Junge Luchsin zum Abschuss freigegeben

Eine Luchsin hat im Kandertal sechs Schafe gerissen. Nun soll sie abgeschossen werden. Dabei sieht das Luchskonzept vor, dass Luchse erst abgeschossen werden dürfen, wenn sie 15 Schafe gerissen haben.

Das Luchsweibchen im Kandertal hat erst sechs Schafe gerissen - soll nun aber trotzdem abgeschossen werden.

Das Luchsweibchen im Kandertal hat erst sechs Schafe gerissen - soll nun aber trotzdem abgeschossen werden.

(Bild: Archiv)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

Eigentlich hätte die junge Luchsin in der Wildstation Landshut für die Freiheit fit gemacht werden sollen. Stattdessen ist sie nun gestört: Sie denkt, Schafe seien das einzig wahre Fressen. Das wird sie das Leben kosten.

Die Luchsin wurde im Herbst 2012 verwaist und abgemagert aufgefunden, wie das Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern (Lanat) mitteilt. Den Winter über wurde sie in der Wildstation Landshut in Utzenstorf aufgepäppelt. Im Mai wurde sie mit einem Sender markiert und bei Diemtigen im Berner Oberland ausgesetzt. Seither hat sie auf drei Schafweiden in der Gemeinde Kandergrund sechs Schafe gerissen. Deshalb hat das Jagdinspektorat des Kantons Bern die junge Luchsin zum Abschuss freigegeben. Das ist bemerkenswert. Denn: Gemäss dem Konzept Luchs Schweiz darf ein Luchs erst dann zum Abschuss freigegeben werden, wenn er innerhalb eines Jahres mindestens 15 Nutztiere gerissen hat. Der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig sagt, bei der Luchsin im Kandertal handle es sich um einen besonderen Fall. «Wir kennen die Geschichte dieser Luchsin. Es macht keinen Sinn zu warten, bis sie 15 Schafe gerissen hat.»

Normalerweise genügt ein Zaun

Üblicherweise reiche ein gewöhnlicher Elektrozaun, um die Schafe vor den Luchsen zu schützen, sagt Schnidrig. «Ein normaler Luchs jagt Wild und macht sich nicht die Mühe, sich einen Weg ins Schafgehege zu suchen.» Bei der Luchsin im Kandertal ist das anders: Sie hat sich «auf Schafe spezialisiert», wie das Lanat schreibt. Schnidrig vermutet den Grund dafür in der Art und Weise, wie die Luchsin in der Wildstation Landshut gehalten wurde. «Entgegen unseren Empfehlungen hat sie freie Sicht auf das benachbarte Schafgehege gehabt», sagt er. «Das hat sie fehlgeprägt.» Mit Blick auf den Bestand sei der Abschuss dieses einen Tiers kein Problem, sagt Schnidrig. «Wir haben einen guten Bestand, der weiter wächst», sagt er.

«Wilderer nicht belohnen»

Warum aber werden verwaiste Jungluchse überhaupt aufgepäppelt? Oder anders gefragt: Ist die Fehlprägung der Luchsin im Kandertal ein Indiz dafür, dass es falsch ist, verwaiste Luchse in Gefangenschaft aufzuziehen? «Nein», sagt Schnidrig. Zum einen sei dies der erste Fall dieser Art. In den vergangenen zehn Jahren sei rund ein halbes Dutzend Luchse erfolgreich aufgepäppelt und ausgesetzt worden. Auch solche aus der Wildstation Landshut, die in anderen Gehegen, nicht direkt neben den Schafen, gehalten wurden. Zum anderen gebe es einen politischen Grund, verwaiste Luchse nicht verhungern zu lassen: «Wir gehen davon aus, dass der grösste Teil der Jungluchse verwaist ist, weil die Mutter illegal abgeschossen wurde», sagt Schnidrig. «Das dürfen wir nicht belohnen, indem wir die Jungtiere auch noch verhungern lassen.»

Der Bund

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