«Jocham hat zwar alle Macht, aber nicht den Mut»

Zu wenig Verzicht, zu wenig Wille zur Entscheidung: Die Reaktionen auf die ambitionierte Strategie des Inselspitals fallen verhalten aus.

Es wird umgebaut, nicht nur an den Gebäuden, sondern auch strategisch: Blick auf das Inselareal.

Es wird umgebaut, nicht nur an den Gebäuden, sondern auch strategisch: Blick auf das Inselareal. Bild: Franziska Rothenbühler

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Der Anspruch ist hoch: Sie möchte eine der «weltweit führenden Spitalgruppen für universitäre und integrierte Medizin» werden, hält die Insel-Gruppe in ihrer neuen Strategie fest. Doch das entlockt Gesundheitsökonom Heinz Locher nur ein müdes Lächeln. «Management by Känguruh» sei das. Die Ankündigung grosser Sprünge mit leerem Beutel sei eine eher unglückliche Form des Marketings.

Der Kanton Bern sei kein ETH-Standort und habe auch kein Geld, sagt Locher. Die Universitätsspitäler der ETH-Standorte Lausanne und Zürich spielten da in einer anderen Liga. Sie seien in manchen Bereichen durchaus von Bedeutung, indem sie Massstäbe in der Forschung setzten. «Das Berner Inselspital kann und muss das auch gar nicht», sagt Locher.

«Schritt in die richtige Richtung»

Der langjährige Kenner der kantonalbernischen Spitalszene vermisst in der Strategie eine Verzichtsplanung. In Strategien gehe es zwar auch um Ziele, sagt Locher. Eine gute Strategie enthalte aber eben immer auch einen Verzichtsplan. «Man sollte beim Inselspital doch dazu stehen, dass man kleinere Brötchen backt.»

Trotz der grossspurigen Ankündigung von Insel-Chef Uwe Jocham überwiegen für Locher aber die positiven Aspekte der Strategie. «Es ist ein Schritt in die richtige Richtung.» Insbesondere der Verzicht auf einen Spitalneubau im Tiefenau, der dort vorgesehene Aufbau eines Rehabilitationsangebotes und das Bestreben nach einer klareren Ausrichtung der Landspitäler sei begrüssenswert.

Gerade bei den Landspitälern fehle es aber offenbar am Willen, letztlich unvermeidbare Entscheidungen umzusetzen. «Uwe Jocham hat zwar alle Macht, aber nicht den Mut», sagt Locher unter Anspielung auf die viel kritisierte Doppelfunktion Jochams als Verwaltungsratspräsident und CEO der Insel-Gruppe.

Das Altersheim Belp zum Beispiel hätte verkauft werden müssen. Und in Münsingen brauche es schlicht kein Akutspital mehr. «Den Standort kann man nicht kostendeckend betreiben.» Münsingen liege zu nahe bei der Stadt Bern, die grosse Überkapazitäten aufweise. Zudem handle es sich bei der Bevölkerung der Aaretal-Gemeinde meist um Pendlerinnen und Pendler, die einst in der Stadt gewohnt haben.

In Bezug auf Riggisberg ist Locher weniger streng. Zwar weise auch das Spital in Riggisberg mittel- bis längerfristig eine zu grosse Dimension auf. Angesichts der beschränkten Kapazitäten der Hauspraxen in der Region sei es aber durchaus in Ordnung, weiterhin eine Grundversorgung im Landspital sicherzustellen.

Auf die Dauer sei in Riggisberg aber ein Rückbau in ein Gesundheitszentrum nach dem Vorbild Meiringens wohl unvermeidlich. Das einzig rentable Landspital der Insel-Gruppe sieht Locher in Aarberg. Es handle sich um ein «Bezirksspital mit Strassenkreuzung» und entsprechend ausgebauter Unfallchirurgie. «Das Spital Aarberg ist seit jeher versorgungsrelevant», sagt Locher.

«Was heisst das konkret?»

Zurückhaltender fällt die Reaktion der Politik aus. Grossrat Hans-Peter Kohler (FDP), Präsident der Gesundheits- und Sozialkommission, stellt fest, dass der Begriff der «abgestuften Versorgung» keine Erwähnung in der Strategie mehr findet.

Das Konzept besagte, dass im Inselspital primär jene Eingriffe vorgenommen werden, für welche die Landspitäler nicht mehr oder ungenügend ausgerüstet sind. Stattdessen sollen nun für jedes Spital «Standortstrategien» entwickelt werden. «Was heisst das konkret?», fragt sich Kohler. In dieser Hinsicht vermisse er genauere Angaben, sagt der Kommissionspräsident. (Der Bund)

Erstellt: 30.08.2018, 21:15 Uhr

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