Nach Moutier entscheiden zwei weitere Dörfer über Kantonswechsel

Drei Monate nach Moutier entscheiden auch die Dörfer Belprahon und Sorvilier, ob sie vom Kanton Bern zum Kanton Jura wechseln wollen.

Entscheidet am 17. September zusammen mit Belprahon über einen Kantonswechsel: Sorvilier im Berner Jura.

Entscheidet am 17. September zusammen mit Belprahon über einen Kantonswechsel: Sorvilier im Berner Jura. Bild: Adrian Moser

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Mit dem Entscheid von Moutier im Juni, sich dem Kanton Jura anzuschliessen, ist die Jurafrage noch nicht ganz gelöst. Auch die beiden je rund 300 Einwohner zählenden Dörfer Belprahon und Sorvilier stimmen noch über die Frage eines Kantonswechsels ab. Sie tun dies am 17. September.

Drei Wochen vor dem Urnengang in den beiden Gemeinden ist die Stimmung längst nicht so angespannt, wie dies vor der Moutier-Abstimmung im Juni der Fall war. Anders als in Moutier ziehen sich in Belprahon und Sorvilier in Bezug auf die Kantonszugehörigkeit keine tiefen Gräben durch die Bevölkerung.

Projurassische und probernische Bewegungen sind in der Debatte kaum präsent. Ein Treffen der Bevölkerung mit den Regierungen der Kantone Bern und Jura im August verlief friedlich und freundschaftlich.

In den Orten gibt es auch keine Plakate, die auf den bevorstehenden Urnengang hinweisen. In Belprahon hat ein separatistisches Komitee an einer Pressekonferenz seine Haltung dargelegt und Flyer verschickt. Die probernische Seite: sie verteilte einen Prospekt. Beiden Seiten ist es wichtig, den Zusammenhalt im Ort nicht zu gefährden.

Bundesbeobachter im Dorf

Wie bei der Moutier-Abstimmung hat die Berner Kantonsregierung auch für die Urnengänge in Belprahon und Sorvilier Massnahmen angeordnet, um eine einwandfreie Abstimmung zu garantieren. Um Unregelmässigkeiten auszuschliessen, müssen die Gemeinden der bernischen Staatskanzlei Wählerlisten zustellen. In Belprahon waren es Ende Mai 243 und in Sorvilier 223 Stimmberechtigte. Fünf Beobachter des Bundes werden die Abstimmung in den beiden Dörfern überwachen.

Stabilität oder Herzensentscheid

In ihrer Botschaft appelliert die Berner Regierung an die Bevölkerung, sich für Stabilität zu entscheiden. Mit einem Verbleib bei Bern könnten die Dörfer nur gewinnen. Die jurassische Regierung spricht, wie bei der Moutier-Abstimmung auch, von einem Entscheid des Herzens - aber auch einem der Vernunft.

Ein wichtiger Faktor dürfte die Beziehung zum Hauptort der Region, Moutier, sein. Der Kanton Jura verspricht den Einwohnern von Belprahon und Sorvilier, die administrativen Kosten eines Kantonswechsels zu übernehmen, etwa der Eintausch der Autonummern.

Belprahon ist das Nachbardorf von Moutier. Sorvilier liegt etwas weiter weg. Bei einem Ja zum Kantonswechsel würde Sorvilier zur Enklave. Diese Aussicht dürfte beim Entscheid wohl auch eine Rolle spielen. Der Kanton Jura sähe darin kein Hindernis. Enklaven gebe es an vielen Orten in der Schweiz. Probleme gebe es deswegen nirgends.

Sobald Belprahon und Sorvilier über ihre Kantonszugehörigkeit entschieden haben, werden die Kantone Bern und Jura ein Konkordat ausarbeiten, das die Modalitäten des Kantonswechsels, mindestens von Moutier, definiert. Dieses wird in beiden Kantonen zur Abstimmung kommen. Der Kantonswechsel soll 2021 stattfinden.

Alter Streit

Mit den Urnengängen in Moutier, Belprahon und Sorvilier gilt die jahrzehntealte Jurafrage als gelöst. Das haben die Kantone Bern und Jura mit dem Bund so vereinbart. Die Wurzeln des Jurakonflikts reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Im Rahmen des Wiener Kongresses von 1815 wurden sieben Bezirke des Bistums Basel dem Kanton Bern zugesprochen: Pruntrut, Delsberg, Freiberge, Moutier, Courtelary, Neuenstadt und Laufen.

Ein Gutteil der Bevölkerung in diesen Bezirken begriff sich als sprachliche und kulturelle Minderheit, die von Bern vernachlässigt wurde. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit dem verhassten Bern und teilweise auch zu gewalttätigen Zwischenfällen.

In mehreren Plebisziten entschieden sich die nordjurassischen Bezirke Pruntrut, Delsberg und Freiberge für die Gründung eines eigenen Kantons, der 1979 Tatsache wurde. Die südjurassischen Bezirke, auch als Berner Jura bekannt, wollten hingegen bei Bern bleiben. Separatisten im Südjura kämpfen seither für eine «Wiedervereinigung» mit dem Norden.

Neuanfang unter Aufsicht des Bundes

Unter der Ägide des Bundes gleisten die Kantone Bern und Jura einen Neuanfang auf. 2013 konnte die Bevölkerung in der Region entscheiden, ob der Berner Jura und der Kanton Jura gemeinsam einen neuen Kanton gründen wollen. Im Jura wäre man dafür gewesen, im Berner Jura erlitt die Vorlage Schiffbruch.

Der Kanton Bern ermöglichte in der Folge einzelnen Gemeinden Urnengänge über einen Kantonswechsel, sofern sie dies wollten. In Moutier entschied sich im Juni eine knappe Mehrheit für einen Kantonswechsel. (SDA )

Erstellt: 30.08.2017, 14:28 Uhr

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