«Ohne Ausbau wäre der Stau wohl bald auch auf der Schiene»

Kaspar P. Woker von Pro Bahn Schweiz begrüsst den 12 Milliarden teuren Bahnausbau 2035, der auch den Ausbau des Lötschberg-Basistunnels vorsieht.

Die Bahngeleise bei der Einfahrt zum Lötschbergtunnel in Kandersteg.

Die Bahngeleise bei der Einfahrt zum Lötschbergtunnel in Kandersteg. Bild: Bruno Petroni

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Herr Woker, im Bahnausbau-Projekt 2035, das der Bundesrat am Mittwoch vorgestellt hat, ist auch der Ausbau des Lötschberg-Basistunnels enthalten. Finden Sie das sinnvoll?
Das ist natürlich absolut im Sinne von Pro Bahn. Der bisherige Zustand des Tunnels ist unvollständig. Es würde ein grosses Problem geben, wenn man den bestehenden Basistunnel renovieren muss und zwei Drittel nur einspurig befahrbar wären. Eine Sperrung des Tunnels wäre dannzumal unvermeidbar. Mit dem Ausbau bleibt nur noch das Teilstück zwischen Mitholz und Frutigen einspurig, das reduziert den Engpass massiv.

Mit dem Ausbau soll auch der Halbstundentakt zwischen Bern und Brig eingeführt werden. Ist das überhaupt notwendig?
Das ist sehr wohl nötig. Der Halbstundentakt ist bereits zwischen fast allen Zentren verwirklicht. Dann ist es natürlich äusserst störend, wenn ab Bern der Halbstundenzug nach Brig fehlt. Es geht unabhängig der Nachfrage auf dieser Linie um eine Vereinheitlichung des schweizweiten Angebots. Abgesehen davon ist für die lückenlose Erschliessung des Wallis der Halbstundentakt natürlich sehr wichtig. Noch entscheidender für den Ausbau sind aber die zusätzlichen Kapazitäten für den Güterverkehr.

Was bedeutet dieser Ausbau denn für den Güterverkehr?
Man kann ganz einfach mehr Güterzüge durch den Tunnel schicken. Reisezüge sind bis doppelt so schnell unterwegs wie Güterzüge. Während ein Güterzug durch den einspurigen Teil des Lötschberg-Basistunnels fährt, kann kein Gegenzug in den Tunnel geschickt werden. Deshalb konnte bis heute der integrale Halbstundentakt noch nicht realisiert werden. Es müssen nebst dem Personenverkehr, dessen Nachfrage massiv gestiegen ist, unbedingt Kapazitäten für den Güterverkehr frei gehalten werden. Der Basistunnel durch den Lötschberg ist Teil der wichtigen Transitroute für den internationalen Güterverkehr.

Ist es realistisch, dass die Nachfrage in den kommenden Jahren weiter so stark ansteigen wird?
Ja, die Nachfrage im Personenverkehr wird weiter steigen, auf allen Routen. Davon ist auch der Lötschberg nicht ausgenommen. Man ist in der Schweiz eher bereit, eine längere Pendelstrecke in Kauf zu nehmen als umzuziehen. Nicht zu vergessen ist besonders bei der Verbindung ins Wallis aber auch der Tourismus- und Freizeitverkehr, der in den letzten Jahren massiv angestiegen ist.

Verfällt man mit solchen Projekten nicht einem Bahnwahnsinn? Der Ausbau kostet 900 Millionen Franken. Insgesamt sollen bis 2035 knapp 12 Milliarden Franken investiert werden. Das sind sehr hohe Beträge.
Das stimmt, es handelt sich um hohe Beträge. Aber wenn Sie sich den Stau auf den Autobahnen – und wohl bald auch auf den Schienen – vor Augen führen, ist diese Summe gerechtfertigt. Mit weniger Geld kämen wir nur dann zurecht, wenn man die Bevölkerung dazu bewegen könnte, die Arbeitswege zu verkürzen, und das Gewerbe, wieder lokaler zu produzieren.

Noch vor einem Jahr wollte der Bundesrat den Doppelspurausbau vorerst nicht realisieren. Weshalb nun die Kehrtwende des Bundesrates?
Das ist Lobbying. Punkt, fertig. Der Bundesrat wollte erst nur 7 Milliarden ausgeben für den Ausbauschritt 2035. Dann wäre aber der ganze Stutz in den Grossraum Zürich geflossen. Das dürfte der Bundesrat taktisch so arrangiert haben. Damit hat er alle Kantone und Verbände ins Boot geholt, womit sie sich für den teureren Kredit von knapp 12 Milliarden ausgesprochen haben. Zu kurz gekommen sind im jetzigen Projekt eigentlich nur Luzern und Basel.

Sind die Prioritäten richtig gesetzt? Wären nicht die Ausbauprojekte zur Entlastung der stark bewohnten Zentren im Mittelland wichtiger? Ich denke da etwa an den Brüttener Tunnel, den Bahnhof Stadelhofen oder den Zimmerberg-Tunnel.
Aus der gesamtheitlichen Sicht von Pro Bahn Schweiz muss man sagen: jein. Es gibt schon wichtige Projekte, die nun doch zurückgestellt wurden. Ich denke da zum Beispiel an den Durchgangsbahnhof in Luzern. In solche Projekte könnte man natürlich genauso sinnvoll Geld investieren. Entscheidend in der Sache des Lötschbergs ist aber der Güterverkehr. Ebenso sinnvoll sind diejenigen Massnahmen, welche dem innerschweizerischen Güterverkehr zugutekommen. Damit wird ein «Kampf» um Trassen zwischen Güterzügen und S-Bahnen, wie er sich im Raum Zürich abzeichnet, vermieden. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2018, 19:53 Uhr

Zur Person

Kaspar P. Woker ist Vizepräsident der Sektion Espace-Mittelland von Pro Bahn Schweiz. Die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs begrüsst den Ausbau des Lötschberg-Basistunnels im Rahmen des Ausbauschrittes 2035.

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