Keine Angst vor dem Pflegeheim

Mit dem Angebot Wohnen mit Dienstleistung können Pflegeheime Betroffenen sowohl ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen als auch Sicherheit im Notfall gewährleisten. Doch nicht jeder kann sich das leisten.

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Wenn ältere Menschen merken, dass sie in naher Zukunft nicht mehr ohne Hilfe auskommen, zeigen sie grossen Widerwillen, ins Pflegeheim zu gehen. Nicht zuletzt, weil Hilfsbedürftigkeit auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod bedeuten kann. Dass das nicht für alle Betroffenen gilt, zeigt ein Besuch in zwei Berner Pflegeheimen Den befragten Menschen fiel der Entscheid, die eigenen vier Wände gegen eine Wohnung im Alters- und Pflegeheim einzutauschen, nicht schwer – im Gegenteil. Allerdings gilt es zur Kenntnis zu nehmen, dass die hier porträtierten und von den Heimen vermittelten Bewohner vitaler sind als der kantonale Durchschnitt der Pflegeheimbewohner (Text rechts).

An einem Nachmittag wartet eine kleine Gruppe von Bewohnern des Pflegeheims Domicil Ahornweg im Länggassquartier im Gemeinschaftswohnzimmer. Eine Bewohnerin heisst Meta Bürge. «Angst hatte ich keine, hierher zu kommen», sagt die 93-Jährige. Ein Jahr nachdem ihr Mann starb, sei sie in der eigenen Wohnung in der Länggasse umgefallen und erlitt einen Beckenriss. In diesem Zustand konnte sie nicht länger allein für sich sorgen. Seither wohnt sie in einer Einzimmerwohnung im Heim Ahornweg und nutzt dort das Angebot Wohnen mit Dienstleistung. 2820 Franken bezahlt sie monatlich für die Wohnungsmiete und das tägliche Mittagessen; jeglicher beanspruchter Pflegeaufwand wird ihr separat in Rechnung gestellt. Zum Beispiel will sie, dass jede Nacht jemand vom Pflegepersonal in ihrer Wohnung vorbeischaut.

Neben ihr sitzen die 94-jährige Rösy Bättig und die 87-jährige Therese Berger. Auch sie wohnen in einer Einzimmerwohnung, sie sind allerdings pflegebedürftiger als Bürge und beanspruchen deshalb einen üblichen Pflegeheimplatz, der umfassende Pflegeleistungen im Preis miteinschliesst. Beide lebten mit ihren Familien lange in der Länggasse und beide wussten schon früh, dass sie in pflegebedürftigen Zeiten im Heim am Ahornweg unterkommen wollten. So könne sie sich nach wie vor mit ihren Kolleginnen zum «Kaffikränzli» im Migros-Restaurant an der Mittelstrasse treffen, sagt Berger. Abgesehen davon, dass der Umgang mit dem Pflegepersonal manchmal schwierig sei, «weil eben jeder seinen Charakter hat», vermissten die drei Frauen hier absolut nichts.

Die Geschäftsleiterin des Pflegeheims Domicil Ahornweg, Béatrice Hueber, sagt, dass die meisten der Bewohner bereits vor dem Eintritt ins Pflegeheim hier einmal etwa zu Mittag gegessen oder einen Kinonachmittag besucht hätten. «Mit Angeboten, die auch für Aussenstehende offen sind, versuchen wir, den Leuten die Angst vor dem Einzug ins Alterszentrum zu nehmen», sagt Hueber.

Seiner Frau nichts verraten

Im Pflegeheim Senevita Westside, das sich neben dem gleichnamigen Einkaufszentrum befindet, spricht «Der Bund» mit den Bewohnern Heidy Pfister und Werner Mosimann. Die 86-jährige Pfister lebte über 50 Jahre mit ihrem Mann in Bethlehem. Als ihr Mann vor etwas über einem Jahr verstarb, ging es ihr gesundheitlich noch gut. «Aber in meinem Alter kann das schlagartig ändern.» Und mit dem Einzug ins Pflegeheim zuwarten, bis es ihr schlechter gehe, wollte sie nicht. Dann bestünde das Risiko, dass man auf die Schnelle irgendwo unterkommen müsse und keinen Einfluss auf den Ort der Bleibe hätte. «Ich war mir bewusst, dass ein Umzug früher oder später anstehen und einiges von mir abverlangen würde», sagt sie. Deshalb zog sie im vergangenen Sommer in eine Zweizimmerwohnung im Westside. Hier habe sie alles, was sie brauche in der unmittelbaren Umgebung. Unter anderem der gute ÖV-Anschluss ist der Besitzerin eines Generalabonnements wichtig. Trotz aller Unabhängigkeit schätzt sie es, dass sie im Notfall nur einen Knopf drücken muss, damit jemand vom Pflegepersonal kommt.

Der 80-jährige Mosimann ist bereits das zweite Mal in der Altersresidenz im Westside. Lange hat er mit seiner Frau in einem Reihenhaus in Münchenbuchsee gelebt. Doch nachdem sie vor rund acht Jahren an Krebs erkrankte und daraufhin sehr pflegebedürftig war, mietete Mosimann hier eine Alterswohnung – ohne seiner Frau etwas zu sagen. «Sie war zu verwurzelt in Münchenbuchsee und hätte niemals eingewilligt.» Zwei Tage habe sie nicht mehr mit ihm geredet, nachdem sie realisiert habe, dass er sie ins Heim bringe. «Etwas später sagte sie mir dann, wie gut die Idee war, hierher zu kommen», sagt Mosimann und schmunzelt. Neun Monate pflegte er sein Frau, bevor sie starb. Danach kehrte Mosimann nach Münchenbuchsee zurück. Bis er im letzten Juni in eine Alterswohnung gezogen ist. Das Altersheim in Münchenbuchsee war für ihn keine Option. Dort gebe es nur Angebote mit umfassender Pflege. «Für so was geht es mir noch viel zu gut.»

