Kritik an Safer-Sex-Kampagne lässt Aids-Hilfe kalt

Die «Love Life»-Kampagne des Bundes erzürnt gewisse Gemüter. Bei der Aids-Hilfe Bern stösst der Widerstand auf Unverständnis. HIV-Aufklärung tue immer noch not.

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Der neuste Coup des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) unter dem Titel «Love Life – Bereue nichts» bewegt mit lustvollen Bildern und positiver Botschaft: Er zeigt eine bunte Palette von nackten Menschen in eindeutigen Posen – und thematisiert damit den bewussten, offenen Umgang mit Safer Sex und dass dank geschütztem Geschlechtsverkehr später nichts bereut werden muss.

Evangelische haben Mühe

Die Umsetzung der Kampagne passt aber längst nicht allen: «Es macht den Anschein, als würden die Kampagnenverantwortlichen den Erfolg am Bekanntheitsgrad statt an der Wirkung messen», sagt EVP-Grossrat Ruedi Löffel. «Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Alkohol- und Tabakprävention und erwarte, dass Präventionskampagnen an ihrer Wirkung gemessen werden. Die stagnierenden bis steigenden Infektionszahlen bei den sexuell übertragbaren Krankheiten sind Indiz für den mangelhaften Erfolg der BAG-Kampagnen.»

Der Thuner Marc Jost, ebenfalls EVP-Grossrat und Generalsekretär der Evangelischen Allianz, hat eine Petition gegen die Kampagne lanciert, weil diese «mit den expliziten Sexbildern nach Meinung der Allianz und vieler Menschen weit am Ziel vorbeischiesse». Die Onlinepetition haben bisher rund 7500 Menschen unterzeichnet.

Aids, immer noch ein Tabu?

Ganz anders die Meinung an der Front. Sie sei froh, dass die BAG-Kampagne die Menschen zur Diskussion anrege, sagt Béatrice Aebersold, Geschäftsführerin der Aids-Hilfe Bern (AHBE). «Das Thema ist zu Unrecht aus dem Fokus der Bevölkerung geraten, gut spricht man darüber.» Die AHBE kämpft seit 30 Jahren gegen HIV und andere übertragbare Geschlechtskrankheiten (vgl. Kasten): «Es hat sich vieles verändert. Geblieben ist, dass eine HIV-Infektion viel zu oft noch ein Tabuthema ist und zu Diskriminierungen am Arbeitsplatz oder im Privatleben führen kann.», sagt Aebersold.

Dank dem medizinischen Fortschritt ist es heute möglich, das HI-Virus so weit einzudämmen, dass Infizierte gut leben können. Aber auch nur, wenn das Virus rechtzeitig erkannt und die Therapie eingeleitet wird. «Genau das ist aktuell ein grosses Problem: Das Risikobewusstsein der Leute fehlt, und sie lassen sich, auch aus Unwissen, viel zu spät testen», sagt Aebersold. Nicht selten geschieht eine Übertragung von HIV und anderen Geschlechtskrankheiten innerhalb einer heterosexuellen Partnerschaft. «Im letzten Jahr verbuchten wir 20 Prozent mehr Beratungen als budgetiert», so Aebersold.

Obwohl die Ansteckungsrate mit ungefähr 600 Neuinfizierungen pro Jahr stabil bleibt, steigt die Zahl der HIV-infizierten Menschen an, da sie nicht mehr frühzeitig daran sterben. «Die höhere Lebenserwartung der Betroffenen ist natürlich eine positive Sache, erfordert aber weiterhin viel Aufklärungsarbeit.» Aebersold: «Das Ziel ist natürlich, dass es uns irgendwann einmal nicht mehr braucht. Doch davon sind wir im Moment noch weit entfernt.» (Der Bund)

Erstellt: 28.05.2014, 07:35 Uhr

Stadt Bern zahlt nicht

Von 1985 bis 1995 beschäftigte die Aids-Hilfe Bern bis zu 60 Freiwillige, welche die Aids- Patienten und -Patientinnen bis in den Tod begleiteten. Ab 1996 kamen neu entwickelte Medikamente auf den Markt, die die Situation über Nacht veränderten. «Betroffenen, die sich auf den Tod vorbereitet hatten, wurde ein zweites Leben geschenkt, das waren schier biblische Szenen», sagt Béatrice Aebersold von der AHBE.

Nebst Beratungen konzipiert und bietet die AHBE spezifische Leistungen für Homosexuelle oder für Menschen mit Migrationshintergrund. Finanziert wird die AHBE via Leistungsvertrag mit dem Kanton Bern. Das restliche Drittel setzt sich aus Spenden, Projektfinanzierungen und Beiträgen der Aids-Hilfe Schweiz zusammen. Die Stadt Bern beteiligt sich nicht an der Finanzierung, obwohl ein Grossteil der Betroffenen in Bern lebt und arbeitet.

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