«Im Frühling kam es für die Ärzte zum Eklat»

Die Ärztegesellschaft des Kantons Bern unterstützt die Spitalstandort-Initiative. Präsident Beat Gafner, selber Hausarzt in Niederscherli, erklärt die Befürchtungen der praktizierenden Ärzte.

«Wir verschliessen uns Änderungen nicht», sagt Beat Gafner.

«Wir verschliessen uns Änderungen nicht», sagt Beat Gafner.

(Bild: Valérie Chételat)

Matthias Raaflaub

Beat Gafner, die Ärztegesellschaft des Kantons Bern hat an ihrer Delegiertenversammlung beschlossen, die Spitalstandort-Initiative zur Annahme zu empfehlen. Wie kam es dazu?
Die Ärztegesellschaft des Kantons Bern (Bekag) diskutiert an ihrer Delegiertenversammlung über lancierte Initiativen. Im Vorstand wurde die Spitalstandort-Initiative deshalb schon ausgiebig und kontrovers diskutiert. Die Mehrheit im Vorstand war gegen die Initiative, den Delegierten empfahl man deshalb, Stimmfreigabe zu beschliessen. Die Delegierten sahen das aber anders und beschlossen, dass die Bekag sich jetzt für die Initiative ausspricht, wenn sie zur Abstimmung gelangt.

Weshalb sympathisieren die bernischen Ärzte mit der Initiative?
Wir sind nicht Spitalpolitiker. Wir sind praktizierende Ärzte und damit am Puls der Bevölkerung. Viele meiner Kollegen konstatieren ein grosses Malaise, wie einem die Spitalpolitik in der Öffentlichkeit entgegenkommt.

Das heisst?
Von den Delegierten wurde moniert, dass es im Kanton bei dezentralen Spitälern an Planungssicherheit fehlt. Das führt dazu, dass der Nachwuchs bei der Ärzteausbildung nicht gesichert ist. Dann sorgt man sich um die Zukunft der wohnortsnahen Spitalgrundversorgung. Schliesslich ist auch die Frage der zunehmenden Zentralisierung ein wichtiges Argument.

Sie sprechen vom Zusammenschluss von Inselspital und Spital Netz Bern?
Ja, die Art und Weise, wie das Projekt durchgezogen worden ist, war für viele ein «Chlapf». Das hat sicher noch Kollegen in das Lager der Befürworter der Initiative getrieben. Die Tendenz, zentralisieren zu wollen, nehmen wir im Kanton vielerorts wahr. Zentralisieren hat aber wohl noch nie geheissen, dass etwas tatsächlich billiger geworden wäre.

Spüren Patienten und Ärzte von dieser Tendenz tatsächlich etwas?
Ja, ich jedenfalls spüre das. Im Frühling kam es für die praktizierenden Ärzte zum Eklat. Im Rahmen des Projekts zum Zusammenschluss von Inselspital und Spital Netz Bern waren plötzlich Weisungen an uns zuweisende Ärzte auf dem Tisch, die für uns unzumutbar waren. Ich kann hier nicht ins Detail gehen. Aber damit wäre die Freiheit der zuweisenden Ärzte massiv beschränkt worden. Der Abgang von Kaderärzten am Tiefenauspital hat auch auf Patienten Auswirkungen. Viele von ihnen gehen ihrem Vertrauensarzt nach oder fragen sich jetzt: Wo kann ich hingehen?

Wie reagieren Sie da als Hausarzt?
Für mich als altmodischen Arzt ist die freie Arztwahl noch immer ein hohes Gut. Der Patient soll selber entscheiden können, wo er sich behandeln lässt.

Die Zuweiser wollen sich also nicht für ein Berner Grossspital einspannen lassen?
Moment, wir lassen uns gerne einspannen – wenn wir mitreden können. Wenn es darum geht, wo ein Patient aufgenommen werden soll, wollen wir von Anfang an einbezogen werden. Schlussendlich sind wir zuweisende Ärzte jene, die am meisten mit den Patienten zu tun haben. Es ist störend, wenn das die Entscheidungsträger lange nicht respektiert haben. Die Zuständigen in diesem Projekt sind bestens ausgewiesene Fachkräfte, aber sie haben nicht jeden Tag mit Kranken zu tun. Die Verantwortlichen haben hoffentlich eingesehen, dass dieses Vorgehen falsch war.

Hat der Entscheid der Ärztegesellschaft zur Unterstützung der Initiative noch mehr Geschirr zerbrochen?
Der Entscheid macht den Austausch jetzt sicher nicht einfacher. Aber wir pflegen unsere Kontakte und werden sie aufrechterhalten. Es ist sicher nicht so, dass damit gleich der ganze Küchenschrank umgefallen wäre. Mit dem Entscheid der Bekag müssen die Verantwortlichen umgehen. Es gibt in der Politik immer wieder Situationen, wo anders entschieden wird, als man es gerne hätte.

Das zentrale Thema für die praktizierenden Ärzte ist der fehlende Nachwuchs. Was hat die Initiative damit zu tun?
Die Ärzte haben Angst, dass die wohnortsnahe Grundversorgung leidet. Die peripheren Spitäler sind ganz wichtige Ausbildungsstätten für die zukünftigen praktizierenden Ärzte. In einer Praxis wie meiner haben sie das ganze Spektrum an Fällen, welche das Leben bietet: Da kommt eine Frau hinein, die geschlagen wurde, eine Viertelstunde später haben Sie es mit einer Schwangerschaft zu tun, dann mit einem gebrochenen Bein. Das lernt man am besten an dezentralen Orten. Deshalb sind die Landspitäler für jene Kollegen, welche die Initiative befürworten, von grosser Bedeutung.

Die Spitalstandort-Initiative widerspricht nicht nur der kantonalen Spitalpolitik. Auch auf nationaler Ebene geht man schon länger andere Wege. Halten die Ärzte an guten alten Zeiten fest?
Es ist menschlich, dass man bewahren will, was man hat. Mir ist auch klar, dass es Veränderungen braucht. Die Ansprüche der Patienten und die Angebote im Gesundheitswesen ändern sich. Dem verschliessen wir uns nicht. Aber nichtsdestotrotz hat die Medizin ausserhalb des Spitals grossen Stellenwert. Darum fühle ich mich legitimiert, bei der Behandlung von Patienten mitzureden.

Was kann die Initiative da ändern?
Ich denke nicht, dass man für den Kanton Bern eine völlig neue Spitalplanung aufstellen kann. Die Behandlung der Initiative im Parlament könnte aber zu einem Gegenvorschlag führen, der die Anliegen der niedergelassenen Ärzte aufnimmt: längerfristige Planungssicherheit in der Zusammenarbeit der dezentralen Spitäler mit den Hausärzten und Spezialisten, die praxisnahe Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses, die Sicherung des ambulanten Notfalldienstes und eine wohnortsnahe, gute Grundversorgung für die Bevölkerung.

Der Bund

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