Oft zeigte sich ein «mitfühlendes Herz» von der harten Seite

Wer einmal entmündigt war, hatte es oftmals schwer, in 
ein normales Leben zurückzufinden.

Simon Wälti

Das Handeln der Vormundschaftsbehörde der Stadt Bern im Zeitraum von 1920 bis 1950 hat Mischa Gallati im Buch «Entmündigt» untersucht. Auffallend ist die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Behörde, eine moderne und menschengerechte Fürsorge wahrzunehmen, und den traumatisierenden Erfahrungen der Mündel, die in den Amtsmühlen stecken blieben. Nicht selten wurden sie für geringe Vergehen jahrelang in Anstalten festgehalten. Das Schweizerische Zivilgesetzbuch regelte Entmündigungen von Menschen bei psychischen Krankheiten und bei sozialen Mängeln wie «Verschwendung», «Misswirtschaft», «Trunksucht» oder «lasterhaftem Lebenswandel».

Den guten Willen belegt eine Äusserung von Fürsorgedirektor Otto Steiger bei der Suche nach einem neuen Armeninspektor. «Die Kinder sollen in dem ihnen zum Vormund eingesetzten Armeninspektor einen menschenfreundlichen Berater und Führer erhalten, der für ihre persönlichen und seelischen Nöte ein mitfühlendes Herz hat.» Steiger war von 1920 bis 1958 Fürsorgedirektor, von 1952 bis 1958 war er zugleich Stadtpräsident. 1942 habe er die Jugendfürsorge zu einem Schwerpunkt seiner Tätigkeit erhoben, schreibt Gallati, dabei habe er «offen eugenisch» argumentiert und auf die Tatsache verwiesen, «dass die Qualität unseres Volks-Nachwuchses noch wichtiger ist als die Quantität». Der patriarchale Staat wollte verhindern, dass Problemfälle sich fortpflanzten.

«In hohem Mass sittlich gefährdet»

Ziel der Vormundschaft war die Normalisierung der Mündel. Für die Mündel war diese Normalisierung häufig ein Teufelskreis, wie mehrere Fallgeschichten im Buch belegen. «Trudi Moser» zum Beispiel kam 1939 mit fünfzehn Jahren ins Mädchenheim Schloss Köniz, mit achtzehn wurde sie als Haushaltshilfe bei einer Bauernfamilie platziert. Zuerst wurde sie gelobt. Doch bei der zweiten Stelle im Salem-Spital in Bern begannen die Klagen. Das Mädchen sei «in hohem Mass sittlich gefährdet», steht im Patronatsbericht von 1945. Von nun an heisst es immer wieder, dass sich Trudi Moser den Kontrollen zu entziehen versuche, arbeitsscheu sei und sich mit Burschen abgebe. Wegen «Geistesschwäche und sexueller Hemmungslosigkeit» wird die 22-jährige Frau im Jahr 1946 entmündigt. Später hat sie ein Liebesverhältnis mit einem Küchenburschen, die Behörde versucht, eine Heirat zu verhindern. Ein psychiatrisches Gutachten spricht ihr die Ehefähigkeit ab, worauf die Frau mit ihrem Geliebten in den Kanton Zürich flieht. Dort wird sie jedoch von der Polizei aufgegriffen, nach Bern zurückgebracht und in der Anstalt 
Kühlewil versorgt.

Fürsorge endet mit Todesfall

Der Fall nimmt vorübergehend eine Wendung, als sich der bekannte Fotoreporter Paul Senn für die Frau einsetzt und einen angriffigen Brief an die Fürsorgedirektion schreibt. Eine allfällige Zustimmung zur Heirat mit ihrem Geliebten macht die Behörde nun von einer Sterilisation abhängig, obwohl dies im Widerspruch zu einem Kreisschreiben des Kantons Bern steht, wonach bei einer Sterilisation «jeder offene oder versteckte Zwang» untersagt sei. Trudi Moser lehnt die Operation ab. Trotz grosser Bedenken wird die Frau 1951 aus Kühlewil entlassen. Etwas später entdeckt die Behörde, dass sie schwanger ist. «Es wurden sofort die nötigen Schritte unternommen, um einen künstlichen Abortus herbeizuführen und gleichzeitig die Sterilisation durchzuführen», heisst es in einer Aktennotiz. Von diesem Eingriff erholt sich Trudi Moser nicht mehr richtig, es gibt Komplikationen, die letztlich zu ihrem Tod am 14. Februar 1952 führen. Sie wurde nicht einmal dreissig Jahre alt.

Hatten negative Charakterzüge einmal Eingang in ein Dossier gefunden, so tauchten sie immer wieder auf. Eine Frau galt schnell als «liederlich» oder sie wies einen «moralischen Defekt» auf. Ein Mann wurde als «arbeitsscheu» taxiert oder verfügte über «schlechte Erbanlagen». Wer sich gegen solche Etikettierungen zur Wehr setzte, lief Gefahr, als uneinsichtig bezeichnet zu werden. Den Behörden standen verschiedene Zwangsmittel zur Verfügung, im grossen Stil wurden Mündel administrativ in Anstalten eingewiesen.

Die höchste Fürsorgequote im Untersuchungszeitraum weist das Jahr 1938 auf: Damals waren 3,2 Prozent der Bevölkerung der Stadt Bern von einer vormundschaftlichen Massnahme betroffen. In absoluten Zahlen war 1955 das Spitzenjahr mit über 4500 entmündigten Personen. Fast immer erfolgten die Entmündigungen «auf eigenes Begehren», gewissermassen also freiwillig, denn damit ersparten sich die Behörden eine Prüfung durch ein Gericht. Sehr oft ist diese Freiwilligkeit aber nur auf Druck zustande gekommen, war also 
eigentlich ein Etikettenschwindel.

Der Bund

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