«Jedes Unternehmen würde in Konkurs gehen»

Politischer Aktivismus löse die Probleme in der Sozialhilfe nicht, sagt Adrian Vonrüti, Vorsteher des Sozialamts in Langenthal. 


«Für einzelne Leute extrem viel Aufwand»: Andreas Vonrüti.

«Für einzelne Leute extrem viel Aufwand»: Andreas Vonrüti.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Matthias Raaflaub

Herr Vonrüti, heute diskutiert der Grosse Rat wieder über neue Vorstösse zur Sozialhilfe. Sind Sie die politischen Diskussionen darüber langsam leid?
Das ist eine gefährliche Frage. Aber es ist so. Bei den Diskussionen über die Höhe der Sozialhilfe, über Missbrauch und Sozial­hilfeinspektion und die ganze Geschichte um die Kesb in den letzten Wochen habe ich zwischendurch schon das Gefühl gehabt, dass es einmal reicht. Im Hinblick auf die Nationalratswahlen ist die Sozialhilfe wieder ein Thema. Da hat man den Eindruck, dass vieles mehr politischer Profilierung dient, als dass es zum Ziel hat, die Sozialhilfe wirklich zu verbessern. Dabei sind wir ja nicht der Meinung, alles sei bestens.

Was meinen Sie damit?
Die Fragen, die sich um die Sozialhilfe drehen, sind immer sehr einzelfall­bezogen. Wir haben auch viel Verständnis dafür, dass die stetig steigenden Sozial­hilfeausgaben und Beiträge in den Soziallastenausgleich für die Gemeinden nicht unproblematisch sind. Die Frage ist: Wie bekommen wir das in den Griff? Dort sind wir uns wohl nicht immer einig. Mit einem Angriff auf die Skos und die Skos-Richtlinien haben wir das Prob­lem nicht angepackt, das wir in unserer Gesellschaft haben.

Die Debatte um «Sozial-Irrsinn» 
hat auch im Kanton Bern Spuren hinterlassen. Orientiert sich die Politik an Skandalfällen?
Der BMW fahrende Sozialhilfebezüger, von dem man lange gelesen hat, beschäftigt uns in der Praxis kaum. Und die Beispiele von Gemeinden aus dem Kanton Zürich könnten im Kanton Bern so nicht geschehen. Sozialhilfe steht meist im Kontext von Familien und Kindern. Rund die Hälfte unserer Klienten ist unter 25 Jahre alt. Sozialhilfe wird von ­einer Generation auf die andere übergeben. Wir müssen den Leuten aus diesem Teufels­kreis heraushelfen. In Langenthal haben wir heute 700 Dossiers. Selbst wenn man die Sozialarbeitenden weg­rationalisieren wollte, ginge es diesen Menschen damit nicht besser.

Die Kürzung der kantonalen Sozialhilfeausgaben um 10 Prozent, die Motion Studer, ist noch nicht voll umgesetzt. Verstehen Sie, dass das Parlament sie angenommen hat?
Ja, natürlich muss ich das verstehen. Mir macht die Sozialhilfe ja eben auch Sorgen. Meine Hoffnung ist, dass die Umsetzung dieser Motion gewisse Spielräume offen lässt. Die einzigen gemeinsamen Richtlinien kantonsweise zu verändern, ist aber ein Eingriff in die Solidarität und führt zur Armenjagd alter Tage.

Auch der Grundbedarf wird gekürzt werden. Wie wird sich das in der Praxis bemerkbar machen?
Kennt man die persönlichen Schicksale in der Sozialhilfe, sieht man, dass es die Leute schon sehr hart treffen kann. Mir ist etwa ein Fall einer jungen Frau in Ausbildung bekannt. Sie hat das Pech, aus einer Familie zu kommen, die sogenannt sozial benachteiligt ist. Sie arbeitet – mehr als viele andere. Letztes Jahr hat man ihr auf die Verordnung des Kantons hin die Integrationszulagen kürzen müssen. Sie fiel aus allen Wolken. Für diese Frau sind 100 oder 200 Franken mehr pro Monat extrem viel Geld.

Man hat hören können, die Integrationszulagen würden auf den Sozialdiensten schon fast wie mit der Giesskanne verteilt.
Das stimmt nicht. Weil man die Zulagen auf 100 Franken gesenkt hat, ist es für unsere Sozialarbeiterinnen schwierig geworden, einen Klienten zu motivieren, in ein Integrationsprogramm zu fahren. Er arbeitet dort Tag für Tag, aber am Ende macht das nur 100 Franken mehr oder weniger aus.

