«Jetzt sind die Heime gefordert»

Das Psychiatriezentrum Münsingen (PZM) zog bei der Spardebatte den Schwarzen Peter. Pflegeheime, die besser weggekommen seien, müssten jetzt Verantwortung tragen, verlangt Direktor Rolf Ineichen.

Rolf Ineichen will den Sparauftrag im Psychiatriezentrum Münsingen umsetzen, sagt aber: «Das Ziel ist sehr hoch gesetzt.»

Rolf Ineichen will den Sparauftrag im Psychiatriezentrum Münsingen umsetzen, sagt aber: «Das Ziel ist sehr hoch gesetzt.»

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Ein gutes neues Jahr, Herr Ineichen. Freuen Sie sich überhaupt auf 2014?
Ja, denn jetzt wissen wir, was gemacht werden muss. Ein Mitarbeiter hat es so gesagt: «Unsere Aufgabe ist klar, jetzt geht es darum, sie umzusetzen.» Das ist unsere Haltung.

Das Kantonsparlament hat der Psychiatrie Sparmassnahmen aufgebrummt. 11,6 Millionen Franken, davon 6,6 Millionen bei der Versorgung von Langzeitpatienten. Wie viel müssen Sie in Münsingen einsparen?
Dieses Jahr insgesamt 4,6 Millionen.

Müssen Sie Personal entlassen?
Im Moment kann ich das noch nicht sagen. Wir arbeiten daran, konkrete Sparmassnahmen zu planen. Sicher ist schon, was das bei den Langzeitpatienten heisst. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass sie bei uns bleiben können. Die Politik hat anders entschieden. Das haben wir jetzt umzusetzen, wir haben keine andere Wahl. Aber es wird uns hart treffen.

Was passiert jetzt mit diesen psychiatrischen Härtefällen?
Wir sind daran, für sie Plätze ausserhalb des PZM zu suchen. Wir haben uns das Ziel gesetzt, dass wir den Aufwand für diese Gruppe bis Ende Jahr von aktuell 25'000 auf 15'000 Pflegetage senken wollen. Das Ziel ist sehr hoch gesetzt.

Vor dem Parlamentsentscheid hiess es, für diese Patienten gebe es kaum Alternativen. Gibt es diese Plätze?
Kaum. Jetzt sind aber die Alters- und Pflegeheime gefordert. Das Parlament hat in zwei Richtungen entschieden: bei den Langzeitpatienten zu sparen, aber nicht bei den Alters- und Pflegeheimen. Die Heime müssen jetzt ihren Teil des politischen Entscheids übernehmen. Einzelne Angebote von Heimen haben wir erhalten. Wir wissen, dass es eine gute Vernetzung braucht, damit die Aufgabe machbar ist. Daran arbeiten wir seit Jahren.

Die Parlamentarier nahmen den Kanton in die Pflicht, solche Plätze zu schaffen. Sie auch?
Diese Forderung haben wir schon vor langem gestellt. Aber die Aufgabe ist auch für die Gesundheitsdirektion nicht einfach. Die Psychiatrie hat eine Aufnahmepflicht, nicht so die Pflegeheime. Die Heime zu verpflichten, alle Patienten aufzunehmen, ist politisch nicht so einfach. Ausserdem käme es auch nicht gut. Es braucht motivierte Heime, damit diese Bewohner gut betreut werden.

Nur, wer zahlt das? Bisher sprang der Kanton ja in die Lücke.
Ja, aber auch wenn diese Langzeitpatienten in Heimen platziert werden können, gibt es ein Finanzierungsproblem. Ihre Betreuung ist mit grossen Kosten verbunden. Der Kanton hat im Rahmen eines Programms erst drei Plätze für solch schwer zu vermittelnde Patienten geschaffen. Doch auch dort gibt es Kostengrenzen.

Ein Grund, weshalb das Parlament der Psychiatrie neue Sparmassnahmen auferlegt hat: 196 Millionen kosten die Kliniken pro Jahr. Zu viel?
Die Frage ist: Will man den Bedarf abdecken, den es gibt? Letztes Jahr hatten wir wieder über 2000 Klinikeintritte hier in Münsingen – das ist die zweithöchste Zahl in der Geschichte des PZM. Will man diese Patienten nicht mehr aufnehmen? Aber: Gleichzeitig hatten wir vergangenes Jahr auch weniger als 100'000 Pflegetage – zum ersten Mal seit Jahren. Die Patienten sind deutlich weniger lange in der Klinik.

