Kommentar: Erst bauen, dann mal schauen

Kommentar

Ein Gemeinwesen kann frei entscheiden, wie viel ihm ein Kulturangebot wert ist. Störend im Fall Klee-Zentrum ist allerdings, dass diese Diskussion nicht vor dem Bau stattfand, sondern erst später in Raten und unter Sachzwängen.

Ein Geschenk mit Haken: Das Zentrum Paul Klee ist massiv überschuldet.

Ein Geschenk mit Haken: Das Zentrum Paul Klee ist massiv überschuldet.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Reto Wissmann@RetoWissmann

Es war ein fantastisches Geschenk, dass der Chirurg Maurice E. Müller und seine Frau Martha der Stadt und dem Kanton Bern im Jahr 2005 machten. Für 125 Millionen Franken liessen sie Stararchitekt Renzo Piano im Berner Schöngrün einen spektakulären Wellenbau errichten und machten daraus ein spartenübergreifendes Kulturzentrum rund um den Maler Paul Klee. Im besten Jahr lockte es über 230'000 Besucher an – so viele wie kein anderes Berner Museum.

Doch sieben Jahre nach der Eröffnung steht das Zentrum Paul Klee noch immer nicht auf festem Boden. Die Besucherzahlen sinken, die Kasse ist leer, und langsam zeigt sich, wie aufwendig der Unterhalt des Baus ist. Mehrmals mussten Stadt und Kanton bereits Subventionen erhöhen und Löcher stopfen. Politiker bemühten jeweils das Bild vom Fass ohne Boden. Der Boden ist tatsächlich noch nicht erreicht. Im Herbst wird der Grosse Rat entscheiden, ob der Kanton die Verantwortung für die Instandhaltung des Gebäudes übernimmt. Die Müller-Stiftung hat dafür kein Geld mehr. Weiter braucht das Museum für einen «optimalen Betrieb» zusätzlich einen siebenstelligen Betrag. Und schliesslich ist das ZPK stark überschuldet und hofft, der Kanton werde helfen.

Ob die ständigen Forderungen nun skandalös sind oder ob das Zentrum schlicht von Beginn weg unterfinanziert war, ist Ansichtssache. Auch wenn viel mit anderen Museen verglichen wird, gibt es keine objektiv richtige Höhe der Subventionen. Ein Gemeinwesen kann frei entscheiden, wie viel ihm ein Kulturangebot wert ist. Störend im Fall Klee-Zentrum ist allerdings, dass diese Diskussion nicht vor dem Bau stattfand, sondern erst später in Raten und unter Sachzwängen. Dem geschenkten Gaul schaute damals niemand genauer ins Maul.

Auf den neuen Direktor warten nun schwierige Aufgaben. Er muss die Besucherzahlen stabilisieren, die Finanzen ins Lot bringen und die verordnete Annäherung ans Kunstmuseum gewinnbringend umsetzen. Gelingt ihm das, wäre dies beinahe ebenso fantastisch wie damals das Geschenk des reichen Mäzens.

Der Bund

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