Miss-und-Mister-Handicap-Wahl schliesst Menschen mit geistiger Behinderung aus

Die Behindertenorganisation Insieme Schweiz kritisiert, dass der Wettbewerb Menschen mit geistiger Behinderung nicht offen steht.

Die gehörlose Cornelia Käsermann möchte sich als Botschafterin für Menschen mit einer Behinderung einsetzen.

Die gehörlose Cornelia Käsermann möchte sich als Botschafterin für Menschen mit einer Behinderung einsetzen. Bild: Adrian Moser

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Heute Abend kommt der grosse Moment. Davon ist die gehörlose Cornelia Käsermann aus Kräiligen überzeugt. In ein paar Stunden schon wird die 21-Jährige in elegantem Abendkleid über die Bühne des KKL in Luzern schreiten, knifflige Fragen klug beantworten und mit viel Charme versuchen, die fünfköpfige Jury von sich zu überzeugen. Cornelia Käsermann nimmt an einer Misswahl teil.

Allerdings geht es in dieser Wahl nicht darum, wer die Schönste im ganzen Land ist. Gewinnen soll die Kandidatin, welche sich am besten als Botschafterin für Menschen mit einer Behinderung eignet, sagt die Bernerin Michelle Zimmermann, Initiatorin der Miss-und-Mister-Handicap-Wahl. «Um die Integration von Menschen mit Behinderung voranzutreiben, braucht es eine Person, die auf Menschen zugeht – eine Botschafterin eben.» Und einen Botschafter. Dieses Jahr wird erstmals auch ein Mister Handicap gewählt.

Insieme: «Das ist diskriminierend»

Cornelia Käsermann ist eine von sechs Frauen und sechs Männern, die sich der Wahl stellen. Sie wurden am Casting aus 22 Bewerbern ausgesucht. Auffallend ist, dass unter den Kandidaten keine Menschen mit einer geistigen Behinderung sind. «Im Moment steht der Titel nur Personen mit körperlicher oder einer Sinnesbehinderung zu», bestätigt Michelle Zimmermann. Der organisatorische Aufwand würde sich um einiges vergrössern und wäre kaum noch bewältigbar, begründet sie diesen Entscheid.

Insieme Schweiz kritisiert, dass mit den geistig behinderten Menschen eine ganz wichtige Gruppe von der Wahl ausgeschlossen werde, wie Heidi Lauper, Co-Geschäftsleiterin von Insieme Schweiz, sagt. Die Argumente der Organisatorin kann sie nicht nachvollziehen. «Das ist eine Diskriminierung von Menschen, die noch marginalisierter und weniger sichtbar sind als Menschen mit einer körperlichen Behinderung.»

Organisatorin verteidigt sich

«Auf keinen Fall wollen wir Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung ausgrenzen», sagt dagegen Organisatorin Zimmermann. Vielmehr glaubt sie, dass der Wettbewerb allen Menschen mit einer Behinderung zugutekommt. «Er fördert an sich die Sensibilisierung im Umgang mit Menschen mit einer Behinderung.» So müssten die Kandidaten etwa auch die Fähigkeit haben, sich in Menschen mit einer anderen Behinderung einzufühlen.

Sie will aber nicht ausschliessen, dass die Wahl in Zukunft auch Menschen mit einer geistigen oder psychischen Behinderung offen steht. Dafür müsste man die Kriterien anpassen und andere Rahmenbedingungen wie etwa Betreuungsmöglichkeiten schaffen, sagt sie. Sie habe diesbezüglich das Gespräch mit Insieme Schweiz gesucht.

Auch die Behindertenorganisation Pro Infirmis, welche die Wahl sowohl ideell als auch finanziell unterstützt, ist von der integrierenden Kraft des Anlasses überzeugt. «Alles was Menschen mit einer Behinderung sichtbar macht, hat einen integrativen Wert», sagt Mark Zumbühl, Mediensprecher von Pro Infirmis. Dass zurzeit noch keine Menschen mit einer geistigen Behinderung kandidieren könnten, sei nicht diskriminierend. Zudem kämen sie in den Medien bereits viel vor. So habe etwa auch die SF-Fernsehsendung «Üsi Badi» – in der im Sommer 2010 ausgestrahlten Sendung waren Menschen mit einer geistigen Behinderung die Protagonisten – dazu beigetragen, Barrieren abzubauen. «Die Akzeptanz von Menschen mit Behinderung korreliert mit deren Sichtbarkeit», sagt Zumbühl.

