OL-Läufer könnten Vorbilder für Biker im Wald werden

Nicht sportlich, aber im Umweltbereich überlegt sich Swiss Cycling, den OL-Sport als Vorbild zu nehmen.

Beim OL-Verband ist eine spezielle Kommission dafür zuständig, dass Simone Niggli-Luder mit gutem Gewissen durch den Wald preschen kann.

Beim OL-Verband ist eine spezielle Kommission dafür zuständig, dass Simone Niggli-Luder mit gutem Gewissen durch den Wald preschen kann. Bild: Keystone

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Nein. Verboten werden soll Radfahren und Reiten im Wald nicht. Und doch: Am vorliegenden, teilrevidierten kantonalen Waldgesetz erhitzen sich die sportlichen Gemüter, als wäre dies künftig der Fall. Faktisch komme das Gesetz einem Todesurteil fürs Biken in den Wäldern des ganzen Kantons gleich, schreibt etwa das Ausrüstungsunternehmen Veloplus auf seiner Homepage dazu. 31'235 Personen haben zudem eine Onlinepetition unterschrieben, in welcher sie sich gegen das revidierte Waldgesetz wehren. Untersagt wird gemäss dem vorgesehenen neuen Absatz 2 in Artikel 22 das Reiten und Radfahren abseits befestigter Waldstrassen und besonders markierter Pisten.

OL in der Schusslinie

Der Konflikt erinnert an einen ganz ähnlichen Konflikt in den 1980er-Jahren. Damals stritten sich schweizweit Orientierungsläufer, Jäger und Behörden. Der OL-Sport gefährde Wald und Wild, monierten damals verschiedene Jagdverbände in der Schweiz. Kritisiert wurde auch die übermässige Belastung der Wälder durch die Häufigkeit von Orientierungsläufen. So wurde etwa die OL-Schweizer-Meisterschaft 1987 im Kanton Graubünden verboten, weil der Gemeinderat fand, das Gebiet werde durch die Wettkämpfe überbelastet und am Wald entstünde Schaden. Sechs Jahre zuvor lehnte die Gemeinde Grabs im Kanton St. Gallen aus ähnlichen Gründen die Durchführung der Meisterschaften ab. In beiden Fällen zogen die zuständigen Vereine vor Gericht, mit dem St. Galler Fall befasste sich sogar das Bundesgericht, welches den Behörden teilweise recht gab. Die Sportart Mountainbiking befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen.

Die Begründung der Behörden heute, weshalb sie Reiten und Radfahren teilweise im Wald verbieten will: Reiten und Radfahren im Wald könnte Wurzeln verletzen und den Boden verdichten. Dadurch werde der Baumbestand geschädigt und das Ansamen von jungen Bäumen verhindert. Zudem hinterliessen Pferde und Fahrräder oftmals bleibende Beeinträchtigungen auf nicht festen Wegen, was zusätzliche Unterhaltskosten verursache.

2012 haben die Behörden aber noch ganz andere Argumente zur Hand: Das Konfliktpotenzial zwischen Reitenden, Radfahrenden und anderen Waldbenutzern nehme laufend zu. Dies ist wohl der grösste Unterschied zu den 1980er-Jahren: Damals gerieten sich die OL-Läufer nur mit den Jägern in die Haare, aber kaum mit anderen Waldbenutzern.

Immer mehr Sportarten

«Ich bike selber, klettere, mache Ski- und Hochtouren», sagt Peter Juesy, Jagdinspektor des Kantons Bern. «Als Nutzer der Waldgebiete tut man sich sicher schwer mit Einschränkungen. Eine gewisse Kanalisierung ist aber heutzutage schon am Platz. Insbesondere, weil es immer wieder neue Sportarten gibt, die draussen in der Natur stattfinden. Etwa Bouldern, Eisklettern Schneeschuhwandern oder Canoyning. All das kannte man früher noch nicht.»