Selbstständig und sicher

Die Beispiele zeigen, dass das Wohnen mit Dienstleistung bei älteren Menschen sehr attraktiv ist. Einerseits wird ihrem Bedürfnis nach Selbstständigkeit Rechnung getragen, andererseits gibt es ihnen die Sicherheit, dass im Notfall schnell Hilfe da ist. Doch das hat seinen Preis: Die Miete einer Ein- oder Eineinhalbzimmerwohnung kostet im Senevita Westside mindestens 3050 Franken mit täglichem Mittagessen. Weil die Ergänzungsleistungen der öffentlichen Hand aber höchstens 1100 Franken dieser Miete übernehmen, werden Betroffene mit kleinem Budget tendenziell länger zu Hause wohnen und zum Beispiel Spitexdienste in Anspruch nehmen; und erst dann in ein Pflegeheim eintreten, wenn ihre Pflegebedürftigkeit sie zu mehr Ergänzungsleistungen berechtigt. (Der Bund)

Erstellt: 06.02.2017, 07:52 Uhr

Die Nachfrage nach Pflegeheimplätzen nimmt ab

Den weitaus grössten Teil des Angebotes in den Berner Alters- und Pflegeheimen machen die sogenannten Pflegeheimplätze aus. Pflegeheimplätze definieren sich darüber, dass die Menschen umfassende Pflege und Versorgung in Anspruch nehmen. Diese Betagten sind pflegebedürftiger als die portraitierten Menschen im obigen Text. Im Kanton Bern stehen derzeit 14 100 Pflegeheimplätze zur Verfügung, erklärt Peter Keller, Geschäftsführer des Verbandes Berner Pflege-& Betreuungszentren. Diesen Plätzen stünden rund 2800 Wohnungen mit Dienstleistungen gegenüber.

Bei den 20 Heimen von Domicil ist dieses Verhältnis ausgeglichener. «Den 1000 Plätzen für die umfassende Pflege stehen 500 Plätze für das Wohnen mit Dienstleistungen gegenüber», sagt die Vorsitzende der Direktion von Domicil, Andrea Hornung. Bei Senevita sei die Verteilung gemäss Geschäftsführer Hannes Wittwer etwa 50:50. Wobei nur rund die Hälfte der 26 Heime von Senevita im Kanton Bern angesiedelt sind.
Zurzeit sind im Kanton Bern nicht alle Pflegeheimplätze belegt. «Die durchschnittliche Auslastung der Berner Alters- und Pflegeheime ist in den letzten drei Jahren gesunken und beträgt derzeit rund 92 Prozent», sagt Keller. Insbesondere die Stadt Bern sei davon betroffen. So gebe es nur noch in wenigen Heimen Wartelisten.

Erfolgsfaktor Gemeinnützigkeit

Andrea Hornung kann diesen Trend für die Heime von Domicil nicht bestätigen. Im letzten Jahr hätten sie eine Auslastung von 97 Prozent ausgewiesen. Es gebe bei ihnen zwar keine Warteliste, aber eine Datenbank mit Adressen von über 3000 Personen, die informiert würden, wenn ein Platz in einem der Domicil-Häuser frei sei. Dass Domicil, der mit 35 Prozent Marktanteil grösste Pflegeheim Anbieter in der Stadt Bern, derweil auf grössere Nachfrage trifft als der Durchschnitt der Heime, überrascht Hornung nicht. Sie führt es auf die gemeinnützige Investorenschaft zurück, die sich aus Vereinen, Stiftungen und der Stadt Bern zusammensetzt. «Das garantiert, dass allfällige Gewinne in die Dienstleistungen und in die Infrastruktur reinvestiert werden, was Mitarbeitenden und Bewohnern zugutekommt», so Hornung. Auch bei Senevita sei die Auslastung der Pflegebetten «deutlich über 95 Prozent», allerdings würden die Wartelisten zunehmend verschwinden, sagt Wittwer. Die überdurchschnittliche Auslastung dieser beiden Anbieter ändert nichts daran, dass die Nachfrage nach Pflegeheimplätzen derzeit zurückgeht.

Die Gründe für diesen Trend sind gemäss Keller vielfältig. Ein Grund sei der starke Ausbau von Spitex und anderen privaten Anbietern von Pflegedienstleistungen. Auch das Angebot Wohnen mit Dienstleistungen habe stark zugenommen. Diese Alternativen zum Alters- und Pflegeheim würden dazu führen, dass Betroffene länger zuwarten, bis sie ein Heim aufsuchen. Dadurch habe die durchschnittliche Aufenthaltszeit im Heim in den letzten Jahren abgenommen und würde heute durchschnittlich noch 2,5 Jahre betragen, sagt Keller.

Pflegeheim ist kein Auslaufmodell

Auch das Durchschnittsalter der Bewohner habe sich aufgrund des medizinischen Fortschritts und der gestiegenen Lebenserwartung erhöht. «War vor einigen Jahren die durchschnittliche Heimbewohnerin noch etwa 77 Jahre alt, ist sie heute 86», so Keller. Trotz dieser Entwicklung werde die Babyboomer-Generation zu einem Anstieg der Auslastung führen. «Langfristig ist aber offen, wie sich die Belegung entwickeln wird.» Pflegeheime werde es auch in Zukunft brauchen, weil ab einer gewissen Anzahl Pflegestunden pro Tag eine Betreuung zu Hause etwa durch Leistungen der Spitex nicht mehr effizient sei, meint Keller.

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