«Ich hasste die Berner Mundart»

Die jurassische Regierungsrätin und Erziehungsministerin Elisabeth Baume-Schneider (SP) kämpft mit Herzblut für den neuen welschen Kanton im Jura. Ihr 92-jähriger Vater, einst Antiseparatist, nimmts gelassen.

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Es ist nicht zuletzt der Hartnäckigkeit der Erziehungsdirektorin Elisabeth Baume-Schneider zuzuschreiben, dass die Bevölkerung im Kanton Jura und im Berner Jura am 24. November in getrennten Abstimmungen über die Wünschbarkeit eines neuen gemeinsam Kanton befinden wird. Seit ihrer Wahl in die jurassische Regierung 2003 treibt die 49-jährige Sozialdemokratin das Jura-Dossier voran. Bei den Wahlen 2010 wurde die volksverbundene Ministerin mit dem besten Ergebnis im Amt bestätigt. Die Bauerntochter, die nach dem Studium in der Sozialarbeit tätig war, wuchs in einer berntreuen Familie auf. Ihr Vater, Jean Schneider, war Antiseparatist und bewirtschaftete bis 1991 im jurassischen Les Bois einen Milchwirtschaftsbetrieb.

Auf dem Hof lebten früher auch die Grosseltern Schneider, die Enkelin Elisabeth Schweizerdeutsch lehrten. Die Grosseltern waren 1920 von Diessbach im Berner Seeland in den Jura umgezogen. Dort pachteten sie zunächst im Tal von Tavannes und ab 1936 in Les Bois einen Bauernhof. Elisabeth Baume-Schneider führt die Familientradition weiter, wonach drei Generationen unter demselben Dach wohnen. Sie lebt mit ihrem Mann, den zwei Söhnen und ihrem 92-jährigen Vater in einem stilvoll renovierten alten jurassischen Bauernhaus auf einer Anhöhe ob Les Breuleux.

Frau Baume-Schneider, Sie waren 12 Jahre alt, als 1975 in einer Volksabstimmung die Grenzen des heutigen Kantons Jura gezogen wurden. Hat Sie das damals interessiert?
Elisabeth Baume-Schneider: Als Primarschülerin hat mich das nicht besonders interessiert. Aber ich spürte, dass etwas Wichtiges geschah. Mir fielen die Aufkleber der Kampagnen für oder gegen einen Kanton Jura auf den Autos auf.

Haben Sie am Familientisch über die Jura-Frage diskutiert?
Elisabeth Baume-Schneider: Wir sprachen nicht oft darüber. Wir wussten alle, dass Papa gegen die Gründung eines Kantons Jura war. Mein älterer Bruder stand ebenfalls auf der Seite Berns. In seinem Zimmer hing eine Berner Fahne, und er verbrachte seine Freizeit mit den Jungen aus dem (noch heute bernjurassischen) Nachbardorf La Ferrière. Meine ältere Schwester hatte dagegen jurassische Freundinnen und Freunde. Einmal gelange es ihr nur mit knapper Not, das T-Shirt «Jura, je t’aime» vor dem Zugriff der Eltern zu retten. Zu Hause hätte sie es nie tragen dürfen.

Gab es wegen der gegensätzlichen Haltung von Bruder und Schwester Spannungen in der Familie?
Elisabeth Baume-Schneider: Die Familie meines Vaters hielt damals klar zu Bern. Wir lebten auf dem Hof mit meinen Grosseltern, die zu Hause nur Berndeutsch sprachen. Meine Schwester durfte ihre abweichende Haltung nicht zu offen zeigen. Meine Eltern respektierten aber, dass wir Kinder andere Werthaltungen hatten. Meine Mutter sagte stets: Jeder soll denken, was er will. Aber die Familie darf deswegen nicht zerrissen werden.

Herr Schneider, in den Freibergen waren Sie als Antiseparatist in der Minderheit. Wie erlebten Sie jene heissen Jahre?
Jean Schneider: In Les Bois hatte ich damals keine Schwierigkeiten. Obschon ich im Tal von Tavannes aufgewachsen bin, hielten mich die Jurassier für einen Deutschschweizer. Meine Eltern waren eben eingewanderte Deutschschweizer.
Elisabeth Baume-Schneider: Mein Vater war damals im Gemeinderat von Les Bois und mit anderen Bauern in der Ortssektion der Bauern-, Gewerbe und Bürgerpartei (der heutigen SVP) aktiv. Im Dorf, das am Rand des heutigen Kantons Jura liegt, war bekannt, dass diese Bauernfamilien zu Bern hielten.

Bekamen Sie, Herr Schneider, damals den Hass vieler Jurassier auf die Berner am eigenen Leib zu spüren?
Jean Schneider: Nein, persönlich hatte ich keine Probleme. Separatisten haben nie die Pneus meines Autos zerstochen. Unser Hof lag zudem genau auf der Bezirksgrenze. Im Alltag hatten wir mehr Beziehungen zu La Ferrière und Tramelan als zum Bezirk Freiberge.

