In der «Steuerhölle» Bern wohnen immer mehr Reiche

Trotz Finanzkrise: Im Kanton Bern gibt es immer mehr Millionäre und Superreiche – nicht zuletzt, weil in den letzten Jahren viele Personen mit grossem Vermögen ihre Zelte im Kanton Bern aufgeschlagen haben.

Der als «Steuerhölle» verschriene Kanton Bern avanciert zum Hafen für Vermögende. Im Bild: Chaletlandschaft in Gstaad.<p class='credit'>(Bild: Adrian Moser (Archiv))</p>

Der als «Steuerhölle» verschriene Kanton Bern avanciert zum Hafen für Vermögende. Im Bild: Chaletlandschaft in Gstaad.

(Bild: Adrian Moser (Archiv))

Christoph Lenz@lenzchristoph

Der Reichtum der Berner wuchs in den letzten Jahren kräftig – zugleich öffnete sich im Kanton aber die Vermögensschere erheblich. 2010 verfügten die bernischen Steuerpflichtigen über ein Gesamtvermögen von gut 145 Milliarden Franken. Gegenüber 2005 entspricht dies einer Zunahme von 16,9 Milliarden.

Dieses Wachstum ereignete sich aber hauptsächlich dort, wo bereits viel Wohlstand besteht: Rund 85 Prozent der Wertsteigerung entfielen auf die reichsten 5 Prozent der Bevölkerung. Dies zeigt eine Auswertung des «Bund» von Daten der Steuerverwaltung des Kantons Bern für die Jahre 2005 bis 2010.

Oben hui, unten mau

Am anderen Ende der Skala sieht es weniger rosig aus: Die finanzielle Situation der breiten Bevölkerung hat sich kaum verändert. Wie schon 2005 besass auch 2010 jeder dritte Berner Null Vermögen. Und auch das «mittlere» Drittel der Bevölkerung, quasi der Mittelstand, kommt nicht vom Fleck. Hier ist das durchschnittliche Vermögen sogar leicht gesunken. Gewisse Elemente der beruflichen und privaten Altersvorsorge sind in diesen Zahlen aber nicht enthalten.

Die Entwicklung im Kanton Bern entspricht einem Trend, wie er in vielen Kantonen und auch auf Bundesebene zu beobachten ist. Auch im landesweiten Vergleich wuchs die Kluft zwischen Arm und Reich, wie aus der Vermögensstatistik der Eidgenössischen Steuerverwaltung hervorgeht. Der Trend scheint sich in Bern 2011 fortzusetzen. Die aktuellsten Daten sind aber nur begrenzt aussagekräftig, da noch unter 95 Prozent der Bevölkerung steuerlich veranlagt sind und einzelne, noch nicht erfasste «Überflieger» das Gesamtbild stark beeinflussen könnten.

700 besitzen ein Fünftel des Werts

Bereits die Jahre 2005 bis 2010 lassen erkennen, dass die Öffnung der Vermögensschere nicht durch einen Abstieg der Armen verursacht wurde. Die entscheidenden Prozesse spielten sich an der Spitze der Skala ab. Das heisst: Die Wohlhabenden haben nicht einfach ein grösseres Stück des Kuchens gerafft, wie die Linke gern behauptet: Vielmehr ist der Kuchen gewachsen. Vom neuen Stück erhielten die Vermögenden den grössten Teil, sie waren aber selbst auch massgeblich für das Wachstum besorgt.

Wer das Phänomen verstehen will, muss also die Spitze der Skala untersuchen. Hier offenbaren sich zwei für den Kanton Bern interessante Prozesse. Zum Ersten das Wachstum der Spitzenvermögen. Zwar erfassten die Folgen der Finanzkrise auch die hiesigen Schwerreichen, abgesehen von diesem Zwischentief aber wuchs das Vermögen aller Steuerpflichtigen mit über 10 Millionen Franken um gesamthaft 8,5 Milliarden Franken. Anders betrachtet: Besass der «oberste» Tausendstel der Bevölkerung 2005 rund 16 Prozent des gesamten Privatvermögens, waren es 2010 bereits knapp 20 Prozent.

