Kleinstadt will grossen Wechsel

Bei diesem Anlauf hat es für die Projurassier in Moutier geklappt: Knapp, mit 137 Stimmen Unterschied, votierte das Volk für den Wechsel zum Kanton Jura.

Volksfeststimmung in Moutier: Die Projurassier zogen nach dem Abstimmungssieg durch die Strassen. Die jurassische Regierungspräsidentin Nathalie Barthoulot sprach von einer «immensen Freude».

Volksfeststimmung in Moutier: Die Projurassier zogen nach dem Abstimmungssieg durch die Strassen. Die jurassische Regierungspräsidentin Nathalie Barthoulot sprach von einer «immensen Freude». Bild: Franziska Rothenbühler

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51,7 Prozent Ja-Stimmen. Nach schier endlosem Warten in der heissen und schweissgetränkten Luft der Mehrzweckhalle stand es am Sonntag um 17.20 Uhr fest: Die Kleinstadt Moutier mit ihren 7700 Einwohnern wird in den Kanton Jura wechseln. Bei den Zuschauern brach Jubel aus. Das Resultat fiel, wie erwartet, knapp aus. Wenn auch ein wenig deutlicher als 1998, als 41 Stimmen den Ausschlag gaben – damals für den Verbleib im Kanton Bern.

«Das Volk hat 
auf eine bessere 
Zukunft für Moutier gesetzt.»
Marcel Winistoerfer, Bürgermeister

Nun machten 137 Stimmen den Unterschied für den Wechsel in den Kanton Jura. Auf den Strassen feierten die Sieger das knappe Ergebnis mit einem Volksfest. Die Proberner, die sich am Rand der Stadt hinter der Fabrik von Tornos versammelt hatten, zeigten sich bitter enttäuscht. Die Kleinstadt Moutier wagt damit einen Schritt, mit dem sie seit Jahrzehnten geliebäugelt hat. Schon seit den 1980er-Jahren wählt Moutier mehrheitlich projurassische Behörden. Doch erstmals hat das Volk der Kleinstadt ihrem Ziel nun konkret zugestimmt.

Moutier bleibt gespalten

Marcel Winistoerfer, der bodenständige Bürgermeister von Moutier (CVP), zeigte sich nach dem Entscheid ein bisschen erschöpft, aber glücklich. Er betonte die historische Bedeutung des Entscheids: «Das jurassische Volk hat, ermuntert von seinen Behörden, auf eine bessere Zukunft für Moutier in jenem Kanton gesetzt, der seine historische Legitimität verkörpert, seine kulturelle Identität teilt und ihm sozioökonomisch nahe ist.» Allerdings räumte er auch ein, dass Moutier eine gespaltene Stadt bleibt. «Was doch ein bisschen Angst macht, sind die 48 Prozent, die wir noch überzeugen müssen.» Dies sei nun die grosse Herausforderung für die Stadtbehörden.

Die jurassische Regierung, deren Delegation umgehend nach Moutier geeilt war, begrüsste das Abstimmungsresultat «mit einer immensen Freude», wie sich Regierungspräsidentin Nathalie Barthoulot (SP) ausdrückte.

Der Kanton Jura wolle, so Barthoulot, die Aufnahme von Moutier bis zum 1. Januar 2021 vollziehen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Zuerst werden im September noch zwei weitere bernjurassische Gemeinden, Belprahon und Sorvilier (je rund 300 Einwohner), über einen Kantonswechsel abstimmen. Danach müssen die beiden Kantone die Modalitäten des Kantonswechsels in einem Konkordat regeln. Dem Konkordat muss das Volk in den Kantonen Bern und Jura zustimmen. Zudem muss der Kantonswechsel von der Bundesversammlung genehmigt werden.

Bern: Jura-Konflikt ist zu Ende

Der bernische Regierungsrat versprach, das Abstimmungsergebnis zu respektieren, legte sich aber nicht auf einen konkreten Termin für den Kantonswechsel fest. Der Prozess werde mehrere Jahre dauern, hiess es an der Medienkonferenz der Regierungsdelegation in Moutier. Die drei Regierungsräte zeigten sich enttäuscht über das Ergebnis. Gemeindedirektor Christoph Neuhaus (SVP) sprach in Anspielung auf den Brexit von einem Mouxit, den er bedauere, weil er die französischsprachige Minderheit im Kanton Bern schwäche. Parteikollege Pierre Alain Schnegg, der Bernjurassier im Regierungsrat, sah dunkle Wolken über Moutier aufziehen.

Regierungspräsident Bernhard Pulver (Grüne) bedauerte den Entscheid von Moutier, der aber als Ergebnis einer «lebendigen Demokratie» zu akzeptieren sei. Die positive Seite des Urnengangs sei, so Pulver: «Wir können nun konstatieren, dass der Jura-Konflikt zu Ende ist.» Sobald auch noch die zwei weiteren Gemeinden Belprahon und Sorvilier über einen Kantonswechsel abgestimmt haben, sei der politische Prozess durchgespielt, der im Jura-Abkommen von 2012 vereinbart sei.

«Wir können nun
konstatieren, dass der Jura-Konflikt zu Ende ist.»
Bernhard Pulver, Regierungsrat

In diesem Abkommen hatten die Kantone Bern und Jura vereinbart, dass die Jura-Frage noch einmal demokratisch geklärt wird – dafür wird dann der Jura-Konflikt offiziell als beendet erklärt. Pulver erinnerte daran, dass der Berner Jura in der regionalen Abstimmung 2013 einen gemeinsamen Kanton mit dem Jura deutlich verworfen hatte. Nun werde Bern das Resultat der Gemeindeabstimmung in Moutier akzeptieren – es sei jetzt am Kanton Jura, seinen Teil des Abkommens einzuhalten und den Konflikt als gelöst zu betrachten.

Dass dies für die jurassische Seite, die stets auf eine «Wiedervereinigung» mit dem ganzen «Südjura» gepocht hat, nicht einfach ist, zeigte sich am Sonntag erneut. «Für mich gehört immer noch die ganze Region zum Jura», sagte Moutiers Bürgermeister Winistoerfer. Zumindest räumte er ein, dass dies nur «ein Gedanke im Hinterkopf» sei, der allenfalls «in ferner Zukunft» realisiert werde.

Die jurassische Regierung hingegen ist an das Jura-Abkommen gebunden. Nachdem auch noch die zwei weiteren Gemeinden abgestimmt hätten, erklärte sie, «wird die jurassische Frage politisch gelöst sein». Regierungsrat Charles Juillard (CVP), der vor der Abstimmung laut über den Anschluss weiterer Gemeinden nachgedacht hatte, rückte am Sonntag von dieser Vorstellung wieder ab. (Der Bund)

Erstellt: 18.06.2017, 22:04 Uhr

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