Fremdplatzierungen nehmen zu

Die Kosten für Fremdplatzierungen von Minderjährigen sind im Kanton Bern um zehn Millionen Franken gestiegen.

Die meisten Platzierungen erfolgen freiwillig: Kindes-  und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) des Kantons Bern.

Die meisten Platzierungen erfolgen freiwillig: Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) des Kantons Bern. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Anzahl Fremdplatzierungen von Minderjährigen hat zugenommen, seit die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) 2013 das kommunale Vormundschaftswesen abgelöst hat. Während 2012 noch 4074 Fremdplatzierungen gezählt wurden, waren es 2014 4401 Fälle. Dies entspricht einer Zunahme von acht Prozent, wie der Kanton gestern mitteilte.

Der Anstieg sei nicht gewollt, primär würden im Sinne des milderen Mittels immer ambulante Massnahmen angestrebt, sagt die kantonale Jugendamtsleiterin Andrea Weik. Die Entwicklung erklärt sie damit, dass die Zunahme von Platzierungen einem gesellschaftlichen Trend entspreche. Zudem seien die Referenzzahlen von 2012 mit Vorsicht zu geniessen, weil sie ungenau seien. Schliesslich hätten unter anderem die Sonderunterbringungen von minderjährigen Asylsuchenden zur Erhöhung der Fallzahlen beigetragen, weil sie vorher nicht mitgezählt worden seien, sagt Weik.

Mehr Chancen auf Erfolg

Aus den nun vom Kanton veröffentlichten Zahlen geht auch hervor, dass eine Verlagerung von behördlich angeordneten hin zu freiwilligen Fremdplatzierungen erfolgt ist. Die angeordneten Massnahmen seien um etwa ein Viertel auf 1389 Fälle gesunken. Gleichzeitig seien die freiwilligen Platzierungen zwischen 2012 und 2014 um rund 35 Prozent auf 3012 Fälle angestiegen. Während die Kesb Fremdplatzierungen anordnet, sind für die freiwilligen Massnahmen die Sozialdienste zuständig. Diese Entwicklung ist gewünscht: Massnahmen ohne Zwang hätten mehr Chancen auf Erfolg, heisst es in der Medienmitteilung. Zudem behält die Kesb mit der Aussage recht, dass die Zahl der von ihr verhängten Massnahmen gesunken ist.

Laut Weik müssen die Steuerung und das Controlling sowohl bei den freiwilligen als auch den behördlichen Platzierungen weiter entwickelt werden, damit die Kosten transparent ausgewiesen werden können: «Man muss sie unter die Lupe nehmen», sagt sie. Auch bei den freiwilligen Platzierungen müsste generell abgeklärt werden, ob der Bedarf für die Massnahmen vorhanden sei und ob alle anderen Hilfsmassnahmen ausgeschöpft seien. Zudem müssten Kostenvergleiche angestellt werden.

Arbeitsbelastung Sozialdienste

Wenig Verständnis für das Misstrauen der Jugendamtsleiterin hat die Vorsteherin des Sozialamts, Regula Unteregger. «Die Verlagerung in den freiwilligen Bereich ist gewollt», sagt sie. Deshalb verstehe sie nicht, dass diese Fälle nun speziell hinterfragt werden sollten. Vielmehr bestätige die Verlagerung die gestiegene Arbeitsbelastung der Sozialdienste. Die Gemeinden beklagten sich in der Vergangenheit zum Teil über die hohe Arbeitsbelastung im Zusammenhang mit der Kantonalisierung des Vormundschaftswesens. Weil der Kanton eine neue Behörde schuf, gingen viele ursprünglich von einer Entlastung der Sozialdienste aus. «Heute funktioniert es gut, aber es war eine Herausforderung», sagt Unteregger.

Moderate Kostensteigerung

Vor dem Hintergrund, dass ambulante Massnahmen angestrebt werden, um die einschneidenden Fremdplatzierungen zu vermeiden, lassen die erhobenen Zahlen aufhorchen. Denn die freiwilligen ambulanten Massnahmen haben abgenommen, nur die von der Kesb angeordneten haben auf viel kleinerem Niveau zugenommen. In die Kompetenz der Sozialdienste fielen im Jahr 2014 2008 ambulante Massnahmen, 2012 waren es 2604.

Aufgrund der Analyse ist nun auch klar, dass die Kosten mit der Einführung der Kesb gestiegen sind. Ebenfalls gelöst ist ein angebliches Rätsel um Kostenverschiebungen zwischen den kantonalen Direktionen. Im Bereich der Fremdplatzierungen ist der Aufwand von knapp 78 Millionen Franken auf rund 88 Millionen Franken gestiegen. Auch die Ausgaben pro Fall sind um rund 5 Prozent höher. Diese Kostensteigerung sei vor dem Hintergrund des erfolgten Systemwechsels moderat, heisst es beim Kanton. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.06.2015, 15:47 Uhr

Artikel zum Thema

Kanton steht bei Heimkosten vor einem Rätsel

Im Jahr 2013 sind die Kosten des Kantons für freiwillige Platzierungen in Heimen um 23 Millionen angestiegen. Ob die Kesb dafür verantwortlich sind, ist unklar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...