«Ich bin ein neuer Typ von Präsidentin»

Die kantonale SP wird künftig von Ursula Marti präsidiert. Die Stadtbernerin ist überzeugt, dass die Politik der Sozialdemokraten in ländlichen Gebieten künftig immer mehr Wähler ansprechen wird.

Folgt im SP-Präsidium auf Roland Näf: Ursula Marti.

Folgt im SP-Präsidium auf Roland Näf: Ursula Marti. Bild: Franziska Scheidegger

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Im Frühling wurden Sie in der Stadt Bern mit dem besten Ergebnis als Grossrätin bestätigt. Wurden damals bei Ihnen Ambitionen auf das Parteipräsidium geweckt?
Nein, das war damals noch überhaupt kein Thema. Zudem war zu jenem Zeitpunkt auch noch gar nicht bekannt, dass Roland Näf zurücktreten wird.

Wenige hatten damit gerechnet, 
dass die parteiinterne Findungs­kommission Sie nominieren würde. 
Der «Bund» hatte vorgängig gar ge­schrieben, Sie seien kein politisches Schwergewicht. Hat Sie das überrascht?
Nein. Ich kann das verstehen. Erstens bin ich noch nicht sehr lang auf Kantons­ebene politisch aktiv. Zweitens war meine Wahl wohl auch deshalb für viele eine Überraschung, weil mein Vorgänger Roland Näf ein sehr prägnanter Präsident war. Viele dachten, die Nachfolgerin müsste ein ähnlicher Typ sein.

Roland Näf war extrovertiert und auch einer Kontroverse nicht ab­geneigt. Sie dagegen sind eher eine stille Schafferin. Da kann man 
im kantonalen Politbetrieb schon mal überhört werden.
Ich weiss aus Erfahrung, dass es aufgrund meiner zurückhaltenden Art manchmal etwas länger geht, bis man mich kennt. Danach kann ich meinen Einfluss aber durchaus geltend machen. Ich will mit Argumenten überzeugen. Zudem bin ich gut vernetzt. Viele haben zudem wohl ein bestimmtes Bild einer Parteipräsidentin im Kopf und müssen sich einfach noch an einen andern Typ gewöhnen.

Was für ein anderer Typ Präsidentin wird Ursula Marti denn sein?
Wenn ich ein Amt annehme, dann engagiere ich mich voll. Dabei muss ich nicht immer in der Öffentlichkeit stehen. Ich werde aber innerhalb der Partei präsent sein, den Überblick behalten und gezielt führen. Zentral ist auch mein Amt im Grossen Rat, wo ich künftig noch aktiver sein werde. Wichtig ist mir auch, die Sektionen zu stärken. Wir müssen im ganzen Kanton präsent sein, dazu brauchen wir motivierte Leute.

Ihrem Vorgänger wurde vorgeworfen, durch seine offensive Kommunikationsstrategie manche politische Gegner vor den Kopf gestossen und dadurch Allianzen verunmöglicht zu haben.
Ich finde es gut und stimmig, wie er das Amt ausgeübt hat. Wichtig ist, dass man authentisch ist. Näf war dieser Typ, sein Engagement war nicht aufgesetzt.

Warum hat die Findungskommission Sie als seine Nachfolgerin erkoren?
Gefragt war eine Frau, Grossrätin, breit akzeptiert und mit einem genügend grossen Zeitbudget. Das schränkte die Auswahl ein. Das genauere Auswahlprozedere der Findungskommission ist mir aber nicht bekannt.

Welches sind die grössten Herausforderungen, die auf die kantonale SP in den kommenden vier Jahren zukommen werden?
An erster Stelle stehen die Nationalratswahlen. Sie sind eine besondere Herausforderung, da dem Kanton Bern ein Sitz weniger zur Verfügung stehen wird als bis anhin. Wir wollen nicht diejenige Partei sein, die diesen Sitz verliert.

Das wird nicht einfach. Von der Mitte macht die GLP Druck. Diese möchte der SP mit den Grünen ihren traditionellen Listenpartner ausspannen.
Ich gehe davon aus, dass unsere Listenverbindung mit den Grünen erneut zustande kommen wird. Ich gehe sehr zuversichtlich in die Wahlen, da wir mit unseren besten Leuten in den Wahlkampf ziehen werden. Zudem wollen wir mit der «liste francophone» noch mehr französischsprachige Wähler erreichen.

Auf welche Inhalte setzen Sie?
Die Kampagne ist aktuell noch in Arbeit. Die thematischen Schwerpunkte werden wir auch nach der nationalen Kampagne richten. Sicher ist: Wir werden dem aktuellen politischen Klima der Abschottung, Fremdenfeindlichkeit und der Diffamierung der Sozialhilfe vehement Toleranz und Offenheit entgegenhalten.

Sie möchten die SP in der Agglomeration und dem Land stärken. 
Ist dies möglich, ohne in der Stadt Wähler zu verlieren?
Davon bin ich überzeugt. Letztlich sind es die gleichen Themen, welche die Leute in der Stadt und auf dem Land beschäftigen. Gerechtere Löhne, das Schaffen von Wohnraum mit flankierenden Massnahmen gegen die fortschreitende Zersiedlung, der Wunsch nach guter Bildung.

Bisher ist es der SP in den ländlichen Gebieten meist weniger gut gelungen, die Wähler anzusprechen.
Dass dies künftig besser gelingen wird, hat auch mit aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Ein Beispiel: Da Frauen immer häufiger berufstätig sind, werden auch auf dem Land immer mehr Betreuungsangebote benötigt. Mit unseren Forderungen nach besseren Betreuungsangeboten für Kinder werden wird deshalb auch auf dem Land immer stärker punkten. (Der Bund)

Erstellt: 06.11.2014, 08:19 Uhr

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