Der Kanton Bern hat sich 2012 
bereits ein strenges Sozialhilfegesetz gegeben. Braucht es noch mehr Regelungen?
Ich habe Mühe, wenn es wie jetzt wieder gut gemeinte Vorstösse gibt. Schauen Sie, die Integrationszulage und die Einkommensfreibeträge, die man nun wieder senkt, führte man mit solchen Absichten ein. Und im Nachhinein stellt man fest, dass das zu Schwelleneffekten geführt hat. Es kann sein, dass jemand, der arbeitet, womöglich weniger im Portemonnaie hat als jemand, der Sozialhilfe bezieht. So etwas haben wir Sozialdienste aber auch nie gewollt.

Die FDP fordert eine obligatorische Arbeitsgegenleistung für Sozialhilfe. In Winterthur habe es sich bewährt, Sozialhilfebezüger in ein Arbeits-programm zu schicken.
In Langenthal haben wir das auch einmal geprüft. Unser Sozialdienstleiter und ich gingen damals persönlich nach Winterthur, weil wir uns dafür interessierten. Arbeit statt Fürsorge ist eine alte Diskussion. Man könnte auch sagen: Jeder Mensch muss das Recht auf Arbeit haben. Was wäre, wenn wir statt Sozialhilfe ein Erwerbseinkommen bereitstellen, wenn ein Sozialhilfebezüger für einen richtigen Lohn für die Gemeinde arbeitet?

Was war Ihre Erkenntnis?
Wir stellten fest, dass ein solches Projekt am Ende nur noch für einen ganz kleinen Teil der Sozialhilfebezüger taugt. Es gibt Leute, die aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitsfähig sind, eine allein­erziehende Mutter meint man ­dabei auch nicht, denn es hat auch gar nicht genug Kita-Plätze. Am Ende ging es um jene Leute, wo man sich echt fragt, ob sie kooperationsbereit und arbeitswillig sind. Das ist dann plötzlich auch nicht mehr ganz günstig. Dass die Sozial­hilfequote in Winterthur sank, hat damit zu tun, dass einige Leute dann einfach weggezogen sind. Das Problem hat man aber nicht gelöst.

Wie viele Prozent auf Ihrem Sozialamt sind nicht kooperativ?
Solche Zahlen geben immer viel zu reden. Etwa 2 bis 3 Prozent kooperieren nicht. Für diese Leute betreiben wir ­extrem viel Aufwand. Jedes Unternehmen, das sich auf eine so kleine Kundengruppe bezieht und dabei die 97 Prozent vergisst, würde in Konkurs gehen. Das ist das Problem in der Sozialhilfepolitik.

Die Skos prüft im Moment ihre Richtlinien.
Ich begrüsse dies. Ende Monat sollten wir die Resultate der Analyse des Grundbedarfs und des Anreizsystems erhalten.

Reagiert die Skos nur auf öffentlichen Druck?
Es ist nicht das erste Mal, dass sie die Ansätze überprüft. Selbstverständlich wird der öffentliche Druck eine Rolle spielen. Aber auch in den Sozialdiensten ist Druck entstanden, dass man die Richt­linien noch einmal anschauen muss. Bei uns gibt die Unterstützung der jungen Erwachsenen immer wieder zu reden. Da wird man mittelfristig eine bessere Lösung finden müssen.

Detailliertere Richtlinien?
Genau. Wir haben nur unsere Skos-Richtlinien, und diese sind nun einmal nicht wahnsinnig differenziert. Aber es gibt so viele verschiedene und differenzierte Problemstellungen auf den Sozial­ämtern.

Kommt man je wieder zu einem Konsens in der Sozialhilfe?
Ich kann es mir schlecht vorstellen. Dafür müssten wir zuerst über Werte und gemeinsame Verantwortung diskutieren.

Aber die Entwicklung der letzten Jah­re muss man in den Griff bekommen.
Wie man das schafft, ist schwer zu sagen. Am Ende wird der Sozialbereich immer etwa gleich viel kosten, egal wie man ihn finanziert. Wir müssten uns grundsätzliche Gedanken machen, wie wir mit einem Teil unserer Gesellschaft umgehen, der nicht in der Lage ist, zu arbeiten. Nicht weil diese Leute nicht arbeiten wollen, sondern weil unser Arbeits­markt ihnen nichts mehr bieten kann.

Der Bund

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