Kanton unterstützt Gratistests für illegale Substanzen

Künftig testet das Kantonsapothekeramt in Bern wöchen­tlich Partydrogen 
auf ihren Reinheitsgehalt. Selbst Konservative können mit dem Angebot leben.

Ecstasy: Kleine Pille, grosse Wirkung.

Ecstasy: Kleine Pille, grosse Wirkung. Bild: Peter Lauth

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Sie haben meist klingende Namen wie Mitsubishi, Superman oder Rolex. Wenn man sie einnimmt, erwachen die Beine, klingt die Musik besser, und auch der Fremde scheint plötzlich netter. Ecs­tasy-Tabletten, von solchen ist hier die Rede, bergen aber auch Risiken. Im besten Fall bleibt es bei einem üblen Kater am Folgetag; im schlimmsten Fall droht eine akute Überhitzung, die tödlich enden kann. Wer trotzdem nicht auf den Rausch verzichten will, hat ab nächster Woche immer mittwochs zwischen 18 und 20 Uhr die Gelegenheit, illegale Substanzen wie Ecstasy, Speed und Kokain auf den Reinheitsgrad testen zu lassen.

Das Pilotprojekt unter dem Namen Drogeninfo Bern Plus (DIB+) wurde von der Suchthilfestiftung Contact-Netz ins Leben gerufen und wird von den auf Nachtleben spezialisierten Sozialarbeitern von «Rave it safe» umgesetzt. Gestern informierten die Verantwortlichen die Medien und Vertreter von interessierten Organisationen über den «Meilenstein» in der Berner Drogenarbeit, wie es Jakob Huber, Geschäftsleiter Contact-Netz, ausdrückte.

«Kein Gütesiegel für Drogendealer»

Im Gespräch mit dem «Bund» versucht Huber mögliche Kritikpunkte gleich auszuräumen. «Wir verteilen sicher keine Gütesiegel für Drogendealer», sagt er. Die Erfahrungen mit Drug-Checking zeigten, dass das Angebot nur von Konsumenten genutzt werde. Auch der Vorwurf, Drogentests würden potenziellen Konsumenten Sicherheit vorgaukeln und so zum Drogenkonsum animieren, weist Huber zurück. «Studien zeigen: Je besser jemand über die Risiken von Drogen informiert ist, desto vorsichtiger findet ein allfälliger Konsum statt.» Eine Drogenpolitik, die eine abstinente Gesellschaft zum Ziel habe, sei zum Scheitern verurteilt. «Suchtmittel sind omnipräsent – ob wir das wollen oder nicht.» Sinnvolle Drogenarbeit müsse deshalb den Menschen «Konsumkompetenz» vermitteln und somit Risiken und Schäden vermindern. Dies sei das «oberste Ziel» von DIB+. Wie Huber aus­serdem betont, verursacht das vorerst auf drei Jahre beschränkte Pilotprojekt für den Kanton keine neue Kosten.

Neu ist Drug-Checking nicht. In Zürich existiert mit dem Drogeninformationszentrum ein vergleichbares Projekt. In Bern gab es solche Drug-Checkings bisher bloss in sehr unregelmässigen Abständen an ausgesuchten Partys. Drug-Checking biete die Möglichkeit, mit Freizeitkonsumenten in Kontakt zu treten, sagt Huber. An einem Ort «abseits von Rauch und lauter Musik» sei aber das zum Test gehörende obligate Gespräch zielführender. «Auch sind längst nicht alle Partydrogen-Konsumenten an Partys anzutreffen.»

Die Federführung des neuen Angebots liegt beim Contact-Netz. Die Sub­stanzanalyse wird indes vom Kantonsapothekeramt des Kantons Bern vorgenommen. «Ich sehe es als öffentliche Verantwortung, dass man die Bürger über die Risiken der Substanzen informiert», sagt Amtsvorsteher Samuel Steiner. Er glaube auch nicht, dass solche Tests eine animierende Wirkung hätten. Im Gegenteil, mit den Tests zeige man auf, dass die Zusammensetzung und Konzentration der Tabletten extrem schwanke. «Wer Ecstasy schluckt, macht sich zum Versuchskaninchen», sagt er. Das gelte auch für getestete Pillen. «Wir können keine Vollanalyse machen, wir können nur den Hauptwirkstoff und grös­sere Verunreinigungen bestimmen.» Selbst Pillen mit demselben Logo und demselben Aussehen hätten bisweilen völlig unterschiedliche Inhaltsstoffe.

Studer: Besser «saubere» Drogen

Das Pilotprojekt stösst selbst bei konservativen Suchtexperten kaum auf Widerstand. Ueli Studer, SVP-Grossrat und Stiftungsratspräsident der Suchthilfestiftung Berner Gesundheit, betont zwar, dass auch der Konsum von reinen Drogen «die Persönlichkeit verändert». Ein Reinheitstest sei dennoch begrüssenswert. «Denn auch ohne solche Tests werden Drogen konsumiert», sagt er. Es sei deshalb besser, die Leute konsumierten «saubere» Drogen als solche mit gefährlichen Verunreinigungen. Wichtig sei hingegen, dass die Drogentests mit einer professionellen Präventionsberatung verknüpft seien.

Skeptischer äussert sich Ruedi Löffel, EVP-Grossrat und Leiter der Fachstelle Prävention beim Blauen Kreuz. «Ein solches Angebot kann sehr wohl Leute zum Drogenkonsum animieren», sagt er. Ängstliche Personen verzichteten gemäss Löffel gerade wegen möglicher Verunreinigungen auf den Konsum von Ecstasy. «Solche Tests geben diesen Personen eine falsche Sicherheit.» Gleichzeitig sei aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass Drug-Checking schon Schäden verhindert habe, indem damit der Konsum von speziell gefährlichen Tabletten verhindert worden sei. «Es ist halt ein Dafür und Dawider», sagt er. (Der Bund)

Erstellt: 21.08.2014, 08:07 Uhr

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