«Herr Mörgeli steht für eine veraltete Medizingeschichte»

Für den Leiter des Instituts für Medizingeschichte in Bern zeugen die Turbulenzen um Christoph Mörgeli und die Uni Zürich nicht nur von universitätsinternen Problemen, sondern auch vom Wandel des Fachs.

Der Mediziner und Kunsthistoriker Hubert Steinke (47) mit einer «eisernen Lunge» – einem alten Beatmungsgerät – im Depot des Inselspitals.

Der Mediziner und Kunsthistoriker Hubert Steinke (47) mit einer «eisernen Lunge» – einem alten Beatmungsgerät – im Depot des Inselspitals.

(Bild: Adrian Moser)

Herr Steinke, Sie sind im akademischen Protestkomitee, das Unterschriften gegen die Entlassung der Professorin Iris Ritzmann durch die Universität Zürich sammelt. Was brennt Ihnen auf der Zunge?
Wir finden es eine unverhältnismässige Reaktion der Uni, Frau Ritzmann wegen der Weitergabe von Login-Daten zu entlassen. Zudem haben wir uns ernsthaft Sorgen gemacht um die Qualität der Forschung und Lehre am Institut in Zürich. Die Entlassung von Frau Ritzmann, einer guten Forscherin, war kontraproduktiv.

Dann wurde Christoph Mörgeli zu Recht entlassen?
Ob das Entlassungsverfahren rechtmässig abgelaufen ist, muss untersucht werden. Es ist aber schon lange bekannt, dass Herr Mörgeli seine Hauptaufgabe als Konservator vernachlässigt hat: die Betreuung und Inventarisierung der Sammlung. Es ist ein Fortschritt, dass die Uni Zürich jetzt eine Million Franken für die Inventarisierung gesprochen hat. Aber die Hauptdiskussion ist aus meiner Sicht nun eher, wie es mit dem Museum weitergeht. Diskutiert werden offenbar ein Medizinmuseum, das aktuelle Themen aufgreift, oder die Integration in ein gesamtuniversitäres Museum.

Welche Zukunft sehen Sie für das Zürcher Institut?
Eine positive, aber erst einmal muss die Uni die Hintergründe der Probleme aufarbeiten.

Sie haben sich bereits öffentlich zu den mangelhaften Dissertationen geäussert. Waren sie so schlimm?
Die zwei Arbeiten, die ich gesehen habe, waren klar ungenügend und hatten nicht einmal Fussnoten. Hier hat das Kontrollverfahren offenbar versagt.

Wie läuft dieses in der Regel ab?
In Bern und an anderen Universitäten gibt es eine zweite Instanz, die ein Gutachten erstellt. Dieses gibt die Dissertationskommission bei einem Professor der Fakultät oder einem Emeritus in Auftrag. Wer das ist, weiss der Betreuer der Arbeit nicht. Auf Basis des Gutachtens wird die Arbeit allenfalls noch überarbeitet, erneut eingegeben und kommt dann erst vor den Fakultätsrat. Dass die zahlreichen Dissertationen in dem 100-köpfigen Gremium dann eher flüchtig angeschaut werden, kann man sich denken.

Nun scheint auch der Ruf der Medizingeschichte unter der Affäre Mörgeli gelitten zu haben.
Das Fach hatte vorher eher gar keinen Ruf, es war wenig bekannt. Aber ja, jetzt fragen Medien und Leserbriefschreiber, wozu es das Fach überhaupt gibt. Mit der Jubiläumsfeier unseres Instituts, die heute stattfindet, möchten wir auch zeigen, was die moderne Medizingeschichte tut und warum es sie braucht. So ist die Entlassung von Herrn Mörgeli nicht nur Ausdruck von universitätsinternen Problemen, sondern sie passt zum grundlegenden Wandel, der in der Medizingeschichte stattgefunden hat. Mörgeli steht für eine Medizingeschichte, wie man sie vor 50 Jahren gemacht hat.

Haben Sie ein Beispiel?
Das Buch «Mikroskop und Ohr: Der Weg zur Mikrochirurgie» (2012), das Mörgeli zusammen mit einem renommierten Spezialisten verfasst hat, reduziert die Geschichte der Mikrochirurgie auf eine simple Erfolgsgeschichte.