Das Ausscheiden oder Bezeichnen von Gebieten, in welchen gewisse Sportarten stattfinden dürften, sei deshalb sinnvoll. «Weil dafür dann wenigstens an den anderen Orten Ruhe ist». Kurz: Der Druck auf den Lebensraum Wald, ja, auf die gesamte Fauna, Flora und die Wildtiergebiete hat in den vergangenen Jahren immer nur zugenommen. Während heute gerade mal 5000 aktive OL-Läuferinnen und Läufer schweizweit durch die Wälder rennen, fahren in der Boomsportart Mountainbiking alleine im Kanton Bern 50'000 Sportler regelmässig durch Feld, Wald und Wiese. In der zweiten Boomsportart Schneeschuhlaufen dürften heute in der gesamten Schweiz um die 100'000 regelmässig in der Natur unterwegs sein.

Kleiner Verband, grosses Vorbild

Hinsichtlich Schonung von Fauna und Flora gilt aber ausgerechnet jener Verband, der schweizweit am wenigsten aktive Mitglieder hat, der Orientierungslaufverband Swiss Orienteering als Musterschüler.

Nach den Konflikten in den 1980er-Jahren gab der OL-Verband eine Studie in Auftrag, in welcher der Einfluss des OL auf Wald und Wild untersucht werden sollte. Aus dieser Studie, die «kein Persilschein» für den OL-Verband werden sollte, wie dies der damalige Verbandspräsident formulierte, entwickelte der Verband ein Umweltkonzept. Mittlerweile kümmert sich die Kommission OL und Umwelt darum, dass der OL-Verband seine Verantwortung wahrnimmt und bei einem OL sensitive Gebiete gemieden, Wildruhezonen ausgeschieden, die Postenstandorte sorgfältig ausgewählt und auf gefährdete Pflanzen- und Tierarten Rücksicht genommen wird. In der Kommission sitzen OL-Läufer, die Fachwissen in Ökologie, Umweltschutz, Forst- und Umweltrecht haben. Die Kommission hat die Aufgabe, Richtlinien zur Schonung von Fauna und Flora zu formulieren, die Vereine diesbezüglich zu informieren und sich für die Umsetzung der Richtlinien einzusetzen. «Für unsere Veranstalter ist es zum Beispiel Pflicht, im Vorfeld eines Laufs mit dem Wildhüter oder dem Förster Kontakt aufzunehmen», sagt Marc Eyer, langjähriger Präsident der Kommission.

Der Vorteil des OL-Verbands ist, dass – mit wenigen Ausnahmen – fast alle OL-Läufer in einem Verein organisiert sind. Die OL-Läufer, die meistens irgendwie auch als Helfer an Anlässen im Einsatz stehen, bekommen die Regeln bezüglich umweltschonenden Verhaltens von Anfang an mit. Und verhalten sich auch bei individuellen Technik- oder Lauftrainings entsprechend: «Unsere Läufer wissen zum Beispiel, was Wildeinstandsgebiete sind und wie man sich dort verhält», sagt Eyer.

Biker sind anders organisiert

Etwas anders sind die Biker organisiert: Von den 50 000 Bikesportlern im Kanton Bern sind nur 5000 in einem Verein. Entsprechend schwieriger dürfte es sein, diese für Umweltanliegen zu sensibilisieren. Probiert hat es der Verband Swiss Cycling Anfang Januar 2011 mit der Verabschiedung eines Positionspapiers, das gemeinsam mit den Organisationen Schweizer Wanderwege und Schweiz Mobil sowie der Beratungsstelle für Unfallverhütung herausgegeben wurde. Darin wird festgehalten, wie ein rücksichtsvolles Mit- und Nebeneinander von Wandernden und Mountainbikern möglich sei oder dass Vertreter der Jagd, des Wild- und Naturschutzes beim Ausstecken von Routen miteinbezogen werden müssten.

Wie Markus Pfisterer, Geschäftsführer von Swiss Cycling, sagt, überlegt sich der Verband nun aber, auch ein Umweltkonzept analog jenem des OL-Verbands zu erarbeiten. «Wir hatten schon die Idee, diesbezüglich mit den OL-Läufern in Kontakt zu treten». Auch deshalb, weil in diversen Kantonen zurzeit ähnlich formulierte Gesetzesabschnitte wie jene im Kanton Bern ein Thema seien. (Der Bund)

Erstellt: 06.03.2012, 08:13 Uhr

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