«Jedes Spital muss sich so verhalten»

Fremdkapital wird für Spitäler immer wichtiger. Investitionen mit fremden Mitteln zu finanzieren, wie es das Spital Emmental macht, dürfte auch bei anderen Krankenhäusern Schule machen.

Für die Spitalinfrastruktur gibt es bald keine Subventionen mehr.

Für die Spitalinfrastruktur gibt es bald keine Subventionen mehr.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Matthias Raaflaub

Aus der Not heraus wird das Spital Emmental zur Pionierin. Die Spitalgruppe finanziert den geplanten Neu- und Ausbau des Standorts Burgdorf für 145 Millionen Franken zu einem Teil über einen Bankenkredit, wie am Mittwoch bekannt wurde. Es ist das erste Mal, dass ein öffentliches Spital sich private Kredite holt, um zu bauen. Dies notabene nicht ganz freiwillig, denn der Kanton wollte für die Erneuerung der Spitalinfrastruktur keine Subventionen zahlen. Der Emmentaler Weg sorgt im bernischen Gesundheitswesen für Aufmerksamkeit. Denn während Spitäler bisher nicht als Bankkunden galten, wird die Bedeutung von Fremdkapital steigen. Die Zeiten der Subventionen sind nämlich vorbei.

Interlaken redet mit Banken

Die Spitalgruppe FMI (Frutigen-Meiringen-Interlaken) plant bereits einen ähnlichen Schritt. Man sei mit Banken und anderen Finanzierern in ersten Gesprächen, sagt Direktor Urs Gehrig auf Anfrage. Am Spital Interlaken wird derzeit ein neuer Notfall- und Operationstrakt gebaut. Gehrig rechnet mit einem Finanzierungsbedarf von 120 Millionen Franken bis 2018. Dafür erhielt die FMI-Gruppe noch Subventionen aus dem Spitalinvestitionsfonds, «einen Teil der Restfinanzierung wollen wir selber leisten», sagt Gehrig. Weil in der neuen Spitalfinanzierung die nötigen Investitionsgelder nur Tropf um Tropf ankommen, nämlich mit jedem behandelten Fall, plant die FMI für die Jahre 2015 und 2016 auch mit Fremdkapital. Angebote dazu seien von regionalen Banken und Grossbanken gekommen. In ersten Gesprächen seien die Institute «sehr wohlwollend» gewesen.

Damit ist in gewisser Weise eine neue Ära eingeläutet worden. In Zeiten der kantonalen Subventionen standen Gewinnziele nicht im Vordergrund. Nun wird der Spitalinvestitionsfonds des Kantons definitiv geleert. Banken wollen eine Rendite sehen, und Spitäler müssen für fremdes Kapital Zinsen zahlen. «Das hat man bisher nicht so gekannt», sagt Gehrig. Aber er fügt an: «Fremdkapital ist an sich ja nichts Schlechtes, und Gewinn zu machen, ist für die Refinanzierung nun einmal nötig.»

«Ein Modell der Zukunft»

Beat Straubhaar, Präsident des Verbands der öffentlichen Spitäler des Kantons Bern (Diespitaeler.be), lobt die Emmentaler Spitalgruppe für ihren Schritt. «Das Regionalspital Emmental hat das mustergültig gemacht», sagt er zum eingefädelten Kreditdeal. «Die Leitung hat einen sauberen Finanzplan aufgestellt und aufzeigen können, dass die Investitionen refinanziert werden können. Das hat die Banken offensichtlich überzeugt.» Kommt der geplante Kreditvertrag zustande, so sieht ihn Straubhaar als Bestätigung für die Planungsarbeit des Spitals. «Die Banken wollen sich ja sicher sein, dass ihr Geld gut angelegt ist, und sind pickelhart.» Deshalb würden sie sehr genau prüfen, wie gut ein Spital positioniert sei. «Ein Modell der Zukunft», sagt Straubhaar. «Jedes Spital muss sich künftig so verhalten: Das Wichtigste ist, ein gutes Geschäftsmodell aufzustellen, das für Kreditgeber interessant ist.»