Ihre Tochter Elisabeth kämpft heute wie eine Löwin für das Projekt, mit dem Berner Jura einen neuen Kanton zu bilden. Wurmt Sie das als ehemaligen Antiseparatisten?
Jean Schneider: Nein, das geniert mich nicht. Ich bin heute eher dafür, dass die beiden Jura gemeinsame Sache machen. Das wird auch funktionieren.
Elisabeth Baume-Schneider (verdutzt): Papa, du glaubst wirklich, das Projekt werde an der Urne durchkommen?

Herr Schneider, Ihre Geschwister und deren Nachkommen sind im Berner Jura sesshaft. Meiden Sie bei Familienzusammenkünften die Jura-Frage?
Jean Schneider: Mit meiner Schwester Hélène habe ich nie darüber gesprochen. Die Jura-Frage ist für unsere Familie ein unangenehmes Thema.
Elisabeth Baume-Schneider: Eine andere Tante sagte damals, falls sich der Jura von Bern abspalte, würden sie nie mehr einen Fuss in dieses Gebiet setzen.
Jean Schneider (schmunzelnd): Sie kam dann doch wieder zu Besuch.
Elisabeth Baume-Schneider: Diese Tante machte sich auch wegen der Kontrollschilder mit dem JU über uns lustig. Sie sagte, wir seien Jugoslawen.
Jean Schneider: Kurz nach der Gründung des Kantons fuhr ich mit dem Auto nach Bern und parkierte neben dem Bärengraben. Da blieben zwei Passanten stehen, zeigten mit dem Finger auf meine neuen Kontrollschilder und tuschelten. Das fand ich komisch.

Frau Baume-Schneider, wann begannen Sie sich als Jugendliche mit der Jura-Frage auseinanderzusetzen?
Elisabeth Baume-Schneider: In der Zeit der Gründung des Kantons wollte ich vor allem so sein wie meine jurassischen Freundinnen. In der Primarschule erlaubte mir die Lehrerin sogar, dass ich als Protestantin mit den Katholiken den Katechismus-Unterricht besuchen durfte. Ich mochte den reformierten Pfarrer nicht, weil er ein Pro-Berner war. Damals hasste ich die Berner Mundart und tat bei Einkäufen im Dorfladen so, als würde ich kein Wort Deutsch verstehen. Heute bin ich dagegen froh, dass ich Schweizerdeutsch spreche.

Wie haben Sie die Gründung des Kantons Jura erlebt?
Elisabeth Baume-Schneider:
Ich war stolz, dass wir im Jura etwas Neues schufen, auf das die übrige Schweiz schaute. Als ich in La Chaux-de-Fonds und später in Neuenburg studierte, erfuhren wir Jurassier viel Sympathie von unseren Mitstudenten.

In der Deutschschweiz war meine Generation – ich war damals 28-jährig – gespannt, was der jüngste Kanton an Neuem bringen würde. Der Jura wurde aber bald ein gewöhnlicher Kanton. Hatte man sich zu viel erhofft?
Elisabeth Baume-Schneider:
Auch wenn wir heute ein Kanton wie jeder andere sind, haben wir doch Ausserordentliches zustande gebracht. Ohne die Gründung des Kantons Jura gäbe es die Autobahn Transjurane nicht. Unser Bildungswesen wäre nicht im selben Ausmass ausgebaut worden. Wir hätten nicht so viele kulturelle Partnerschaften mit Frankreich und nicht dieselben Möglichkeiten, uns auf Bundesebene Gehör zu verschaffen. Als kleine Region bewies der Jura damals, dass die Demokratie in der Schweiz noch lebendig ist.

Der Kanton Jura existiert seit 34 Jahren. Welche Bilanz ziehen Sie, Herr Schneider?
Jean Schneider:
Als der Kanton Jura gegründet wurde, fragte ich mich, wohin das wohl führen werde. Es ist gut gegangen. Ich fühle mich heute wohl in diesem Kanton. Ich habe immer hart gearbeitet und dabei keinen Unterschied zu früher bemerkt.

Vielen Jungen, die nach 1979 geboren wurden, ist die Jura-Frage ziemlich egal. Wie erklären Sie als Bildungsministerin sich diese Gleichgültigkeit? Elisabeth Baume-Schneider: Ich deute das einerseits als gutes Zeichen. Die Jungen erleben unseren Kanton als verlässlich und keineswegs fragil. Anderseits beunruhigt mich, dass sie die Situation in ihrer Heimatregion nicht verbessern und über die institutionelle Zukunft des Jura reden mögen. Viele Jugendliche beschäftigen sich heute eben mit anderen Fragen: Welche Ausbildung soll ich absolvieren? Welchen Beruf soll ich wählen? Wie werde ich künftig mein Leben verdienen?

Ticken die Jungen im Nord- und im Südjura heute anders als in der Zeit, als Sie jung waren?
Elisabeth Baume-Schneider:
Wir empfanden damals eine Brüderlichkeit zu den Jungen im heutigen Berner Jura. Wir sahen uns als Teil einer jurassischen Schicksalsgemeinschaft. Dies sagt den heutigen Jungen nichts mehr. Sie sind offen für eine Welt, die viel weiter reicht als der Kanton Jura und der Berner Jura. (Der Bund)

Erstellt: 08.11.2013, 09:18 Uhr

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