Im Alter beleidigt und geschlagen

Rund 15 Prozent der Fälle von häuslicher Gewalt betreffen ältere Menschen, insbesondere Seniorinnen. Ein Grund: Die Frau hat sich emanzipiert, der Mann versteht es nicht.

Die Kantonspolizei Bern hat im vergangenen Jahr 954 Fälle von häuslicher Gewalt registriert.

Die Kantonspolizei Bern hat im vergangenen Jahr 954 Fälle von häuslicher Gewalt registriert.

(Bild: Keystone)

Annemarie* wird täglich von ihrem Mann beleidigt und geschlagen. Nicht selten kommt es vor, dass er ihre Möbel oder persönlichen Wertsachen durch die Luft schleudert und in Rage zerstört. Die 75-Jährige wendet sich zunächst an ihr näheres Umfeld. Allerdings fällt es Freunden und Familienmitgliedern schwer, Annemarie zu glauben, geniesst ihr Mann doch den besten Ruf. Sie weiss nicht weiter. Soll sie zur Polizei gehen und ihren Mann anzeigen? Das würde alles verändern. Fünfzig Jahre Ehe – aus und vorbei. Ihr langjähriges Zuhause müsste sie verlassen und sie wäre auf sich allein gestellt. Bruno Meili, ehemaliger Geschäftsleiter von Pro Senectute Kanton Zürich, kennt diese Ängste. Seit seiner Pensionierung arbeitet er als ehrenamtliche Beratungsperson in der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA) und kümmert sich um Fälle wie Annemarie im Kanton Bern. Es sind Frauen, die sich davor scheuen die Justiz anzurufen, weil es ihnen aufgrund der langjährigen Ehe schwerfällt, ihre Angreifer anzuzeigen. Gemäss Jahresstatistik 2015 zur häuslichen Gewalt im Kanton Bern, die gestern erschienen ist, sind knapp 15 Prozent der Gewaltopfer über 50 Jahre alt. Meili sagt, die tatsächliche Opferzahl könnte deutlich höher liegen, denn in der Statistik sind lediglich gemeldete Fälle aufgelistet.

Es gibt ein gewisses Muster

Häusliche Gewalt im Alter komme am häufigsten bei langjährig verheirateten Ehepaaren vor, bestätigt Meili. Dabei sei meistens der Mann die gewaltausübende Person (siehe Statistik). Der Berater sieht ein gewisses Muster: «Oft kommt es zur Gewaltanwendung aufgrund der unterschiedlichen Partizipation von Frau und Mann an der gesellschaftlichen Entwicklung.» Sprich: die stattgefundene Entwicklung bei den Frauen – Emanzipation, Rollenwechsel, zunehmender Status, die bei vielen Männern früherer Generationen auf Unverständnis trifft. Während sich nämlich ihre Ehefrauen weiterentwickelt haben und sich nicht mehr nur durch die traditionelle Hausfrauenrolle identifizieren, seien viele Männer stehen geblieben, so Meili. «Ich habe es ein paar Mal erlebt, dass der Mann gewalttätig wurde, weil die Frau sich nicht mehr hat sagen lassen, wann sie den Haushalt erledigen oder wann sie kochen soll.» Veraltete und realitätsfremde Erwartungen vonseiten der Ehemänner erzeugen Druck, der oft nicht erfüllt werden kann. «Es gibt Männer, die haben kein Verständnis dafür, dass eine Frau, wenn sie älter wird, den Haushalt nicht mehr so wie im Alter von 30 Jahren führen kann», sagt Meili, der selbst schon solche Fälle betreut hat.

Als weitere Gründe für Ehekonflikte nennt er fehlende Empathie, fehlende emotionale Verbindung und ein Auseinanderleben der Eheleute, das zu egoistischem Verhalten führe. Für die UBA beginnt Gewalt bereits auf der psychischen Ebene. «Gewalt heisst jemanden abzuwerten, lächerlich zu machen. Bereits subtile Gewalt ist Gewalt», erklärt Monika Stocker, Präsidentin der UBA. Besonders stark geprägt von psychischer Gewalt ist die zweithäufigste Form von häuslicher Gewalt im Alter: Die, zwischen Kindern und Eltern. Hier versuchen die Kinder über das Leben ihrer gebrechlichen Eltern zu bestimmen mit dem Vorwand, nur das Beste für sie zu wollen.

Grosse Abhängigkeit der Opfer

Bei der Polizei die Anzeige zu erstatten, ist für viele ein schwieriger Schritt. Dabei stellt nicht nur die emotionale oder finanzielle Abhängigkeit zum Ehemann eine Hürde, sondern allgemein die Abhängigkeit des «Altbekannten». Es herrsche grosse Angst davor, aus dem eigenen Umfeld und aus dem eigenen Zuhause herausgerissen zu werden. Eine solche Abhängigkeit existiert auch in Konfliktsituationen zwischen Senioren und ihren Pflegern – die dritthäufigste Form von häuslicher Gewalt. Viele hätten Angst eine Beschwerde gegen ein Heim oder gegen das Pflegepersonal einzureichen, da sie keinen Rauswurf riskieren wollen. «Jemand der 85 ist, hat auch ohne Konfliktsituation grosse Mühe damit, in eine neue Wohnung oder in ein neues Heim zu wechseln.»

Ob sich die Fälle in den letzten Jahren vermehrt haben, sei schwierig zu beurteilen, so Meili. Vor 30 Jahren seien solche Fälle anders beurteilt worden. Etwas habe sich durchaus geändert: «Heute schaut man genauer hin.» Auch trat eine Änderung des Strafgesetzbuchs in Kraft: Wiederholte Tätlichkeiten gelten seit 2004 als Offizialdelikt. Sprich: Sobald die Polizei und die Justiz Kenntnis von den Gewalttaten haben, wird ermittelt.

*Name geändert.

Der Bund

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