Mit dem «Grännitruckli» entrückte Herzen öffnen

Der Musiker, Musikwissenschafter und Therapeut Otto Spirig weckt übers Lied die Erinnerungen jener, die schier alles vergessen haben.

Spielen gegen die geistige Dunkelheit: Otto Spirig.

Spielen gegen die geistige Dunkelheit: Otto Spirig. Bild: Valérie Chételat

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Wenn Otto Spirig arbeitet, hört sich das recht spielerisch an. Er singt Lumpenliedchen, lässt mit seiner Handorgel zeitlose Melodien anklingen, reiht Ohrwurm an Ohrwurm. Spirig ist ein begnadeter, virtuoser Musiker mit schier grenzenlosem Repertoire. Aber er beackert vor allem das klangliche Feld von «Es Burebüebli mahn-i-nid» über «Sierra, Sierra Madre del Sur» bis hin zu «I ghöre nes Glöggli» und «La Paloma». Warum tut Spirig das?

Oder besser gefragt: Für wen tut Spirig das? Der Musikwissenschafter, Musiker und Sozialtherapeut spielt in Alters- und Pflegeinstitutionen für demente, betagte Mitmenschen. Er spielt für Menschen, deren Erinnerungsvermögen schwindet. Er spielt somit gegen die geistige Dunkelheit an: Über Lieder stosse er Fenster zur Vergangenheit auf, wecke Erinnerungen und die damit verbundenen Emotionen: «Erinnerungen geben Energie fürs Jetzt.»

Musik als Lebensmittel

Je stärker die Orientierungslosigkeit das Altern präge, desto bedeutender werde das Lied, sagt Spirig. Die Sprache verliere ihre Kraft: «Aber verinnerlichte Lieder und Musik bieten - nebst der Berührung - bis ins ganz hohe Alter Orientierung.» Demenz gehe mit einem wachsenden Verlust an Persönlichkeit einher. Für «ein Lied lang» könne die Identität aber «zurückkehren und nachwirken». Demente, die so zu einem hellen Moment kämen, ängstigten sich weniger. Also Musik als Medizin? Spirig: «Nein, meine Musik ist kein Heilmittel. Sie ist ein Lebensmittel. Sie bringt für einige Augenblicke das Leben zurück ins Leben.»

Oft erinnern sich Betagte kaum noch an ihn, wenn er wieder kommt. Aber sie erinnerten sich, wie sich die Begegnung angefühlt habe, sagt Spirig: «Sie begrüssen mich etwa mit den Worten ‹Gäuit, mir hei scho z tüe gha mitenang - und mir heis guet gha mitenang›.»

Manchmal kann Spirigs Gegenüber noch Lieder wünschen: «Dann ist allein schon ‹das Wünschenkönnen› etwas Befreiendes.» Oft fehlen aber die Worte. Dann muss Spirig herausfinden, womit er einen im Vergessen entrückten Menschen überhaupt noch erreichen kann. Er orientiert sich an der Biografie und der Muttersprache seines Zuhörers, spielt sich durchs Liedgut einer Zeit, in der noch nicht in jeder Stube ein Radio trällerte: «Ich suche nach dem Lied, das etwas auslöst.» Manchmal sind es Lacher, manchmal sind es Tränen.

Spirig überträgt die Melodien in Tonlagen, die Betagte überhaupt noch hören können. Er passt das Tempo ihrem Atem an, spielt manchmal «fast in Zeitlupe». Er hetzt nicht, will «keinen Stress verursachen». Er spielt auf Wunsch wieder und wieder das immer gleiche Liedchen. Das Akkordeon leiste ihm dabei wichtige Dienste: «Der Klang des Akkordeons ist ein Herzensöffner - gerade auch bei Männern.» Oft löse es Tränen aus. Deshalb nennt Spirig sein Instrument beharrlich «Grännitruckli».

Das individuelle Liederbuch

Wenn im hohen Alter die Möglichkeit schwindet, sich mit den Mitmenschen zu unterhalten, und nur noch Ohrwürmer von damals bis ins Innerste dringen, dann stellt sich die Frage: Was tun Menschen in dieser Lebensphase, wenn sie nie gesungen haben? «Man darf das Singen nicht allein der Schule überlassen», sagt Spirig. Erst wer mit seinen Kindern singe, wer Ereignisse mit Liedern verknüpfe, trage zu diesem Schatz bei, der bis ins hohe Alter erhalten bleibe. Wähle er für Hochbetagte Lieder mit «elementaren Tonsprüngen» und bediene er sich der «pentatonischen Phrasen der Kinderlieder», dann tue er dies, weil ein gesungenes «Der Mond ist aufgegangen» auch dem dementen Menschen vermittle: «Ich bin gehalten, ich bin geschützt.»

Wie aber geht Spirig als Musiker mit dem ständigen Durchstreifen alter Liederwelten und dem Aufstöbern ohrwurmträchtiger Gassenhauer um? Spirig fällt keine Urteile. Bei seiner Arbeit fielen ästhetische Kriterien ganz weg: «Der Zuhörer entscheidet, was das Lied mit ihm macht.» Ob jemand Hansi Hinterseer möge oder AC/DC, beschäftige ihn nicht. Viel wichtiger sei, dass wir uns überlegten, wie denn «unser individuelles Liederbuch» klingen würde: «Schreiben Sie es sich auf und stecken Sie den Zettel ins Portemonnaie - für den Fall, dass Sie dereinst mit mir zu tun bekommen.» (Der Bund)

Erstellt: 18.11.2013, 10:59 Uhr

Demenzerkrankungen

Auch wenn sich der Trend verlangsamt hat: Schweizerinnen und Schweizer werden im Durchschnitt immer älter. Gegenwärtig liegt die Lebenserwartung bei 80,5 Jahren für Männer und 84,7 Jahren für Frauen (2012). Im Jahr 1900 wurden Männer im Schnitt noch 46,2 Jahre alt, Frauen im Schnitt 48,9 Jahre. Diese Entwicklung - verknüpft mit der tiefen Geburtenrate - verändert die Gesellschaft. Das Bundesamt für Statistik geht davon aus, dass im Jahr 2020 in der Schweiz erstmals mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige leben werden.

Gleichzeitig verändert die hohe Lebenserwartung das Bild des Alterns. Die Zahl demenzkranker Menschen nimmt zu. Schätzungen zufolge leiden derzeit rund 120 000 Menschen an einer Demenzerkrankung. Gemäss der schweizerischen Alzheimervereinigung dürfte ihre Zahl bis ins Jahr 2030 auf 200 000 klettern. Oft thematisiert werden die Kosten, die die Pflegebedürftigkeit dementer Mitmenschen nach sich ziehen. Ein heikles Feld ist aber auch, wie demente Menschen in der Betreuung überhaupt noch «erreicht» werden können. An diesem Punkt setzt die Arbeit von Otto Spirig an. (mul)

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