«Ich habe in einem Leichenwagen gelernt, Auto zu fahren»

«Kalte Seelen», der dritte Krimi der Journalistin Christine Brand, lässt einem die Nackenhaare aufstehen.

Christine Brand ist ihrer Krimi-Heldin Milla Nova in vielem ähnlich.

Christine Brand ist ihrer Krimi-Heldin Milla Nova in vielem ähnlich. Bild: Adrian Moser

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Christine Brand, Sie behaupten, Sie hätten die Heldin ihrer Krimis, die Fernsehjournalistin Milla Nova, aus zwei Freundinnen gebastelt. Das nehmen wir Ihnen nicht ab.
Es gibt ein paar wenige Parallelen zu mir.

Es gibt viele Parallelen. Ein Beispiel: In der «NZZ am Sonntag» konnte man soeben lesen, dass Sie Flugangst haben. Das hat Milla Nova auch.
Sie ist mir nahe durch den Beruf. Sie ist mir nahe durch die Art, wie sie arbeitet und funktioniert. Aber sie ist nicht mich, und ich bin nicht sie. Es gibt auch deutliche Unterschiede. Zum Beispiel trinkt sie Kaffee. Ich nicht.

Aber sich in einen Frauenknast einsperren zu lassen, um dort zu recherchieren, wie es Milla Nova in ihrem neusten Buch tut – das würde die Journalistin Christine Brand auch machen.
Ja, das würde ich selbstverständlich machen. Und ich war zum Recherchieren auch im Frauenknast in Hindelbank. Und im Regionalgefängnis. Und sass auch in einen Gefangenentransporter. Ich probiere schon alles selber aus.

Recherchieren Sie für ein Buch, wie wenn sie einen Artikel schreiben würden? In «Kalte Seelen» etwa beschreiben Sie detailliert, wie man eine Leiche seziert.
Manchmal ziehe ich die Informationen aus meiner Arbeit, vieles recherchiere ich aber. Gerade bei der Leichenobduktion war das eher schwierig. Aber ich hole mir Hilfe. Etwa vom emeritierten Rechtsmediziner Ueli Zollinger. Wir stehen in regem Mailkontakt – dabei hoffe ich stets, nicht von der Polizei überwacht zu werden. Da ich so Fragen stelle wie: «Wie kann man am besten eine Leiche beseitigen?» Wenn die Polizei mitlesen würde, würde ich schnell verdächtig.

Wie Ihre Hauptfigur Milla Nova in Ihrem neusten Buch.
Stimmt, eine weitere Parallele.

Das klingt alles sehr aufwendig. Wie lange arbeiten Sie an einem Buch?
Es ist aufwendig. Wenn ich ein Buch beginne, gehe ich einen Monat weg. Bis ich ein Buch beendet habe, dauert es sicher ein Jahr.

Sie haben als Journalistin einen aufreibenden Job und trotzdem in vier Jahren drei Bücher veröffentlicht. Wie machen Sie das bloss?
Ich gebe viel Ferien her. Einen Monat lang schreiben, da kommt man relativ weit. Und sonst halt am Sonntag, am Morgen. Aber ich bin schon eher eine Schnellschreiberin.

In Deutschland würde man Sie eine Wuchtbrumme nennen. Heute Morgen haben Sie in Zürich schnell mal so einen 18-Kilometer-Lauf absolviert – in 1:25 Stunden. Kurz darauf geben Sie in Bern Interviews.
Ich kann mich wirklich nicht beklagen über zu wenig Energie.

Sie bedienen sich an ihren Freundinnen als Vorlagen, als Journalist erkennt man im neusten Buch auch Journalistenkollegen wider. Bewegt man sich in Ihrem Umfeld, muss man da damit rechnen, im nächsten Buch verwurstelt zu werden?
Ja. Ich kann es nicht abstreiten. Manchmal frage ich meine Freundinnen: «Darf ich das im nächsten Buch verwenden?»

Sie fragen also immerhin?
Ja. Und beschreibe es natürlich so, dass man die Personen nicht erkennt. Aber ich stibitze sehr gerne aus der Realität.

Ein Journalist bleibt auch in der Fiktion ein Journalist?
Für mich schon. T. C. Boyle hat mal gesagt, ein Journalist, der ein Buch über Alaska schreibt, reist hin und schaut es sich an. Und ein Autor, der vorher nicht Journalist war, kann ein Buch über Alaska schreiben, ohne dort gewesen zu sein. Bei mir stelle ich aber auch fest, dass ich mich von Buch zu Buch zunehmend von der Realität löse.

Jüngst haben Sie den «Heiler»-Prozess begleitet. Wird dieser im nächsten Buch vorkommen?
Das kann ich mir vorstellen – aber bestimmt nur am Rande. Für mich ist der Heiler-Prozess Beleg dafür, dass die Realität oft Abscheulicheres und Schrecklicheres bietet, als man es erfinden könnte.

Sie wirken, als wären Sie ein sonniges Gemüt. Aber gerade im neusten Buch gibt es drastische Szenen: Sie beschreiben im Detail, wie ein Serientäter seine grausamen Taten begeht, und wie er sie geniesst. Wie vermögen Sie sich in einen gestörten Mann hineinzudenken?
Ich bin ein ausgesprochener fröhlicher und glücklicher Mensch. Meine morbide Ader muss genetisch bedingt oder anerzogen worden sein. Mein Vater war Bestatter. Ich habe in einem Leichenauto gelernt, Auto zu fahren.

Sie waren jahrelang Gerichtsberichterstatterin. Steckt in jedem von uns das ganze Repertoire menschlichen Handelns? Steckt in jedem von uns ein Mörder?
Ich habe den Eindruck, dass jeder von uns unter gewissen Umständen, zum Mörder werden kann. Mit Betonung auf «gewissen Umständen». Ich habe mich auch mit Fachliteratur in die Psychen von Tätern eingelesen. Nach dem ersten Buch haben mir Leute gesagt, dass die Figur des Täters besser gelungen sei als jene der Kommissarin. Das gab mir schon zu denken.

Der Täter wütet jahrelang und die Opfer werden nicht vermisst, weil sie Sans-Papiers sind. Eine furchtbare Aussage eigentlich. Wollen Sie damit auf die Situation von Papierlosen aufmerksam machen?
Es ist ein Thema, das mir am Herzen liegt – und wo ich gerne hätte, dass man mehr hinschaut. Aber Ausgangspunkt war etwas anderes – etwas, was mich schon immer berührt hat: dass es Leute gibt, die sterben – und niemand merkt es. Ich stelle mir immer vor, was hatte diese Person für ein Leben gehabt, dass niemand merkt, dass sie gestorben ist.

Buchvernissage «Kalte Seelen», Dienstag 20 Uhr Buchhandlung Thalia im Loeb. (Der Bund)

Erstellt: 09.04.2013, 16:36 Uhr

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