau hochschwanger das Anwaltspatent machte, war für das Paar klar, dass sich beide Eltern um das Kind kümmern wollten. Janine Junker fand eine 70-Prozent-Anstellung, und Richard Leu reduzierte seine verschiedenen Mandate. Heute hat er eine 40-Prozent-Stelle bei einer Nonprofitorganisation. Daneben bietet er als Selbstständiger zu rund 10 Prozent Finanzberatungen und -coachings an. «Das Familienmodell hat sich letztlich aus den Jobs ergeben, die wir gefunden haben», sagt Leu. Denn es sei nicht einfach gewesen, die passenden Teilzeitstellen zu finden.

Die Tage des Vaters mit seinen Kindern sind turbulent. «Ab sieben Uhr morgens läuft permanent etwas», sagt Leu. Und zwar bis acht Uhr abends. Die ständige Präsenz sei körperlich und geistig anstrengend. «Man kann sich nie ausklinken.»

Die Kleinen kriechen, oft bevor der Wecker klingelt, ins elterliche Bett. Und manchmal beginnt dort der erste Streit um den begehrtesten Platz. Nach dem Frühstück geht Leu einkaufen. Er ist froh, dass er nicht mehr alle drei Kinder mitnehmen muss: «Sonst quengelt das eine bei den Chips, das andere räumt die Salate aus und das Kleinste hat das Weggli fallen lassen und deswegen einen Tobsuchtsanfall.»

Am Nachmittag zieht er mit seinen Kindern los. Heute Nachmittag will er mit der Schar durch den nahen Bremgartenwald streifen und Dinge entdecken: «Wir haben dort auch schon Rehe gesehen.» Das könnte er mit einer Vollzeitstelle nur selten oder gar nicht erleben, sagt Leu. Und die Momente am Morgen, wenn die ganze Familie im grossen Bett kuschelt, nennt er «Glücksperlen im Tag».

Die Rolls-Royce-Variante

Trotz aller Freude, die Richard Leu im Alltag mit seinen Kindern erlebt, möchte er nicht Vollzeithausmann sein. «Ich brauche den Beruf, um das Hirn zu lüften», sagt er. Die Herausforderung und die Befriedigung seien im Beruf anders, als jene daheim mit den Kindern. Mit der Teilzeitarbeit habe er aber die Rolls-Royce-Variante, sagt Leu. «Ich kann meine Kinder begleiten und mein Wissen anwenden.»

Rolls-Royce klingt allerdings nach einem Luxus, den man sich leisten können muss. Und tatsächlich könnte das Paar bis zu doppelt so viel verdienen, wenn beide in hohen Pensen ausser Haus tätig wären. Immerhin hat die gewählte Rollenteilung keinen Einfluss auf das Familienbudget. Denn die Anwältin und der Ökonom hatten ähnliche Karrierechancen und hätten auf Vollzeitstellen ähnlich viel verdient. Das sei eine Grundvoraussetzung, damit ein Paar die Rollenverteilung frei wählen könne, sagt Leu.

Familie ist Karriereknick

Er ist sich aber bewusst, dass es auch für ihn als Mann schwierig werden dürfte, den Karriereknick aufgrund der Familienpause später vollständig auszubügeln. Zickzack-Karrieren seien vielen Personalverantwortlichen in der Schweiz leider immer noch suspekt. Dies, obwohl Teilzeitangestellte und Menschen mit verschiedenen Erfahrungen den Unternehmen einen Mehrwert brächten, ist Leu als Betriebswirtschafter überzeugt.

Trotzdem bereut Richard Leu seine Wahl nicht. Denn nicht nur er, sondern auch seine Frau und die Kinder sind glücklich. Und als der älteste Sohn gemerkt habe, dass seine Familie nicht ganz gleich sei wie die meisten anderen, habe er gesagt: «Papa, es wäre schade, wenn du mehr arbeiten würdest.»

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