Liberalerer Wind in katholischer Kirche Bern

Homosexuelle Paare 
können in Bern an einer Segnung teilnehmen. 
Offiziell wurde dafür nie um 
eine Erlaubnis nachgesucht.

Blick in die Kirche der katholischen Kirchgemeinde Dreifaltigkeit in Bern. (Archiv)

Blick in die Kirche der katholischen Kirchgemeinde Dreifaltigkeit in Bern. (Archiv)

(Bild: Franzisk Scheidegger)

Simon Wälti

Die gleichgeschlechtliche Liebe ist für die katholische Kirche ein Minenfeld. Konservative Kreise halten Segnungen von homosexuellen Paaren für unvereinbar mit der kirchlichen Doktrin. So musste der Pfarrer von Bürglen UR auf Geheiss des Churer Bischofs Vitus Huonder seine Demission einreichen, weil er im Herbst 2014 ein lesbisches Paar gesegnet hatte. Ein Akt, der wohl fast einer Trauung gleichkam. Der Pfarrer wurde in sein angestammtes Bistum Lausanne zurückberufen.

Im Bistum Basel, zu dem auch Bern gehört, weht ein liberalerer Wind als im Bistum Chur, das es gerne sieht, wenn das Personal linientreu ist. So wird in Bern seit 2007 jedes Jahr am Valentinstag eine «Segensfeier für mancherlei Liebende» in der Kirche Bruder Klaus im Ostring durchgeführt. Nächsten Samstagabend ist es wieder soweit. Die Feier sei bewusst offen gehalten und richte sich nicht an ein einzelnes Paar, sagt Bernhard Waldmüller, Dekanatsleiter der Katholischen Kirche Bern.

Nicht alle passen ins Schema

«Wir haben noch nie eine negative Rückmeldung erhalten, auch nicht von der Bistumsleitung», erklärt Waldmüller. Man führe keine Statistik über die Teilnehmenden. Daher ist nicht bekannt, wie viele gleichgeschlechtliche Paare sich in den vergangenen Jahren segnen liessen. Der Anlass wird auf der Homepage des Dekanats Region Bern, zu dem 15 Pfarreien gehören, beworben. An der Hochzeitsmesse MariNatal in Bern wurden Flyer verteilt.

Mitverantwortlich für die Gestaltung der Segensfeier am 14. Februar ist Pfarreileiter Felix Klingenbeck von der Pfarrei Münsingen St. Johannes. Unterdessen ist es das neunte Mal, dass «Paare unabhängig von Alter, Konfession und Geschlecht» eingeladen sind, «ihre Liebe zu feiern und zu bekräftigen».

Laut Klingenbeck nehmen an der Feier jeweils zwischen 70 und 100 Paaren teil, auch solche, deren Beziehung nicht in das kirchliche Schema passt. «Es ist eine grosse Gemeinschaft von ganz verschiedenen Paaren, die um Ermutigung und Kraft für ihre Partnerschaft bitten», sagt Klingenbeck. In der Mehrheit handle es sich um heterosexuelle Paare unterschiedlichen Alters, Konkubinatspaare wie Geschiedene. Eine Zulassungsbeschränkung gibt es nicht. «Es kommen auch homosexuelle Paare, und die Feier richtet sich auch explizit an sie.»

Klingenbeck ist seit 2011 für die Feier in der Kirche Bruder Klaus zuständig. «Es ist ein bewährter Anlass.» Es habe nie Probleme gegeben. Auch beim «Pfarrblatt», der Wochenzeitung der katholischen Pfarreien des Kantons Bern, gingen keine negativen Reaktionen ein. Teilnehmende äusserten sich positiv über die «angenehme Atmosphäre».

Fest gegen den Kommerz

Beziehung sei für Menschen etwas Elementares, «in welcher Form auch immer», sagt Klingenbeck. Entstanden ist der Anlass, weil die Kirche den Valentinstag, das Fest der Liebe, nicht «Blumenläden und Parfümerien» überlassen wollte. Der Tag habe christlich-religiöse Wurzeln. Der heilige Valentin gilt als Patron von Brautleuten und Verliebten.

Das Dekanat Region Bern bietet auch noch andere Segensfeiern an, zum Beispiel für Menschen, die in Trennung leben, oder für Schwerkranke. Diese Formen seien vom Dekanat eigenständig entwickelt worden, sagt Dekanatsleiter Bernhard Waldmüller. «Wir haben dafür nie offiziell um Erlaubnis gefragt.»

Generell dürfte es jedoch ratsam sein, Angebote, die möglicherweise in Widerspruch zur offiziellen Lehrmeinung stehen, nicht an die grosse Glocke zu hängen. So ist Waldmüller nicht bekannt, ob im Dekanat Region Bern auch Segensfeiern für einzelne homosexuelle Paare ähnlich wie in Bürglen durchgeführt werden. «Wenn ein guter Draht zwischen Paar und Pfarrer besteht, kann ich mir vorstellen, dass gemeinsam eine Art der Feier entwickelt wird.»

Allerdings führen solche Feiern auch im vergleichsweise aufgeschlossenen Bistum Basel bei der Leitung zu Verlegenheit. Als die «NZZ am Sonntag» im Juli 2013 berichtete, in der Region Basel würden auch einzelne Paare gesegnet, liess Bischof Felix Gmür ausrichten, diese Praxis sei ihm unbekannt. Er ermahnte jedoch zu «pastoraler Klugheit», damit solche Segnungen nicht mit einer eigentlichen Hochzeitsfeier verwechselt würden. Man befinde sich in einer «Grauzone».

Der Bund

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