Kritische Gemeinden trauen dem Südanflug über das Aaretal nicht

Wegen des geplanten neuen Südanflugs auf den Flughafen Bern-Belp haben bereits mehrere Gemeinden Einsprache erhoben. In Münsingen und Wichtrach glaubt man den Angaben der Alpar AG nicht.

Gegen den neuen Südanflug regt sich Widerstand.

Gegen den neuen Südanflug regt sich Widerstand. Bild: Adrian Moser

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«Die Skepsis ist nicht ausgeräumt worden – im Gegenteil, sie ist eher noch gewachsen.» Dieses ernüchternde Fazit zieht der Münsinger Gemeindepräsident Beat Moser (Grüne) von einer Veranstaltung, welche eigentlich mehr Klarheit über das neue Südanflug-Regime für den Flughafen Bern-Belp schaffen sollte. 700 Interessierte nahmen am Informationsabend Ende Januar teil, dem ersten und bisher einzigen seiner Art. Die Flughafenbetreiberin Alpar AG war auch eingeladen worden, und für die beiden Flughafen-Offiziellen sei es kein einfacher Abend gewesen, sagt Moser. Mit «700 gegen 2» beschreibt er das Stimmungsbild.

Die Alpar plant, in Bern-Belp einen neuen Südanflug zu realisieren, womit Flugzeuge künftig mithilfe satellitengesteuerter Technik landen könnten. Dies, anders als heute, auch bei schlechter Sicht oder ungünstiger Witterung. Dagegen regt sich in den Nachbargemeinden aber Widerstand. Münsingen, Wichtrach, Kiesen und möglicherweise auch Oberdiessbach werden Einsprache erheben. Die Einsprachefrist läuft noch bis am 10. Februar. Neben der Einsprachen der Gemeinden ist auch mit mehreren Eingaben von Privatpersonen zu rechnen.

Zweifel über Zahlen

In Münsingen haben laut Moser über 500 Personen eine Petition unterschrieben, welche den Gemeinderat zum Handeln auffordert. Die Flugzeuge sollen Münsingen laut Alpar künftig etwa 350 Meter über Boden überfliegen. Die kritische Interessengruppe Lärmarmes Aaretal, welche sich wegen des geplanten Anflugregimes formiert hat, erwartet die Flieger aufgrund eigener Berechnungen noch tiefer. Von Fluglärm betroffen sei die Gemeinde schon heute, sagt Moser. «Wir tragen den Grossteil der Abflüge.» In der Gemeinde störe man sich daran, dass die Abflugroute nun häufiger über Münsingen führe. Vielleicht auch deshalb schenkt man in Münsingen den Aussagen der Alpar AG zum Flugbetrieb und zur Entwicklung des Flughafens wenig Glauben. Neben dem neuen Südanflug plant die Betreiberin auch einen Ausbau des Flughafens. Der Flughafenausbau nährt Zweifel bei den Skeptikern. Wie viele Flüge sollen künftig über die Gemeindegebiete ankommen?

Die Alpar unterstreicht, dass sie die maximal zulässigen 75'000 Flugbewegungen nicht überschreiten wolle. Heute verzeichnet der Flughafen Bern-Belp 56'000 Starts und Landungen. Auch wenn das Kontingent ausgereizt würde, gäbe es mit dem neuen Anflugsregime im Durchschnitt lediglich 8 bis 10 Landungen pro Tag mehr, teilte die Alpar Mitte Januar mit. Insgesamt soll es pro Jahr maximal 3300 Südanflüge geben. Der Flughafen Bern-Belp wolle nicht wachsen, er wolle sich entwickeln.

Flugzeuge über dem Dorfzentrum

Das beruhigt aber nicht alle Aaretal-Bewohner. An Spitzentagen erwarten sie ein Mehrfaches an Anflügen. Und damit auch eine deutlich grössere Lärmbelastung. Der Wichtracher Gemeindepräsident Hansruedi Blatti (FDP) sagt: «Das eine sind die Lärmgrenzwerte – diese werden sicher eingehalten.» Etwas ganz anderes sei die subjektive Wahrnehmung. «Wenn ich gerade im Garten sitze und mich ein vorüberfliegendes Flugzeug stört, interessiert mich das Jahresmittel wenig.»

Blatti erwartet in Wichtrach eine markante Veränderung. «Bisher merken wir relativ wenig von den Flügen», sagt er. Künftig werde das wahrscheinlich anders sein – die Jets sollen ab 2016 das Dorfzentrum in 400 Meter überfliegen. Die Nachbargemeinden Münsingen und Wichtrach wollen über ihre Einsprache erreichen, dass die Alpar verbindliche Aussagen über den künftigen Betrieb macht. Bei vielen Einwohnern herrscht offenbar der Eindruck, dass die Alpar nicht offenlegen will, was sie in Zukunft plant. Enttäuscht ist der Wichtracher Gemeindepräsident Blatti von der Kommunikation betreffend die Pläne zum Südanflug. Über diese werde nicht erst seit wenigen Wochen nachgedacht. «Warum kann man da nicht Monate vorher mit den Leuten reden?» Mit diesem Vorgehen habe die Flughafenbetreiberin bei den Gemeindebehörden «viel Goodwill verspielt».

Alpar verweist auf Verfahren

Die Alpar betont auf Anfrage, dass sie mit den Anrainergemeinden auch weiterhin «ein konstruktives und enges Verhältnis pflegen werde». Alpar-Medienspracher Daniel Steffen verteidigt auf Anfrage die Kommunikationspolitik in der Sache. Die Absicht, den Instrumentenanflug einzuführen, habe die Alpar schon früh öffentlich kommuniziert. Beim Südanflug handle es sich aber um ein Bundesverfahren. Dieses sei nicht mit einem Gemeindeverfahren vergleichbar. Es sei Sache des Bundesamts für Zivilluftfahrt und von Skyguide, die Lufträume festzusetzen. Als man gewusst habe, welche Gemeinden davon tangiert würden, habe die Alpar die Medien und alle Gemeindevertreter eingeladen und offeriert, für Informationsveranstaltungen zur Verfügung zu stehen.

Und was sagt die Alpar AG zu den erwarteten Flugbewegungen an Spitzentagen? Verlässliche Angaben seien schwer zu machen. Die Prognosen seien kompliziert, sagt Mediensprecher Daniel Steffen. Zahlen nennt er keine. (Der Bund)

Erstellt: 07.02.2014, 13:07 Uhr

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