Sie haben doch auch populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht.
Ja, und mit dem Ansatz an sich habe ich auch kein Problem. Was veraltet ist, ist der unkritische Ansatz, Ärzte als Helden zu inszenieren und die aufgelisteten Errungenschaften der Medizin als Geschichte zu verstehen. Moderne Medizinhistoriker arbeiten wie auch allgemeine Historiker mit Fragestellungen, die sie mit einem geeigneten methodischen Vorgehen untersuchen. Wie zeigt sich dieser Wandel in der Geschichte des Berner Instituts?
Der erste Direktor, der Anatomieprofessor Erich Hintzsche, interessierte sich stark für die Biografie des Berner Gelehrten Albrecht von Haller und sammelte dessen Werke. Aus der Sammlung, die Hintzsche der Universität Bern schenkte, entstand die medizinhistorische Bibliothek, die später – mit der Professionalisierung des Fachs – in ein Institut umgewandelt wurde. Später analysierten die neu ausgebildeten Medizinhistoriker stärker mit geschichtswissenschaftlichen Methoden konkrete Fragen wie: Wie funktionierte eine Arztpraxis vor 200 Jahren? Wie setzte sich medizinisches Wissen durch?

Das Institut beherbergt neben einer Bibliothek und dem Archiv auch Objektsammlungen. Könnte man aus den Instrumenten, Skeletten etc. nicht auch ein Museum machen?
Grundsätzlich liegt unser Hauptauftrag bei der Lehre und Forschung. Ein Museum, das primär der Öffentlichkeitsarbeit dient, hat an der Uni nicht Priorität. Wir allein hätten aber auch zu wenig Ressourcen für ein Museum. Zum einen sind wir ein kleines Team: Einen «Mörgeli», also jemanden, der für die Betreuung der Sammlung angestellt ist, gibt es nicht. Ab und zu unterstützt uns ein Hilfsassistent. Mein Vorgänger hat gar in den Weihnachtsferien inventarisiert. Zum anderen ist es recht eng: Seit wir 2004 mit dem Ausbau des Lernzentrums den Schausaal räumen mussten, ist im Lesesaal der Bibliothek nur noch ein kleiner Teil der Sammlung in Vitrinen ausgestellt. Der Rest lagert zurzeit auf dem Estrich.

Das klingt nach suboptimalen Bedingungen für die Konservierung.
Stimmt. Hier liegt unser Fokus für die Zukunft auf der Kooperation mit der Inselspital-Stiftung. Zurzeit wird deren museale Sammlung im Depot des Inselspitals inventarisiert. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin, die von der Insel angestellt ist, hilft auch im Institut mit. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll entschieden werden, ob die beiden Sammlungen zusammengelegt werden und was daraus resultieren soll.

Könnte auf dem Insel-Areal ein Medizinmuseum entstehen?
Das ist möglich, wird aber auch von den Kosten abhängen. Allerdings meine ich nicht das klassische Bild: Medizingeschichte gleich in Vitrinen ausgestellte Körperteile. Neben der Anatomie gibt es viele andere medizinhistorische Gebiete, wie etwa die Gesundheitsgeschichte. Die Vision des Instituts für das Insel-Areal ist eine Art Diskussionsforum mit einer Dauerausstellung zur Medizingeschichte, thematisch aktuellen Ausstellungen sowie Podien und Vorträgen. Das ist die zentrale Aufgabe der Medizingeschichte für die Ausbildung: Ärzte sollen kritisch und mit einem historischen Hintergrund über Medizin reflektieren können.

Aber baut die Uni Bern hier nicht eher ab? 2012 hat sie den Naturwissenschaften das Institut für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte geschlossen.
Bei der medizinischen Lehre baut man eher aus. Ab 2014 gehört neu ein zweiwöchiger Block zu «Medical Humanities» zum Grundstudium.

Vorträge, Podium und Apéro am Freitag, 22. November um 14 Uhr im Hörsaal des Anatomiegebäudes, Bühlstrasse 26.

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