«Kontraste sind für mich reizvoll im Leben»

Der Flug von Lugano nach Zürich war für den einstigen Crossair- und Swiss-Piloten Christoph Sager der schönste. Jetzt lebt er mit seiner Familie die längste Zeit des Jahres mitten in den Alpen.

Luftigen Höhen treu geblieben: Christoph Sager mit Ehefrau Sarah Benz und den Kindern Mena und Levi sowie Hund Cibo.

Luftigen Höhen treu geblieben: Christoph Sager mit Ehefrau Sarah Benz und den Kindern Mena und Levi sowie Hund Cibo. Bild: Valérie Chételat

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Die Wege zur Konkordiahütte sind lang, und sie werden jedes Jahr noch länger. Zwar liegt die grösste Hütte des Schweizer Alpenclubs (SAC) seit 1877 auf 2850 Meter über Meer. Aber das Eis des Gletschers, das einst fast bis zur Hütte gereicht hatte, sinkt pro Jahr um rund einen Meter. Die Hütte selber liegt heute auf einem Felskopf rund 150 Meter über den Eismassen des Konkordiaplatzes, dem Herzstück des Unesco-Weltnaturerbes Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn. Wer es bis hier geschafft hat, muss eine 468 Tritte zählende Metalltreppe erklimmen, die alle paar Jahre wieder verlängert werden muss.

«Die Treppe wird allmählich zum Problem», sagt Hüttenwart Christoph Sager, der mit seiner Frau Sarah Benz, dem zweijährigen Levi und der einjährigen Mena die längste Zeit des Jahres hier oben lebt und arbeitet. Der Bergschrund am Fuss der Treppe verändere sich ständig und sei eine Gefahr beim Übergang vom Gletscher zur Treppe. Die Überwindung der Treppe am Ende einer langen Wanderung stelle für viele Berggänger eine grosse Herausforderung dar. In Gedanken an den Abstieg über die luftigen Stufen fänden sie keinen Schlaf. «Irgendwann wird man den Standort aufgeben müssen.»

New York? – Nein, danke

Sager selber hat in seinem Leben schon öfters einen «Standort» gewechselt. So war er zuerst Koch, dann Krankenpfleger und Rettungssanitäter und schliesslich Linienpilot bei der Crossair und später bei der Swiss. Einige der dabei gemachten Erfahrungen sind ihm als Hüttenwart nützlich. «Koch bin ich hier täglich und manchmal auch Krankenpfleger.» Einzig zum Fliegen komme er kaum mehr, auch wenn er es gerne wieder einmal privat probieren möchte. «Eine Rückkehr ins Cockpit eines Linienflugzeuges kommt für mich aber nicht mehr infrage.»

Als Pilot war Sager zuerst in Lugano stationiert. Die Strecke nach Zürich war seine Lieblingsstrecke. Das Wetter und die Stimmung über den Alpen sei bei jedem Flug anders, und auch die Anflüge seien stets spannend gewesen. «Für mich war es nie erstrebenswert, drei- bis viermal im Monat nach New York zu fliegen.» Als die Crossair den Standort Lugano aufgegeben habe, sei das Fliegen für ihn unattraktiver geworden. «Zürich–Berlin, Zürich–Hannover, das hat man irgendwann mal gesehen.» Das Ende der Crossair war für Sager kein Weltuntergang. Er flog zwar noch eine Weile für die Swiss weiter, sattelte aber bald definitiv um. Der Wechsel zum Hüttenwart kam nicht überraschend, hatte er doch seit jeher berufsbegleitend Erfahrungen gesammelt: zuerst in der Martinsmadhütte im Glarner- und später in der Etzlihütte im Urnerland.

Einmal pro Woche fliegt der Heli

Wenn Sager von seinen beruflichen Wechseln spricht, so braucht er Bilder des Wachsens und des Entstehens. Abrupte Übergänge sind seine Sache nicht. So scheinen sich denn auch die Wechsel von der Martinsmadhütte («ein Hobby») über die Etzlihütte («vor allem eine Sommerhütte») bis zur Konkordiahütte («eine ausgewachsene Hütte») harmonisch ergeben zu haben. Am Hüttenwartsjob liebt Sager die Vielseitigkeit, zu der in der 155-plätzigen Konkordiahütte noch die komplexe Logistik dazukommt. «Man kann nicht rasch in die Migros, wenn etwas fehlt.» Einmal wöchentlich fliegt der Helikopter die bestellte Ware an. Jeder der selber berappten Flüge will genau geplant sein.

Hausgeburt dank Hochwetterlage

Bei schlechtem Wetter kann der Helikopter aber nicht fliegen. Deshalb war für die Hüttengeburt der heute einjährigen Tochter Mena die stabile Hochwetterlage im August letzten Jahres entscheidend. «Wir liessen es auf uns zukommen», sagt Sager. Einige Tage zuvor habe eine Hebamme die richtige Lage des Kindes konstatiert. Kurz vor und nach der Geburt sei die Hütte gut besetzt gewesen. Am Tag selber sei es aber vergleichsweise ruhig geblieben. «Ich habe den Gästen das Frühstück zubereitet und bin dann zu meiner Frau, um bei der Geburt zu assistieren.» Als Krankenpfleger sei er auf die Situation vorbereitet gewesen. Die Geburt habe vier bis fünf Stunden gedauert. Bei Komplikationen wäre der Helikopter in 10 bis 15 Minuten vor Ort gewesen. «Wir wären rascher im Spital gewesen als von unserem Wohnort im Diemtigtal aus.»

Er sei kein Aussteiger, sagt Sager. «Ich habe wohl sonst einen Flick weg.» Der Job als Hüttenwart gefalle ihm aber am besten. Hier verfüge er über ein Maximum an Autonomie und könnte aber jederzeit wieder kündigen. Im nächsten Winter werde er sich vor allem als Hausmann betätigen, weil seine Frau wieder als Pflegerin arbeiten möchte. Schon bald nach Neujahr lasse ihn die Hütte aber gedanklich nicht mehr los. «Kontraste sind für mich reizvoll im Leben.»

(Der Bund)

Erstellt: 05.08.2013, 09:04 Uhr

Vom Chalet Cathrein zur Hütte

Die Konkordiahütte wurde 1877 auf dem Faulberg über dem Konkordiaplatz errichtet. Emil Cathrein, der Besitzer des 1972 zerstörten Hotels Jungfrau auf der Fiescheralp, finanzierte den Bau mit, errichtete aber 1898 trotzdem einen eigenen Pavillon direkt oberhalb der damaligen Hütte. Im Chalet Cathrein übernachteten Hotelgäste zu gehobenen Tarifen. 1908 errichtete die Sektion Grindelwald des SAC eine neue Hütte am Faulberg, die ebenfalls von Cathrein mitfinanziert wurde. Das Nebeneinander der drei Hütten dauerte bis 1946, als die Sektion Grindelwald das Chalet Cathrein erwarb und zur Haupthütte umbaute. Die Konkordiahütte ist mit 155 Schlafplätzen zwar die grösste Hütte des SAC. Bezogen auf die rund 7500 Übernachtungen pro Jahr liegt sie aber an vierter Stelle

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