Mit anderen Worten: Ein Fünftel des Vermögens der 642 000 bernischen Steuerpflichtigen verteilt sich auf rund 750 Köpfe und Portemonnaies. Wie sich die Verteilung des Vermögens in der Bevölkerung verändert hat, zeigen auch die Lorenzkurven in obiger Grafik.

Die Reichen kommen . . .

Das zweite Phänomen an der Spitze der Skala ist wesentlich interessanter: Offensichtlich ist der Kanton Bern für Schwerreiche attraktiv. Massgeblichen Anteil an der Vermehrung des Vermögens hatten nämlich Vermögende, die in den Jahren 2005 bis 2010 in den Kanton gezogen sind. Während in diesem Zeitraum nur 7 Personen mit Vermögen über 10 Millionen Franken den Kanton verliessen, wanderten 65 Personen derselben Vermögensklasse zu.

Prominentestes Beispiel ist die Familie Bertarelli, die 2007 den Wohnsitz vom Genfersee nach Gstaad verlegte. Laut einer Schätzung der Wirtschaftszeitschrift Bilanz verfügt allein sie über ein Vermögen von 10 bis 11 Milliarden. Wie viel davon im Kanton Bern versteuert wird, ist indes unklar.

Die Gründe, warum so viele Schwerreiche hierherpilgern, sind der Steuerverwaltung nicht bekannt. Am Niveau der Vermögenssteuer kann es nicht liegen. Verschiedene Erhebungen zeigen, dass diese im gesamtschweizerischen Vergleich auch nach der Vermögenssteuersenkung von 2008 eher im oberen Bereich liegt.

Auch anhand nationaler Daten lässt sich nicht erhärten, ob und – wenn ja – warum der oft als Steuerhölle verschriene Kanton Bern klammheimlich zu einem Hafen für Vermögende avancierte: Ob sich im innerschweizerischen Vergleich überdurchschnittlich viele Vermögende in Bern niederlassen, ist nämlich ungewiss. «Die Migration von Steuerpflichtigen von Kanton zu Kanton oder aus dem Ausland in die Schweiz ist nicht Bestandteil der Vermögenssteuerstatistik», sagt Thomas Brückner, Sprecher der Eidgenössischen Steuerverwaltung.

Zudem sind die zwei oben beschriebenen Phänomene – das Wachstum des Gesamtvermögens und die Zunahme der Personenzahl in den obersten Vermögensklassen – auch in etlichen anderen Kantonen der Schweiz eruierbar, teils in wesentlich stärkerem Ausmass als im Kanton Bern.

. . . die Steuern hinken hinterher

Der Wermutstropfen zum Schluss: Mehr Vermögen ist nicht gleichzusetzen mit mehr Steuereinnahmen. Zumindest entwickelten sich die beiden Kurven nicht proportional. Konkret: Obwohl das Gesamtvermögen der Schwer- und Superreichen im Kanton Bern seit 2005 um 41 Prozent wuchs, entrichteten die Reichsten lediglich 24 Prozent mehr Steuern.

Teils ist dies auf die Vermögenssteuerreform von 2008 zurückzuführen. Ferner erklärt die Steuerverwaltung diese Spreizung damit, dass die Zinssituation in den Jahren 2009 und 2010 schlecht war, was die Vermögenserträge minderte. Über den Mechanismus der Vermögenssteuerbremse reduzierten sich somit auch die Steuereinnahmen des Kantons.

In der Tat werden Vermögen, die wenig Ertrag abwerfen, im Kanton Bern vergleichsweise moderat besteuert. Die Reichen, die jüngst zuwanderten, haben sich also den richtigen Kanton ausgesucht – zumindest für die Jahre, in denen die Finanzkrise nachhallte.

Der Bund

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