Kinderarztausbildung: Frauenanteil bei 90 Prozent

Obwohl es im Kanton Bern mehr Kinderärzte gibt als vor zehn Jahren, hat sich der Mangel zugespitzt.

Kinderärztin: Ein Frauenberuf?

Kinderärztin: Ein Frauenberuf?

(Bild: Keystone Gaetan Bally)

Adrian Schmid@adschmid

Die Suche nach einem Kinderarzt kann für die Eltern zum Spiessrutenlauf werden. «Wir haben bei fünf bis sechs Praxen angerufen. Bei allen hiess es, sie würden keine neuen Patienten annehmen», berichtet ein frischgebackener Vater aus der Stadt Bern dem «Bund». Am Ende seien sie nur durch Zufall und dank dem Goodwill der Arztgehilfin bei einem Kinderarzt untergekommen. Noch schwieriger wird es für Familien, welche mit ihrem Kinderarzt unzufrieden sind und wechseln möchten. «Ich habe mindestens zehn Ärzte angefragt», sagt eine Mutter von zwei Kindern, welche ebenfalls in der Stadt Bern wohnhaft ist. Überall wurde sie abgelehnt. Unterdessen hat sie die Suche nach einem neuen Pädiater aufgegeben.

Dass Kinderärzte nicht mehr per se jedes Kind aufnehmen, ist unterdessen weit verbreitet. Es gibt bereits Praxen im Kanton Bern, welche auf ihrer Homepage darauf hinweisen, dass Neuaufnahmen nur noch in seltenen Fällen möglich seien. Die Pädiater reagieren damit auf die immer grössere Zahl von Anfragen. «Als Arzt will man sich Zeit für seine Patienten nehmen», sagt Daniel Hänggi, Kinderarzt in Thun und Vorstandsmitglied des Vereins Berner Haus- und Kinderärzte. «Wenn ein Arzt alle Patienten annimmt, kommt er irgendeinmal an den Punkt, an dem er sich die nötige Zeit nicht mehr nehmen kann.»

Mehrheit arbeitet Teilzeit

Für Hänggi ist der Kinderärztemangel im Kanton Bern derzeit «subakut». Gerade in der Peripherie werde der Mangel immer mehr zum Thema, zumal dort oftmals schon ein Hausarzt fehle. Auch in der Stadt werde es für die Eltern immer schwieriger, auf Anhieb einen Kinderarzt zu finden. Es ist aber nicht so, dass die Zahl der Ärzte abgenommen hat. Zählte man im Kanton Bern vor zehn Jahren rund 70 Pädiater, besitzen heute deren 150 eine Berufsausübungsbewilligung, wie Zahlen des kantonalen Kantonsarztamts zeigen.

Das Hauptproblem ist, dass es heute immer weniger Kinderärzte gibt, die alleine eine Praxis führen. Zudem hat die Teilzeitarbeit zugenommen. Der Verein Berner Haus- und Kinderärzte hat dazu eine Umfrage unter seinen Mitgliedern durchgeführt. Dabei kam heraus, dass zwei Drittel der angeschlossenen Pädiater weniger als 100 Prozent arbeiten und dass in rund zwei Dritteln der Kinderarztpraxen mehrere Ärzte tätig sind.

Hinzu kommt, dass immer mehr Frauen den Beruf ausüben. Bei den Kinderarzt-Anwärtern liegt der Frauenanteil mittlerweile schweizweit bei 90 Prozent. «Für Frauen ist die Arbeit in einer Gruppenpraxis attraktiv», sagt Daniel Hänggi. Die Kinderärztinnen sind dort angestellt. Sie können sich ums Kerngeschäft kümmern und administrative Aufgaben delegieren. Bei einem Arbeitspensum von 30 bis 50 Prozent bleibt daneben genügend Zeit für die eigene Familie. Schliesslich ist auch die vergleichsweise schlechte Entlöhnung ein Grund für den Mangel. Im Vergleich mit den anderen Fachärzten verdienen nur die Kinderpsychiater weniger.

Für Katharina Wyss, Co-Präsidentin des Berufsverbandes Kinderärzte Schweiz, muss der Hebel im Kampf gegen den Kinderärztemangel an verschiedenen Orten angesetzt werden. «Es braucht mehr Ausbildungsplätze, und der Beruf muss attraktiver werden», fordert Wyss. Sie denkt dabei nicht nur an höhere Löhne. Viel wesentlicher sei, dass aufgrund des gestiegenen Frauenanteils neue Praxisstrukturen notwendig seien. «Junge Pädiaterinnen mit Familie wollen in einer Gruppenpraxis arbeiten und sich nicht gleichzeitig um die Leitung des Betriebs kümmern.»

Gemäss Wyss müsse auch in den Kliniken ein Umdenken stattfinden. «Die Assistenten dort sind grösstenteils wenig interessiert, in die Praxis zu gehen.» Sie müssten die Vorgaben des Weiterbildungsplans erfüllen, der hauptsächlich klinikorientiert sei. Die Klinikassistenten hätten keine oder falsche Vorstellungen davon, wie ein Pädiater in der Praxis arbeite. Wyss würde sich daher wünschen, dass die angehenden Kinderärzte einen Teil ihrer Ausbildung in einer Praxis absolvieren müssten.

Bezogen auf die Kinderklinik des Berner Inselspitals ist dieses Umdenken schon im Gang. Dort schlagen mehr Kinderärzte den Weg in die Praxen ein als vor zehn Jahren. Gemäss dem stellvertretenden Klinikdirektor Denis Bachmann will von den heute 30 Assistenzärzten rund die Hälfte später in die Praxis gehen. «Die Praxis hat wieder eine gewisse Attraktivität gewonnen», so Bachmann. Von diesem Umdenken ist laut dem Schönbühler Kinderarzt Heinz Brauer (siehe Haupttext) in den Praxen selbst allerdings noch nichts spürbar.

Der Bund

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