Neuer Kampf gegen «Vertuschung» von Wolfsrissen

Ein neuer Verein will gegen Grossraubtiere im Kanton Bern vorgehen. Ein Mitgründer und SVP-Grossrat wünscht sich die Ausrottung von Wölfen.

SVP-Grossrat Knutti vermutet, dass einige der Wölfe bei uns in Wahrheit Hund-Wolf-Hybride sind, welche man abschiessen dürfte.

SVP-Grossrat Knutti vermutet, dass einige der Wölfe bei uns in Wahrheit Hund-Wolf-Hybride sind, welche man abschiessen dürfte. Bild: Dieter Seeger

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Seit Jahrtausenden fürchtet sich der Mensch vor dem bösen Wolf. Dass das Rudeltier gefrässig, hinterlistig und grausam sei, ist die Prämisse der bekanntesten Kindermärchen. Wenn hin und wieder friedlich Gras kauende Schafe oder Ziegen von einem Wolf zerfleischt werden, erachten viele die Vorwürfe gegen das Raubtier als bestätigt.

Im Mittelalter haben sich Dorfbewohner mit Fackeln und Mistgabeln zusammengetan, um den Wolf zu beseitigen. Im Kanton Bern des 21. Jahrhunderts reagiert man mit der Gründung eines Vereins auf die Zunahme der Wolfsattacken auf Nutztiere. «Im letzten Sommer gab es bis zu 100 Risse durch Wölfe im Kanton Bern», sagt SVP-Grossrat Thomas Knutti. «Das schadet unserer Landwirtschaft.» Aus diesem Grund will Knutti am kommenden Montag die Vereinigung zum Schutz von Wild- und Nutztieren vor Grossraubtieren im Kanton Bern ins Leben rufen. Die Vereinigung soll eine Anlaufstelle für Schaf- und Ziegenhirten werden. «Von den Wildhütern und dem Jagdinspektorat werden sie nicht ernst genommen», sagt Knutti. «Die sind meistens pro Wolf.»

Wegen dieser Tendenz würden die Behörden das wahre Ausmass des Problems mit Wölfen vertuschen, behauptet Knutti. «Das Jagdinspektorat informiert nie. Das wollen wir aufdecken.» Er hofft, mit den «verheimlichten» Fakten die Politik zu einer strengeren Regulierung der Raubtierzahlen bewegen zu können. Knutti erwartet zudem eine bestimmte Enthüllung, die für eine Reduzierung der Wolfbestände den Weg frei machen könnte: «Wir vermuten, dass viele der wilden Wölfe Hund-Wolf-Hybride sind», sagt er. «Die dürfte man abschiessen.»

Ausrottung als «saubere Lösung»

Der bernische Jagdinspektor Niklaus Blatter bestätigt, dass es 2017 deutlich mehr Rissereignisse mit Wölfen gab als in den Jahren zuvor. Knuttis Zahlen zweifelt er jedoch an. «Wir haben 21 Fälle verzeichnet.» Blatter dementiert nicht nur diese Aussage des SVP-Manns: Als Vollzugsbehörde sei das Inspektorat weder für noch gegen den Wolf; über sämtliche Nutztierrisse werde informiert; in jedem Fall gehe der zuständige Wildhüter beim betroffenen Landwirt vorbei. «Dass wir die Bauern nicht ernst nähmen, habe ich noch nie gehört», sagt Blatter. Für eine Vertuschung hätte er keinen Grund: «Transparenz ist wichtig und entzieht irgendwelchen Geschichten den Nährboden. Offenheit führt zu einer sachlichen Diskussion.» Die Behauptung, viele Wölfe seien Hybriden, findet Blatter haltlos. «Das Bundesamt für Umwelt führt regelmässige DNA-Proben durch», sagt er. «Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Hybrid nachgewiesen wurde.»

Der Umgang mit Grossraubtieren wird auf Bundesebene festgelegt. Laut Jagdverordnung dürfen «einzelne, schadenstiftende Wölfe» zum Abschuss freigegeben werden – aber nur, wenn sie innerhalb einer bestimmten Zeit eine bestimmte Anzahl Tiere töten. Ungeschützte Tiere zählen nicht zur Quote. «Die Massnahmen zum Herdenschutz sind bewährt», sagt Katrin Bieri von Pro Natura Bern. «Die meisten Risse betreffen unzureichend geschützte Herden.» Die Schutzmittel müsse man vermehrt einsetzen. «Die Bauern erhalten dazu von Bund und Kanton gute Hilfestellung.»

Doch Thomas Knutti hält wenig von Herdenschutz. «Der Bund gibt dafür jährlich 10 Millionen Franken aus», sagt er. «Wenn das mehr Steuerzahler wüssten, wäre die öffentliche Meinung zum Wolf nicht mehr so positiv.» Zur endgültigen Beseitigung des Wolf-Problems sieht Knutti nur einen Weg. «Das ist zwar nicht das Ziel des neuen Vereins, wir wollen vorerst Regulierung», sagt er. «Die Ausrottung der Schweizer Wölfe wäre aber die sauberste Lösung.» Katrin Bieri von Pro Natura kritisiert diesen radikalen Ansatz. «Im 21. Jahrhundert ist das weder legitim noch zielführend», sagt sie. Der Wolf sei ein wichtiger Teil des Ökosystems: «Er gehört zur Schweizer Natur genau wie der Steinbock oder der Bartgeier.» (Der Bund)

Erstellt: 10.04.2018, 06:50 Uhr

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