Lieder in den Dingen wecken

Von iPad bis konventionellem Werkzeug, jedes Mittel ist recht: Junge Künstler vermitteln ihr Wissen zu Neuer Musik an Jugendliche. Noten lesen können? Nicht nötig. Ein Schulmontag in Münchenbuchsee.

«Es tut nicht schön», sagt Laura (Mitte), während die Siebtklässlerinnen ein Klavier manipulieren.

«Es tut nicht schön», sagt Laura (Mitte), während die Siebtklässlerinnen ein Klavier manipulieren. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Kommt, wir gehen löten.» Christine Hasler beginnt ihren Unterricht, den sie für die achte Klasse der Oberstufenschule in Münchenbuchsee vorbereitet hat. Im Werkraum steht bereit, was es braucht, um ein Kontaktmikrofon zu basteln: Zinkdraht, Kupferplättchen und ein Lötkolben. Hasler ist eine von sechs Künstlerinnen, die im Auftrag des Vereins Tönstör den geregelten Unterricht an der Schule, nun ja, stören.

Beim Löten lässt sie sich von einem Schüler assistieren. «Du musst richtig draufdrücken. Das ist ein Kontaktmikrofon. Ohne Kontakt läuft da nichts.» Dann schliesst sie das Kabel an den mitgebrachten Mini-Lautsprecher, hält das frisch mit dem Zinkdraht verbundene Kupferplättchen an den Hals und macht Geräusche, die der Lautsprecher verstärkt. Die Jugendlichen werden munter: Das ist ja richtig cool!

Auf «Geräuschefang» im Schulhof

Im Rahmen des Projekts «Irritationen» mutieren Künstler zu Vermittlern und bringen den Schülern nebst dem Lötkolben das Wissen auch mit iPad, MacBook und Software näher – Software, die sie zum Teil selbst konzipiert haben. Falls nötig, sorgen die Lehrer für Ruhe in der Klasse; die Musiker konzentrieren sich darauf, ihre Faszination für avantgardistische Kunst zu teilen.

Tobias Reber hat Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste Bern (HKB) studiert und ist künstlerischer Projektleiter bei «Irritationen». Für den jungen Komponisten steckt mehr dahinter als das blosse Vermitteln Neuer Musik. «Fast alle Kinder haben ein Smartphone. Sie sind Virtuosen auf der Anwenderebene.» Das sei zwar gut. «Aber die Jugendlichen verkommen zu stillen Konsumenten. Dabei könnten sie selbst aktiv werden.»

Die Künstlerin Annelies Rüfenacht schickt ihre Klasse mit Aufnahmegeräten auf «Geräuschefang». Am Ende sollen Musikstücke entstehen, einzig aus Umgebungsgeräuschen komponiert. Soll das etwa Musik sein, wenn man gegen den Lüftungsschacht trommelt? Aber ja doch! Die Jugendlichen verteilen sich auf dem Schulhof. «Haben Sie uns einen Becher, Frau Rüfenacht? Wir wollen das Geräusch von Wasser aufnehmen, wie es da reinfliesst.»

Die Neue Musik ist an Möglichkeiten unerschöpflich, und gerade deshalb praktisch, weil sie weder Notenlesen noch Instrumentenkenntnisse voraussetzt. Eine Steilvorlage für individuellen Unterricht, da die Schüler in ihrer musikalischen Entwicklung unterschiedlich weit sind. Dieses Potenzial erkannt hat der Verein Tönstör (siehe Infobox). Letztes Jahr hat das von Tönstör eingereichte Projekt «Irritationen» an der Ausschreibung des Wettbewerbs «tête-à-tête für Kulturprojekte mit Schulen» Fördergelder zugesprochen bekommen.

Pulvers Motivationsschub

Das freut Christine Grossenbacher, Mitinitiantin und Kulturverantwortliche der Oberstufenschule. «Jahrelang hat der Kanton Bern fast nur in Sport, Naturwissenschaften und Informatik investiert. Jetzt endlich ist die Kultur dran!» Grossenbacher nimmt an, dass dafür dem bernischen Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) zu danken ist. Dieser selbst findet, es liege zwar nicht alleine an ihm, aber er bestätigt sein Engagement für musische Projekte, die «neuen Wind» in den Unterrichtsalltag bringen. «Das Obligatorische hat einen demotivierenden Charakter. Deshalb lancieren wir den Wettbewerb. Wer eine gute Idee hat und diese umsetzen will, den unterstützen wir gerne.» Schliesslich laufen dann auch die Mathematikstunden besser, wenn andere Fähigkeiten stimuliert würden.

Derweil lässt der Klangkünstler Marcel Sägesser ein Klavier manipulieren. Laura findet, es sei nicht Musik, «mit Geräuschen und so» zu arbeiten. «Es tut schlimm! Es tut nicht schön!», sagt die Siebtklässlerin und rümpft die Nase. Beherzt klemmt sie einen Wandtafelschwamm zwischen Saiten und Hammer und prüft, wie das tönt. Das weckt neuartige Klänge, die in diesem altehrwürdigen Instrument geschlummert haben.

Am 30. Mai (Dampfzentrale) und in der Woche des 9. Juni (an den Schulen selbst) finden Anlässe statt, an denen das Ertüftelte präsentiert wird. Bis dahin gilt emsiges Sammeln und Teilen. Jeremy hält das Aufnahmegerät ans Ohr von Freund Arlind. «Hör mal, so atme ich!» Arlind macht einen Satz zurück. «Ha, wie ein Monster!» (Der Bund)

Erstellt: 27.01.2014, 10:33 Uhr

Die Suche nach ungewohnten Tönen

Tönstör ist ein Verein, gegründet von der Berner Musikerin und Dozentin Barbara Balba Weber. Er befasst sich mit der Vermittlung Neuer Musik. Im Genre bekannt sind etwa der Amerikaner John Cage oder der Berner Klangarchitekt Zimoun. Dabei spielt die Suche nach ungewohnten Tönen und Kompositionen eine übergeordnete Rolle. Klassische Instrumente haben den gleichen Stellenwert wie technische Hilfsmittel. Das Team von Tönstör hat bereits mit über 45 Schulklassen gearbeitet und gezeigt, wie sich Neue Musik an Kinder vermitteln lässt. So ist ein Leitfaden entstanden, an dem sich das Schulprojekt «Irritationen» orientiert. Es wird mit 33'000 Franken vom Kanton unterstützt.

Artikel zum Thema

«Es heisst nicht: Jetzt ‹eipädlen› wir»

Sind iPads in der Schule ein modernes Unterrichtsgerät? Oder eine sinnlose Ablenkung, ein Spielzeug? Patrick Egli, Lehrer und Verantwortlicher für den iPad-Pilotversuch in Spiez, zieht eine Zwischenbilanz. Mehr...

Wird das iPad zum Schulbuch 2.0?

Der Lehrmittelentwickler Matthias Vatter spricht im Interview über die Entwicklung vom klassischen Schulbuch zum digitalisierten Klassenzimmer. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

KulturStattBern An der Sache vorbeigelärmt

Zum Runden Leder Budi reloaded

Werbung

Immobilien

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...