Leitartikel: Wenn Käsers Fehler Pulvers Sache wären

Leitartikel

Stur, stoisch oder einsichtig: Die Berner Regierungsräte sind typische Politiker der schweizerischen Fehlerkultur.

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Marcello Odermatt@cellmob

Niemand gibt gerne Fehler zu. Wer es tut, kann als schwach gelten. Es kratzt am Image, ein Macher zu sein. Gerade Politiker, wahrscheinlich ist es die Mehrheit, neigen dazu, stur zu sein, Affären auszusitzen und Fehler Untergebenen anzulasten. Der Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser stellt sich auch heute noch auf den Standpunkt, im Fall Thorberg «zeitgerecht» gehandelt zu haben. Auch bei den Missständen im Asylwesen oder der IT-Beschaffung verkörpert der Freisinnige jenen Typus Politiker, der von grosser Unlust geprägt ist, Verantwortung für Mängel in seinem Tätigkeitsfeld zu übernehmen. Sein Hauptargument: Er müsse Vertrauen in seine Chefbeamten haben; er, Käser, funktioniere doch nicht nach dem «Prinzip ‹hire and fire›».

Das Prinzip Aussitzen

Das Verhalten und die Argumentation erinnern an Bundesrat Samuel Schmid. Der Berner, damals noch SVP, musste 2008 unter Druck und nach langem Aussitzen zurücktreten, weil er einem Mitarbeiter «zu viel Vertrauen» geschenkt hatte und diesen trotz allfälliger Erpressbarkeit wegen Stalking-Vorwürfen vom Bundesrat zum Armeechef wählen liess. Eine ähnliche Verweigerungshaltung legte der verstorbene Kurt Wasserfallen (FDP) an den Tag. Der damalige Sicherheitsdirektor der Stadt Bern wurde 2003 wegen seines «irreversibel gestörten Vertrauensverhältnisses» zum Polizeichef vom rot-grünen Gemeinderat entmachtet und in eine neue Direktion versetzt. Der aussergewöhnliche Schlusspunkt war das Ergebnis eines langjährigen Streits über die richtige Führung der damaligen Stadtpolizei, bei der Wasserfallen trotz Minderheitenposition partout an seiner harten Linie festgehalten hatte.

Interessant sind die Kontraste zu dieser Fehlerkultur. Es gibt Politiker, die fast stoisch sämtliche Kritik über sich ergehen lassen können, um am Schluss pragmatisch nachzugeben. Bestes Beispiel aus der Berner Kantonsregierung ist Philippe Perrenoud. Der sozialdemokratische Gesundheitsdirektor des Kantons geriet in den letzten Jahren wegen gesundheitspolitischer Pannen in die Kritik, musste seine zerzauste Spitalversorgung unter Druck anpassen und sich – in der Affäre um die UPD – gar eine Einmischung des Gesamtregierungsrats gefallen lassen. Der Bernjurassier, auch wenn er gelitten haben muss, blieb nach aussen erstaunlich gelassen, steckte ein und behielt gar seinen Schalk.

Ein dritter, modernerer Politikerty­­pus wiederum weiss, dass ein Eingeständnis sofort Druck wegnimmt und in einer Konsenskultur, wie das schweizerische Politsystem eine ist, gut ankommt. Ein solches Verhalten kann taktisch sein, wirkt aber umso besser, je authentischer es vermittelt wird. Oft geht danach die Panne, der Fehler gar vergessen. Für diesen Typ steht Bernhard Pulver. Er ist der Anti-Käser. Auch Pulver war in den letzten Jahren mit Baustellen in seiner Direktion konfrontiert. Im Amt für Kultur kam es 2012 zum Eklat, als zwei führende Angestellte nach längerem Streit plötzlich kündeten. Im Erziehungsbereich ist Pulver mit Reformen beschäftigt, die plötzlich platzen, wie etwa aktuell die vorgezogene Franz-Matur. Der Grüne weiss dabei, wann es besser ist, einen Fehler mehr einzugestehen als einen weniger. Der Abgang im Amt für Kultur nahm er ebenso auf seine Schultern wie fast jede aufgedrückte Korrektur an seinen politischen Plänen. «Ich muss nicht recht haben», lautet sein Standardsatz dazu. Ähnlich liegt die Sache bei Carlo Conti (CVP). Der Basler Regierungsrat kündigte proaktiv im Januar seinen Rücktritt an, nachdem er festgestellt hatte, dass er zusätzliche Honorare und Entschädigungen teils unrechtmässig zurückgehalten hatte. Es ging um rund 110'000 Franken.

Die richtigen Konsequenzen

Wie hätte Käser an Contis Stelle reagiert? Was hätte Pulver als Berner Polizeidirektor gemacht? Wir wissen es nicht, und es spielt auch keine Rolle. Entscheidend ist nicht, ob ein Fehler taktisch eingestanden wird oder wegen des eigenen Egos nicht zugegeben werden kann. Am Schluss zählt, ob die Fehler in Zukunft vermieden werden können – und die Verantwortlichen für sich und ihr Arbeitsumfeld die richtigen Konsequenzen ziehen.

Der Bund

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