Die Art der Behinderung spiele dabei keine Rolle. Cornelia Käsermann kann sich gut vorstellen, als Botschafterin alle Menschen mit einer Behinderung im öffentlichen Leben zu repräsentieren. Ihr selbst sieht man die Hörbehinderung auf den ersten Blick gar nicht an. Im Steckbrief auf der Internetseite der Miss-und-Mister-Handicap-Wahl wird sie wie folgt beschrieben: «Mithilfe von Implantaten ist sie resthörig. Cornelia kommuniziert in Schriftsprache, liest von den Lippen ab und braucht die Gebärdensprache. Neben ihrer Lehre zur Malerin, die sie im November abschliessen wird, fotografiert und tanzt die 21-Jährige gern. Ihr Ziel ist es, dereinst mit einer Tanzgruppe an Wettbewerben teilzunehmen.» Und was bedeutet der Miss-Handicap-Kandidatin Schönheit? «Wenn die innere Zufriedenheit nach aussen strahlt. Für mich selber ist auch eine gepflegte Erscheinung wichtig», sagt Käsermann.

Keine klassische Schönheitswahl

Doch wieso braucht es überhaupt einen Anlass, bei dem Menschen mit einer Behinderung in einen Schönheitswettbewerb treten, fragt sich Heidi Lauper von Insieme Schweiz.

«Miss und Mister Handicap ist ein Projekt zur Förderung der Integration und Gleichstellung und kein Schönheitswettbewerb», sagt Michelle Zimmermann. Die Wahlnacht und somit die Wahl einer Botschafterin und eines Botschafters seien das Herzstück des Projekts und erzeugten am meisten mediale Aufmerksamkeit, entgegnet sie. Kriterien, die in der Wahl bewertet werden, sind denn auch nicht primär Äusserlichkeiten, sondern Themen wie Medienwirksamkeit oder der Umgang der Kandidatinnen und Kandidaten mit der eigenen Behinderung. Aber auch zu aktuellen politischen Themen müssen sie sich äussern.

«Auf dem Buckel der Schwachen»

Eine Frage, die Cornelia Käsermann heute Abend zum Beispiel gestellt werden könnte, betrifft die zurzeit im Nationalrat diskutierten Kürzungen der IV-Renten. Obwohl sich die Invalidenversicherung nach der letzten Revision rascher erholt als erwartet – dieses Jahr wird mit einem Plus von 430 Millionen Franken gerechnet – will die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat bei der IV weiter sparen. Was würde Käsermann heute Abend vor Publikum dazu sagen? Käsermann: «Ich finde es schade, dass immer auf dem Buckel der Schwachen unserer Gesellschaft gespart wird, umso mehr, weil es der IV aufgrund der letzten Berichte wieder besser geht.» Was sie jedoch verurteile, seien Leute, die mit Tricks die IV hintergingen, um sich so eine unberechtigte Rente zu «ergaunern».

Sollte sie heute Abend gewinnen, wird sie sich im kommenden Jahr noch mehrmals zum Diskurs rund um IV-Renten und Behindertenpolitik äussern müssen. Jetzt heisst es für Cornelia Käsermann aber erst einmal, mit der Nervosität vor der Wahlnacht umzugehen und auch bei heiklen Fragen das Lächeln nicht zu verlieren. Schon mit der Teilnahme allein gehe für sie ein Traum in Erfüllung, sagt Käsermann. Seit jeher habe sie sich für diese Wahl interessiert. «Es hat mich fasziniert, wie Menschen mit Behinderungen so positive Lebenseinstellungen haben. Das will ich auch vermitteln», sagt sie. Egal ob sie gewinne oder nicht. (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2012, 08:53 Uhr

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