«Minderheit nicht bloss mit Nebendirektionen abspeisen»

Alle wichtigen Direktionen für die Regierungsmehrheit? So funktionierte es noch nie.

Dieses Team führt den Kanton ab dem 1. Juni: (v. l.) Christine Häsler, Pierre-Alain Schnegg, Christoph Ammann, Christoph Neuhaus, Beatrice Simon, Evi Allemann, Philippe Müller.

Dieses Team führt den Kanton ab dem 1. Juni: (v. l.) Christine Häsler, Pierre-Alain Schnegg, Christoph Ammann, Christoph Neuhaus, Beatrice Simon, Evi Allemann, Philippe Müller.

(Bild: Adrian Moser)

Die Baudirektion an die Bürgerlichen ebenso wie die Erziehungsdirektion: Das fordert die SVP am Tag nach den Kantonswahlen. Diese Direktionen brauchten «dringend eine Führung, welche sich nicht an Utopien, sondern an der wirtschaftlichen Entwicklung orientiert», steht in ihrem Communiqué.

Würde die Forderung der mächtigsten Partei im Staate Bern erfüllt, käme dies einem Traditionsbruch gleich. Seit die SP in der Kantonsregierung vertreten ist – Arbeiterführer Robert Grimm war ab 1938 ihr erster Regierungsrat –, kamen die Baudirektoren aus ihren Reihen. In der jüngeren Vergangenheit waren es René Bärtschi, Dori Schaer und Barbara Egger (siehe Grafik am Schluss des Artikels).

Baudirektion seit 1938 bei der SP

Der springende Punkt ist aber nicht der Umstand, dass die SP stets die Baudirektion innehatte. Vielmehr ging es darum, auch der Minderheit eine der wichtigen Direktionen zuzuweisen «und sie einzubinden», wie es Vinzenz Bartlome, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Staatsarchiv, sagt. Und: «Die Konkordanz erfordert, dass die Minderheit nicht bloss mit Nebendirektionen abgespeist wird.»

Nebst der Baudirektion gelten seit jeher die Finanz- und die Erziehungsdirektion als schwergewichtig – heute auch die Gesundheits- und Fürsorgedirektion. Die Finanzdirektion ist deshalb speziell und hat laut Bartlome ein «hohes Eigengewicht», weil sie alle Geschäfte prüft und dadurch überall mitredet. Lagen die Finanzen traditionellerweise in den Händen der SVP, war die Erziehung über lange Zeit das bevorzugte Feld der Freisinnigen.

Wichtig zu wissen ist, dass die heutige Situation mit 7 starren Direktionen erst seit 1993 besteht. Kurz zuvor, 1990, wurde die Zahl der Regierungsräte von 9 auf 7 reduziert. Vor dieser Reform war die Verwaltung in 13, später in 14 inhaltlich kohärente, aber sehr unterschiedlich grosse Direktionen aufgeteilt: Volkswirtschaft; Justiz; Militär; Polizei; Gemeinden; Finanzen; Erziehung; Bau; Verkehr-, Energie- und Wasserwirtschaft; Landwirtschaft; Forst; Kirchen; Gesundheit; Fürsorge.

Die grossen Direktionen wurden meist alleine geführt, während die übrigen laut Bartlome jeweils aufgeteilt wurden, «je nach Fähigkeiten, politischem Gewicht und Präferenzen der Regierungsmitglieder»; aber auch die Wünsche der Parteien und der Regionen spielten eine Rolle.

Bei diesem System war das Verschieben der Verwaltungseinheiten allerdings um einiges einfacher, als dies heute möglich wäre. Die Direktionen waren sozusagen freistehende Pyramiden mit einem Direktionssekretär an der Spitze, wie es Bartlome ausdrückt. Die 14 Spitzen konnten nach Belieben mit den 9 Regierungsräten gekoppelt werden. So wurde beispielsweise die Justiz- und die Militärdirektion ab 1982 von Peter Schmid (SVP) geführt, die Polizei- und die Gemeindedirektion von Hans Krähenbühl (FDP). Ab 1986 nahm Schmid auch noch die Gemeindedirektion unter seine Fittiche – dem neu gewählten Benjamin Hofstetter (Freie Liste) blieb nur die Polizei.

Direktion für Entsumpfungen

Die Namen der heutigen Direktionen deuten noch auf das alte System hin. Sie zeigen aber auch, dass gewisse Aufgabenbereiche in den Hintergrund treten und neue aufscheinen können. Dass es einmal eine eigenständige Forstdirektion gab und noch früher eine für Entsumpfungen, ist nicht mehr ersichtlich. Die Frage liegt auf der Hand, was sich bei der nächsten Reform verändern wird, die diskutiert wird. Von einer «Anpassung veralteter Direktionsbezeichnungen» ist bereits die Rede. Frage der Konkordanz: «Minderheit nicht bloss mit Nebendirektionen abspeisen»

Wie sich die Zentralverwaltung des Kantons Bern von 1846 bis 1890 entwickelte, zeigt eine Übersicht aus dem Staatsarchiv.

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