Kritiker befürchtet Signalwirkung für andere AKW-Betreiber

Das Ensi betrachtet Mühleberg als Sonderfall. Kritiker Markus Kühni befürchtet jedoch, dass nun auch andere AKW-Betreiber auf Nachrüstungen verzichten könnten.

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Simon Thönen@SimonThoenen

Ein Punkt überraschte, als das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) am Dienstag seinen Entscheid bekannt gab, den Betrieb des AKW Mühleberg bis 2019 zu bewilligen. Die diversen kleinen Massnahmen der BKW schnitten in der Risikoberechnung sogar ein wenig besser ab als die ursprünglich geplante, umfassende Nachrüstung des AKW.

An der Medienkonferenz warfen Journalisten umgehend die Frage auf, ob die BKW sich auf diesen Befund stützen könnte, falls sie ihr AKW doch über 2019 hinaus betreiben wolle. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Verwaltungsratspräsident der BKW und BDP-Nationalrat Urs Gasche dementiert solche Absichten entschieden. «Wir haben definitiv und vorbehaltlos beschlossen, dass 2019 Schluss ist», sagt Gasche im Interview mit dem «Bund» (siehe oben). Eine – theoretische – Ausnahme könne er sich allenfalls bei eine schweren Stromversorgungskrise in der Schweiz vorstellen.

Auch Regierungspräsidentin Barbara Egger-Jenzer (SP) äussert sich auf Anfrage deutlich: «Für mich ist klar, 2019 ist Schluss. Daran gibt es nichts zu rütteln.» Egger vertritt gemeinsam mit der Regierungskollegin Beatrice Simon den Kanton als Mehrheitsaktionär im Verwaltungsrat der BKW.

Nicht überraschend – oder doch?

Für Gasche ist zudem der Befund des Ensi nicht überraschend: Da die kleinen Massnahmen, welche die BKW anstelle einer umfassenden Nachrüstung vorgeschlagen hat, früher installiert werden, sei ihre Wirkung bezogen auf die restliche Laufzeit grösser. Dies ist aber wohl nur ein Teil der Erklärung. Der stellvertretende Ensi-Direktor Georg Schwarz jedenfalls sagte am Dienstag: «Aus technischer Sicht sind die Lösungen gleichwertig.»

Diese Aussage erstaunt den AKW-Kritiker Markus Kühni. Bei umfassenden Nachrüstungen würden «solide und nuklear qualifizierte Systeme installiert, die auch Schutz gegen Unvorhergesehenes bieten». Viele der für Mühleberg nun bewilligten kleinen Massnahmen wirkten dagegen nur bei einzelnen Unfall­abläufen. So insbesondere auch das sogenannte Unfallmanagement, bei dem zum Beispiel Reaktoroperateure in bestimmten Fällen von Hand Gegenmassnahmen ergreifen müssen, die im voraus definiert sind.

Wenn ein Störfall unvorhersehbar ablaufe, versage das Unfallmanagement, das einen erheblichen Teil der Massnahmen der BKW ausmacht. Dass die BKW-Massnahmen in der Risikoberechnung so gut abschnitten, führt Kühni darauf zurück, «dass in diese exakt nur die voraussehbaren Störfallabläufe einfliessen».

Auch das Gesamtergebnis der Risikoberechnung ist schon fast sensationell gut: Das Risiko einer Kernschmelze in Mühleberg werde mit den Massnahmen der BKW um das Vierfache sinken, hielt das Ensi fest. «In dieser Grössenordnung ist das für mich nicht nachvollziehbar», sagt Kühni. «Es erstaunt mich bloss insofern nicht, als das Ensi die Berechnung der BKW offenbar nur flüchtig überprüft hat.»

In der Tat räumt das Ensi in seiner Stellungnahme ein, es habe «aufgrund der zeitlichen Beschränkung» die Berechnung «nur in einem wesentlich geringeren Stichprobenumfang» als üblich durchgeführt.

Ensi betont Sonderfall Mühleberg

«Meine grösste Sorge ist, dass der Entscheid zu Mühleberg Signalwirkung für andere AKW-Betreiber hat», sagt Kühni. Dass diese also wie die BKW keine umfassenden Nachrüstungen mehr vornehmen und stattdessen auf ein Bündel von kleinen Massnahmen und Unfallmanagement setzen könnten.

Allerdings hatte das Ensi am Dienstag auch betont, dass sich sein Entscheid nur auf die vier bis fünf letzten Betriebsjahre in Mühleberg beziehe. Für einen längeren Betrieb hätte das Ensi zusätzliche Massnahmen verlangt, so «mindestens eine definitive Stabilisierung des Kernmantels», sagte Ensi-Direktor Hans Wanner.

Die Beurteilung des Ensi gelte nur unter der Voraussetzung, dass Mühle­berg wie angekündigt 2019 abgeschaltet werde. Gewisse Systeme, welche die BKW nun installiert, taugen ­zudem nur zum Einmalgebrauch: Sie schützen zwar gegen gewisse Gefahren, richten dabei aber massive Schäden an. Werden sie bei einem Störfall aktiviert, wäre der Reaktor danach wohl nicht mehr funk­tionstüchtig.

Der Bund

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