Jugendamt schliesst Schlössli Ins

Wegen eines unlösbaren Streits zwischen Stiftung, Trägerverein und Heimleitung sei «das Wohl der Kinder infrage gestellt». 20 Kinder mit schwierigem Hintergrund verlieren ihre Ersatzheimat.

In der Schul- und Heimgemeinschaft Schlössli in Ins leben 20 Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen.

In der Schul- und Heimgemeinschaft Schlössli in Ins leben 20 Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen. Bild: Adrian Moser

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Schon vor zwei Wochen machten Gerüchte die Runde in Ins. Gestern Morgen bestätigten sie sich dann: Die über 50 Mitarbeitenden und fast 60 Schülerinnen und Schüler der Schul- und Heimgemeinschaft Schlössli Ins wurden über die bevorstehende Schliessung informiert. Die Nachricht traf die Betroffenen hart. Im Sekretariat konnte man nur mit Mühe die Tränen unterdrücken, und auf dem Schulgelände hängten die Kinder Plakate auf: «Wir wollen im Schlössli bleiben!» Auch eine Petition haben sie bereits lanciert.

Am Nachmittag wurden dann die Medien informiert. «Aufgrund der Entwicklungen kommt das Jugendamt zum Schluss, dass die Voraussetzungen zur Führung eines Heimbetriebs nicht mehr erfüllt sind und das Wohl der Kinder infrage gestellt ist», heisst es in der Mitteilung. Man entziehe dem Schlössli Ins deshalb per 5. Juli die Betriebsbewilligung. Ab sofort dürften keine Kinder mehr aufgenommen werden.

Zuvor hatte der Vorstand des Trägervereins Schlössli Ins beschlossen, per Ende März geschlossen zurückzutreten und die Heimleiterin auf diesen Zeitpunkt freizustellen. Auch die sechsköpfige Geschäftsleitung ist entschlossen zu kündigen. «Das drohende Führungsvakuum ist mit grossen Unsicherheiten für die Kinder und Mitarbeitenden verbunden, ein stabiler Heimbetrieb unter den gegebenen Umständen ist nicht absehbar», schreibt das Jugendamt.

Das Schlössli Ins ist eine weit herum bekannte, nach anthroposophischen Grundsätzen geführte Institution. Betreut werden vor allem Kinder und Jugendliche, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihrer Familie leben können. Ausserdem besuchen externe Kinder die Schlössli-Schule. Gegründet wurde sie vor 60 Jahren von Ruth («Müeti») und Robert («Ätti») Seiler.

Seilers kämpfen gegen neuen Stil

Zwischen der Stiftung Seiler auf der einen und dem Vorstand des Trägervereins Schlössli Ins sowie der Geschäftsleitung auf der anderen Seite brodelt es schon länger. Zu einem ersten Eklat kam es im Sommer letzten Jahres, als die Schlössli-Führung Ueli Seiler als Leiter des angegliederten Seminars für Sozial- und Heimpädagogik fristlos entliess . Ueli Seiler ist ein Sohn des Gründerehepaares und hatte das Schlössli während 34 Jahren geleitet. Der 71-Jährige ist zudem Präsident der Stiftung Seiler, der die rund 20 Schlössli-Gebäude gehören. Er und ein Teil der Belegschaft haben das Heu aber offenbar nicht auf der gleichen Bühne wie Gesamtleiterin Elisabeth Steiner und die Geschäftsleitung.

Für Ueli Seiler gibt sein Bruder Michel Seiler Auskunft. Er spricht von einem «zerrütteten Verhältnis» zwischen der Heimleitung und einem «grossen Teil» der Mitarbeitenden. An die Stelle der Basisdemokratie sei eine Hierarchie getreten, die Heimleitung lebe den anthroposophischen Grundsätzen nicht mehr nach, und plötzlich gelte es als unprofessionell, wenn Betreuer und Kinder im gleichen Haus wohnten. «Das Klima ist vergiftet», sagt Seiler.

Die Gebrüder Seiler wollen jedoch nicht aufgeben. «Der Schliessungsentscheid muss rückgängig gemacht werden», fordert Michel Seiler. Sie hätten bereits Ideen für einen Neuanfang gehabt und auch schon einen qualifizierten neuen Heimleiter gefunden.

Keine «Husch-husch»-Lösung

Von einer Weiterführung des Betriebs will Andrea Weik jedoch zumindest vorerst nichts wissen. «Es braucht jetzt einen Schnitt», sagt die Vorsteherin des Jugendamts. Die beiden Lager stünden sich derart unversöhnlich gegenüber, dass selbst externe Mediationen nichts gebracht hätten. Seilers hätten aber das Recht, ein neues Bewilligungsgesuch einzureichen. Man werde jedoch nicht «husch, husch» einen Weiterbetrieb bewilligen, sondern nur ausgereiften Lösungen zustimmen. Ob das Schlössli je wieder als Schulheim in Betrieb genommen wird, ist derzeit also völlig offen.

Gesamtleiterin Elisabeth Steiner gab gestern keine persönliche Stellungnahme ab, und vom Trägerverein war niemand erreichbar.

Unverständnis herrscht zumindest bei einem Teil der Eltern: «Es ist egal, was für Probleme der Präsident einer Stiftung mit dem Vorstand hat, es gibt immer Lösungen», sagt ein betroffener Vater dem «Bund». Entscheidend sei, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Denn: «Die Beteiligten haben eine Verantwortung gegenüber den Kindern, Eltern, Lehrern, Auszubildenden und Angestellten der aussenstehenden Betriebe.»

Derzeit werden im Schlössli 57 Kinder und Jugendliche betreut. 9 sind Lehrlinge, die ebenfalls im Schlössli wohnen, 9 weitere externe Schüler. Für 20 Kinder muss eine Anschlusslösung gefunden werden. Die übrigen Heimbewohner hätten das Schlössli Ins Ende Schuljahr sowieso verlassen. (Der Bund)

Erstellt: 31.01.2014, 12:43 Uhr

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