Die Psychiatrie musste in den letzten zwei Jahren schon sparen. Warum kommen immer Sie dran?
Es ist klar, dass die Psychiatrie keine Lobby hat. Psychische Krankheit ist ein Tabu. Schriftsteller Robert Musil schrieb, psychisch Kranke litten nicht nur unter einer minderwertigen Gesundheit, sondern auch unter einer minderwertigen Krankheit. Die Politik ist auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Komponente.

Nervt es Sie, dass andere beim Sparen mit starkem Lobbying davongekommen sind?
Es irritiert mich. Da sind wir in einer staatspolitischen Diskussion. Ist das noch demokratisch? Gehört zur Demokratie nicht auch der Minderheitenschutz? Gesellschaftspolitisch war es kein Lehrbeispiel, dass jene, die am lautesten schrien, bekamen, was sie wollten, und die Schwächsten darben müssen.

Das Psychiatriezentrum Münsingen wurde mit der Qualitäts-Zertifizierung «4-Sterne-Anerkennung für Excellence» ausgezeichnet. Wofür?
Zuerst einmal sind wir sehr stolz. Wir sind das erste Spital im Kanton Bern, das eine solch hohe Auszeichnung erhält. In der ganzen Schweiz gehören wir zu ganz wenigen Kliniken mit einer solchen Zertifizierung. Zertifiziert wurden unsere Denkweise, unsere Haltung und unsere Arbeitsweise. Die Stiftung EFQM weist aus, dass wir sehr gut arbeiten; Münsingen denkt und arbeitet vernetzt und setzt seine Aufträge um.

Was bringt das den Patienten?
Alle diese Aspekte kommen am Ende natürlich den Patienten zugute. Auch die Rückmeldungen von Patientenbefragungen zeigen, dass diese mit unserer Arbeit sehr zufrieden sind. Im schweizweiten Vergleich schneiden wir sehr gut ab.

Die Klinik Münsingen macht die Arbeit also besser, als die Parlamentarier meinen?
Dass wir gute Arbeit machen, ist jetzt jedenfalls von unabhängigen Experten bestätigt worden.

Stellt der Spardruck die Qualität infrage?
>Diese Qualitätszertifizierung sagt uns, dass wir im PZM unsere Prozesse im Griff haben. Wir hoffen, dass wir dank diesen Anstrengungen auch die Sparmassnahmen gezielt umsetzen können. Wir haben unseren Versorgungsauftrag immer mit den zur Verfügung stehenden Mitteln erfüllt. Bei den Angestellten ist die Zitrone aber ausgepresst. Wollen wir mehr sparen, müssen wir unsere Angebote einschränken. Sorgen macht uns auch, dass wir neben dem Sparen auch noch weitere politische Vorgaben umsetzen sollen.

Die Verselbstständigung.
Das ist das eine. Wir sollen ausserdem eine Fusion mit den Universitären Psychiatrischen Diensten (UPD) prüfen. Beides gleichzeitig ist aber nicht möglich.

Die Psychiatrie aus der Verwaltung auszugliedern, ist in ihrem Sinn.
Ja. Damit können wir unternehmerisch handeln.

Die Spitäler sind schon AGs. Geht Markt auch mit der Psychiatrie zusammen?
Nicht, wenn man damit Gewinn und eine grosse Rendite meint. Aber man kann die Klinken unternehmerisch führen. Die Idee ist, die Psychiatrie wettbewerbsfähig zu machen und dass die Kliniken einen Anreiz haben, effizienter zu werden. Das befürworten wir.

Von einer Fusion halten Sie nichts?
Zumindest nicht im vorgesehenen Tempo bis ins Jahr 2017. Wir arbeiten gut mit den UPD zusammen. Doch der Gesetzgeber verlangt von uns unternehmerisches Denken. Daher sollten wir den Entscheid, ob wir zusammengehen wollen, auch selber treffen können.

Der Bund

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