Dennoch vertrauen Spitäler wenn möglich noch auf ihre eigenen Gelder. Laut einer aktuellen Studie von PWC verfügen die Spitäler heute über so viel Eigenkapital wie seit 2007 nicht mehr. Das Inselspital hat bei seinen Grossprojekten bisher Beiträge des Kantons erhalten, aber nie auf private Kredite gesetzt. «Die Finanzstrategie der Inselspital-Stiftung sieht vor, dass Investitionen in erster Linie durch selbst erwirtschaftete Mittel finanziert werden müssen», teilt die Direktion mit. Auch für die Spital STS AG mit den Spitälern Thun und Zweisimmen wäre es ein Novum, Fremdkapital aufzunehmen. Das neue Notfallzentrum in Thun wurde ganz aus eigener Kraft finanziert. Auch für die anstehenden Projekte sei die Eigenfinanzierung sichergestellt, sagt Finanzchef Jürg Thöni. Ob Fremdkapital auch betreffend Zukunft des Spitals Zweisimmen ein Thema sein könnte, prüfe man derzeit.

Die Verschuldung bei Banken hat für Spitäler aber auch Risiken. Wer Fremdkapital aufnimmt, muss auch Zinsen bezahlen und Amortisationen leisten. Einen verlässlichen Businessplan auszuarbeiten, sei aktuell schwierig, so Thöni. «Die Tarife sind zurzeit erst provisorisch festgelegt, was die latente Gefahr birgt, dass Millionen an die öffentliche Hand und Versicherer zurückerstattet werden müssen.»

Geht das Projekt im Emmental aber erfolgreich aus, so würde es beweisen, dass auch periphere Spitalgruppen im Markt ihre Chancen haben – und zwar ohne Interventionen der Politik. Beat Straubhaar glaubt, dass sich privatwirtschaftliche Lösungen wie in Burgdorf kaum verwirklichen liessen, wenn die Politik in die Freiheit der Spitalleitungen eingreifen würde. Im Gegensatz dazu ist im Kanton Bern aber der Ruf nach mehr politischer Mitsprache im Spitalwesen in den letzten Monaten laut geworden. Vor dem Hintergrund der Schliessung der Geburtenabteilung in Riggisberg wurde der Entscheid, die Spitäler in autonome Aktiengesellschaften zu überführen, schon als «Fehler» bezeichnet.

Gesetzesgarantie per Initiative

Die Spitalstandortinitiative aus der Feder von Nationalrat Rudolf Joder (SVP) und den politischen Vertreterinnen und Vertretern mehrerer Gemeinden fordert ebenfalls eine Neuausrichtung der Spitalpolitik. Ihr Ziel ist es, Volk und Parlament wieder mehr Mitsprache zu geben. Die Verwaltungsräte der Spitäler könnten keine Angebote an den Spitälern abschaffen oder Standorte schliessen. Das stehe im Widerspruch zum erfolgreichen Modell im Emmental, sagt Straubhaar. «Das Spital Emmental zeigt eben auf, wie man sich im Markt bewegen muss.»

In der neuen Spitalfinanzierung werden mit jedem behandelten Fall auch Investitionsanteile abgegolten. Subventionen zahlen die Steuerzahler nicht mehr. Käme aber die Spitalstandortinitiative durch und müsste der Kanton Spitäler erhalten, so lägen die Risiken wieder beim Staat und beim Steuerzahler, sagt Straubhaar. «Genau das wollte man ja nicht mehr, als das neue Krankenversicherungsgesetz entstand.»

Mitinitiant Rudolf Joder verteidigt die Initiative. «Solche Kredite und die Initiative schliessen sich keinesfalls aus», sagt er. Das Gegenteil sei der Fall. Eine gesetzliche Garantie, dass ein Spital mittelfristig erhalten bleibe und nicht von der Spitalliste fallen könne, bedeute für die Banken mehr Sicherheit. «Eine solch grosse Sicherheit gibt es heute nicht.» Deshalb würden sie Fremdkapital bereitwilliger zur Verfügung stellen, glaubt er. Das Risiko bei Schliessungen trage schon jetzt der Kanton als Eigentümer. Ob Kreditgeber die Spitalinfrastrukturen im Eigentum des Kantons als Sicherheiten nutzen können, ist derzeit noch unklar.

Der Bund

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