«Null-Toleranz in sozialen Berufen»

Erwin Sommer, Leiter der Berner Fachstelle Schulaufsicht, spricht im Interview über Berufsverbote für Pädophile und die Aufsichtspflicht der Behörden.

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Herr Sommer, erneut erhitzt ein Missbrauchsfall die Gemüter. Einmal mehr stellt sich die Frage, hätten die Behörden dies verhindern können?
Die Schulaufsicht des Kantons führt die Oberaufsicht über das System Schule aus. In erster Linie haben Gemeinden die Aufsicht über Lehrpersonen, insbesondere die zuständigen Behörden wie Schulkommission oder Gemeinderat.

Es handelt sich um einen Schulsozialarbeiter. Die Schulsozialarbeit ist Aufgabe der Gemeinden. Sind diese mit der Kontrolle überfordert?
Aus einem Einzelfall abzuleiten, die Gemeinden seien mit der Kontrolle überfordert, ist nicht berechtigt. Allerdings ist man wohl nie zu 100 Prozent sicher. Die Gemeinde hat die Aufsichtspflicht den Leuten gegenüber, die sie anstellt.

Köniz hat 2002 von Gerüchten aus Oberwil (BL) erfahren, konnte aber nichts erhärten. Muss in solchen Fällen nicht mehr reagiert werden?
Wir kennen diesen Fall nicht, es ist Sache der Gemeinde. Wir können auch nicht erheben, welche Gerüchte in den Gemeinden kursieren.

Muss die Aufsicht verstärkt werden?
Aus meiner Sicht ist das nicht nötig. Wichtig ist eine Sensibilisierung der Verantwortlichen, also Schulleitung und Behörden. Die Schulaufsicht hat im Rahmen des kantonalen Controllings die Krisenkonzepte der Gemeinden überprüft und dabei auf die Broschüre Krisenkompass hingewiesen. Darin gibt es das Kapitel «Sexuelle Gewalt». Viele Schulen haben diesen Krisenkompass angeschafft und führen zum Teil schulinterne Fortbildungen dazu durch.

Muss der Kanton die Aufsichtspflicht nun ganz übernehmen?
Der Kanton hat die Oberaufsicht und muss dafür schauen, dass die zuständigen Stellen ihre Verantwortung wahrnehmen. Eine Aufsicht vor Ort ist wirksamer als eine zentral organisierte.

Gibt es strukturelle Probleme bei der Schulsozialarbeit?
Unseres Erachtens nicht.

Muss sich etwas ändern?
100-prozentige Sicherheit gibt es leider nie. In diesen Fragen gilt jedoch für uns Null-Toleranz. Wenn sich jemand schuldig gemacht hat, muss ihm die Berechtigung entzogen werden.

Wie soll die Gesellschaft mit Leuten umgehen, die offenbar ein Problem mit ihrer Sexualität haben?
Null-Toleranz in sozialen Berufen. Man muss sich fragen, ob es für solche Leute in sozialen Berufen noch Platz gibt.

Eine Antwort liefert die Initiative «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen», die nächste Woche im Nationalrat diskutiert wird. Sie verlangt das totale Verbot der Arbeit mit Kindern nach einem entsprechenden Vergehen. Was ist davon zu halten?
Wir unterstützen die Initiative. Pädophil veranlagten Menschen muss nicht zuletzt auch zu ihrem Schutz der Zugang zu Berufen mit Kindern verwehrt werden.

Heute ist ein Berufsverbot maximal für fünf Jahre möglich. Das scheint vielen zu kurz. Auch Ihnen?
Fünf Jahre sind sehr kurz, man muss sich fragen, ob solche Personen noch beschäftigt werden dürfen in sozialen Berufen.

Muss sonst etwas getan werden, um das Risiko einzugrenzen?
Es braucht eine weitere Sensibilisierung im Rahmen der Weiterbildung von Lehrpersonen.

Die Fachstelle verweist auf diese Ratgeber und Informationen: www.tschau.ch; www.feelok.ch; www.limita-zh.ch (Der Bund)

Erstellt: 14.03.2013, 10:07 Uhr

Erwin Sommer ist der Leiter der Fachstelle Schulaufsicht im Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung der Erziehungsdirektion des Kantons Bern. (Bild: Ruben Ung/zvg)

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