2034 ist das AKW Mühleberg abgerissen

Ein Atomkraftwerk abzureissen, ist eine langwierige Angelegenheit. Obwohl die BKW sich für die raschere Stilllegungsvariante entschieden hat, wird es nach der Abschaltung 2019 weitere fünfzehn Jahre dauern, bis das AKW komplett demontiert ist.

Mühleberg-Betreiberin BKW informiert Bevölkerung über Stilllegung.

Mühleberg-Betreiberin BKW informiert Bevölkerung über Stilllegung.

(Bild: Valérie Chételat)

Simon Thönen@SimonThoenen

Eine hochrangige Delegation informierte gestern Abend rund 450 interessierte Bürger aus der Gemeinde Mühleberg über die Stilllegung des Atomkraftwerks. «Der Regierungsrat begrüsst die geordnete Stilllegung», sagte Energiedirektorin Barbara Egger (SP) an der vorgängigen Medienkonferenz.

Auch in der Stilllegungsphase bleibe «der Schutz der Bevölkerung das oberste Ziel», betonte der Direktor des Eidgenössischen 
Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), Hans Wanner. Die Stilllegung eines AKW «ist ein Novum für die Schweiz», sagte Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie. «Aber im Kernenergiegesetz ist bezüglich Stilllegung bereits alles geregelt.»

Gesuch für Stilllegung Ende 2015

Stilllegung und Rückbau «haben keine Auswirkungen auf die Lebensqualität in der Region», sagte BKW-Chefin Suzanne Thoma. Bis 2019 bleibt das AKW allerdings noch am Netz. Das Ensi hat den Betrieb bis dann unter der Voraussetzung erlaubt, dass die BKW für die letzten vier Betriebsjahre gewisse Nachrüstungen vornimmt – und dass die Risse im Kernmantel nicht zu stark wachsen.

Für die Abschaltung des AKW braucht die BKW keine Bewilligung, wohl aber für die folgenden Demontagearbeiten und den Abriss. Das entsprechende Gesuch will die BKW bereits Ende 2015 einreichen. Es wird vom Ensi beurteilt und auch öffentlich aufgelegt. Er rechne nicht mit vielen Einsprachen, sagte Steinmann. Dies sei zumindest die Erfahrung bei AKW-Stilllegungen in Deutschland gewesen. «Alle sind daran interessiert, dass es rasch vorangeht.»

Abkühlen von 2019 bis 2024

Mit der Abschaltung im Jahr 2019 wird die Stromproduktion durch Kernspaltung enden. Dies senkt das nukleare Risiko bereits erheblich. Allerdings bleiben die Brennstäbe vorerst in der Anlage und müssen weiter gekühlt werden. Ein Versagen der Kühlung kann immer noch zu einer Katastrophe führen.

Die Brennstäbe werden innerhalb des Werks aus dem Reaktor entfernt und im Becken für abgebrannte Brennstäbe gelagert. Das Ensi hat der BKW allerdings bis September 2020 Zeit gegeben, um ein neues «vollwertiges» Notkühlsystem für das Lagerbecken zu bauen – also bis rund ein Jahr nach der Abschaltung. Das System könne erst nach der Abschaltung gebaut werden, lautete die Begründung.

In früheren Jahren eingelagerte Brennstäbe, die bereits genügend abgekühlt sind, werden ab 2021 fortlaufend ins nukleare Zwischenlager in Würenlingen (AG) abtransportiert. Transporte von Brennstäben sind nichts Neues, sie finden auch in der Betriebsphase laufend statt. Ihre Zahl wird aber ab 2021 höher sein: rund 30 Transporte pro Jahr.

Nukleare Demontage bis 2030

Mit dem Abtransport der Brennstäbe, der 2024 abgeschlossen sein soll, verschwindet das Risiko einer Kernschmelze und damit einer nuklearen Katastrophe. «Die Radioaktivität wird um 98 Prozent reduziert», sagte Thoma. Doch im AKW verbleibt weiterhin so viel verstrahlter Stahl und Beton, dass das Werk nicht so abgerissen werden kann wie etwa eine Fabrik.

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten zum Rückbau, beide werden weltweit praktiziert. Das AKW ohne Brennstäbe kann abgeschottet und stehen gelassen werden – im Extremfall für Jahrzehnte. Erst danach wird es abgerissen. Der Vorteil dieser Methode ist, dass die Strahlenbelastung für die Arbeiter beim Abriss erheblich kleiner ist. Die BKW hat sich für den anderen, den schnellen Weg entschieden: Der Rückbau beginnt 2024 . Ein Vorteil dieser Methode ist, dass dafür ein Teil der Betriebsmannschaft eingesetzt werden kann, welche die Anlage noch kennt. Die BKW braucht in der Stilllegungsphase durchschnittlich 200 Mitarbeiter – am Anfang mehr, gegen Ende 
hin weniger. «Es ist die gesellschaftliche Verantwortung der BKW, den Rückbau rasch anzugehen», begründete Thoma die Wahl der raschen Rückbauvariante.

Demontiert wird das AKW von innen nach aussen: Die Gebäudehülle bleibt stehen, im Innern werden die verstrahlten Anlageteile entfernt – und fortlaufend abtransportiert. Ein neues Zwischenlager auf dem Gelände werde deshalb nicht nötig sein, sagte Thoma auf Anfrage.

Abriss der Gebäude bis 2034

Bis 2030 sollen alle verstrahlten Teile aus dem Werk entfernt sein. Erst danach werden die Gebäudehüllen abgerissen. Insgesamt werden rund 200'000 Tonnen Abfall anfallen. Davon sind laut BKW anderthalb Prozent so radioaktiv, dass sie zuerst im Zwischenlager in Würenlingen und danach in Endlagern eingeschlossen werden müssen – für Zehntausende von Jahren.

In Mühleberg soll davon nichts übrig bleiben. 2034 wird das Werk nach der Planung der BKW komplett abgerissen sein. Noch nicht entschieden ist, ob das Gelände danach als Industrieland genutzt oder ob es zur grünen Wiese renaturiert wird.

Der Bund

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