Medikamententests in Psychiatrien gabs auch im Kanton Bern

Auch in den Psychiatrien in Waldau und Münsingen wurden wohl Wirkstoffe getestet, die nicht zugelassen waren.

Auch in der Waldau-Klinik seien unzugelassene Medikamente eingesetzt worden.

Auch in der Waldau-Klinik seien unzugelassene Medikamente eingesetzt worden. Bild: Peter Schneider

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Medikamententests an Psychiatriepatienten hat es in den 1950-er und 1960-er Jahren nicht nur in den Kantonen Thurgau, Basel und Luzern gegeben. Sie wurden auch an den Psychiatriekliniken in Münsingen und Bern durchgeführt. Das zeigen Recherchen des Schweizer Fernsehens (SRF). Wie die Sendung «Schweiz aktuell» diese Woche berichtete, gaben Ärzte 1958 am heutigen Psychiatriezentrum (PZM) Münsingen 41 Patientinnen und 16 Patienten das Roche-Medikament «Masilid» ab.

In den meisten Fällen war die Wirkung bei den depressiven Patienten positiv. Doch mussten die Versuche in drei Fällen abgebrochen werden. Ein 79-jähriger Mann starb nach einer Lungenentzündung an Herzversagen. Mindestens zwei nicht zugelassene Medikamente seien in Münsingen abgegeben worden, berichtete «Schweiz aktuell» gestützt auf Testberichte, die den Fernsehjournalisten vorliegen.

An der Waldau-Klinik in Bern - heute die Universitären Psychiatrischen Dienste (UPD) Bern - wurden ebenfalls mindestens zwei noch nicht zugelassene Medikamente respektive Wirkstoffe getestet, so etwa der Wirkstoff MF 10. Dies an total 63 schizophrenen und depressiven Patienten in den Jahren 1960 und 1966. Die Nebenwirkungen reichten von Zusammenbrüchen bis zu Halluzinationen. Der Medizinhistoriker Urs Germann von der Universität Bern geht davon aus, dass im Kanton Bern aber an weit mehr als den genannten 120 Psychiatriepatienten Medikamente getestet wurden. In einem Interview mit der «Berner Zeitung» vom Samstag sagt er, er vermute, dass die Situation in Bern wohl etwa gleich sei wie im Kanton Basel. Dort ergab im vergangen Jahr eine Studie, dass «deutlich mehr als 1000 Personen» betroffen waren.

Uni Bern ist am Forschen

Germann sagt im Interview, die Pharma-Unternehmen hätten schon damals Medikamente vor der Marktzulassung testen müssen. Die Tests waren seinerzeit aber laut «Schweiz aktuell» nicht bewilligungspflichtig. Germann sagt weiter, die Psychiatrieärzte seien aus fachlichen Gründen an den Tests interessiert gewesen. Der Medizinhistoriker spricht von einer «symbiotischen Beziehung» zwischen Industrie und Kliniken. Der grösste Teil der Patienten habe «kaum gewusst oder realisiert», dass an ihnen Tests vorgenommen werde. «Wahrscheinlich» hätten die Patienten keine Einwilligung abgeben müssen, doch seien die Krankenakten zu wenig aussagekräftig.

Die ganze Geschichte der Medikamententests an bernischen Psychiatriekliniken wird nun laut Pierre Alain Schnegg wissenschaftlich aufgearbeitet. Der bernische Gesundheits- und Fürsorgedirektor sagte in der TV-Sendung, die Universität Bern habe eine entsprechende Dissertation in Auftrag gegeben. «In naher Zukunft » lägen die Resultate vor.

Zwei in der Sendung befragte Politikerinnen, die Berner SP-Präsidentin Ursula Marti und BDP-Grossrätin Anita Herren, begrüssen die Aufarbeitung. PZM-Direktor Rolf Ineichen sagte in der Sendung, es habe Ungerechtigkeiten und Missstände gegeben. Diese decke man heute zu Recht auf.

Thurgau, Basel, Luzern, Zürich. . .

Bereits seit Längerem bekannt ist, dass es an der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen TG in den 1950-er Jahren in grösserem Ausmass zu Medikamententests an Patienten kam. Im Frühling 2017 wurden Tests in Basel bekannt, im November des letzten Jahres solche in St. Urban LU.

«Schweiz aktuell» berichtete im November 2017 auch, dass an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli Zürich solche Tests durchgeführt worden seien. Ein Team unter dem Zürcher Staatsarchivar gehe diesen nun nach.

Laut «Schweiz aktuell» sind an allen fünf psychiatrischen Universitätskliniken der Schweiz, also ausser in Basel und Zürich auch in Bern, Lausanne und Genf, Tests durchgeführt worden. Die Sendung berichtet auch von Tests in Wil SG. (mer/sda)

Erstellt: 20.01.2018, 15:15 Uhr

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